• 21.12.2012

Diese Sätze soll man lesen

SCHIMPFKULTUR Der Autor Uli Hannemann hört sich nicht nur gut an, er liest sich auch gut - dies jedenfalls ergab der beherzte Selbstversuch einer Kollegin

Seit knapp zehn Jahren stehen Uli Hannemann und ich auf denselben Bühnen und lesen Geschichten vor, doch noch nie hab ich ein Buch von ihm gelesen. Wozu auch, dachte ich, man hört sich ja ständig, und für die taz schreibt er auch, braucht man ja nicht auch noch das Buch durchzuackern. Voll blöd von mir!

Uli ist nämlich keiner von denen, dessen Texte laut knallen und dann rückstandslos verpuffen. Seine Geschichten rieseln so am Rand der Großhirnrinde in den Kopf, sickern vom Gedächtnis ins Unbewusste und bleiben dort kleben.

Und dann, wenn man gar nicht damit rechnet, kann es passieren, dass so ein Hannemann-Satz wieder hochkommt. So was wie: Hannover - eine Stadt wie ein Kackhaufen, in dessen Mitte jemand einen Bahnhof gesetzt hat. Sinngemäß, er hat das bestimmt noch schöner, fieser, subtiler, perfider, eleganter ausgedrückt. Ich glaube, die Geschichte hab ich vor fünf Jahren gehört bei der Premiere seines Bestsellers "Neulich in Neukölln".

Die männliche Rowling

Seitdem ist Uli so was wie die männliche Joanne K. Rowling von Berlin geworden. Kollegen prügeln sich darum, Hannemann-Zitate auf die Cover ihrer Bücher zu kriegen. Ganze Schriftstellerfamilien werden mittlerweile von auf diese Weise manipulierten Fehlkäufen unaufmerksamer Hannemann-Fans ernährt.

Sein neues Buch heißt "Wenn der Kuchen schweigt, sprechen die Krümel", es ist ein Sprachrohr der Entrechteten und Sprachlosen sozusagen. Über den Urlaub in einem deutschen Hippiedorf auf La Gomera schreibt er: "Wo sich im Dorf die Treppe verzweigt, weist uns ein Schild auf Deutsch links entlang zum Lomi-Lomi und zum Trommelbaukurs. Das liest sich wie Frommelbaukurs, denn die fantasievolle weiche Schnörkelführung hat im Schöpfer des Schilds ein Gefäß für ihre Botschaft der Liebe gefunden, die die Buchstaben endlich von ihrer fatalen Bedeutungsenge befreit." Das sind Sätze, die man dreimal lesen sollte, um das Ausmaß ihrer Großartigkeit auch nur zu erahnen; Sätze, die einem vorkommen wie rückwärts geschrieben. Manchmal schreibt Uli Hannemann "vermag" statt "kann" und garniert den komplizierten Satz dann mit einem derben Schimpfwort wie der Kirsche auf dem Kuchen.

Bei der Lesebühne "LSD - Liebe Statt Drogen" ist Uli Hannemann traditionell derjenige, der den ersten Text liest. In trockenem und trotzdem leicht weinerlichem Ton trägt er die Geschichten vor. Beim Zuhören hat man manchmal das Bedürfnis, ihn in den Arm zu nehmen, wenn wieder einer seiner Ich-Erzähler grandios gescheitert ist. Und dann aber liest man den Text in seinem Buch nach und merkt erst jetzt, dass gar nicht der Erzähler das Opfer war, sondern alle anderen Figuren im Text.

Ich bin noch nie von Uli Hannemann persönlich beleidigt worden. Und ich bin gleichzeitig erleichtert und beleidigt deswegen. Es ist kompliziert. Schließlich weiß ja niemand so genau, wo der Mann eigentlich herkommt: Braunschweig, geht das Gerücht, und dann in Bayern aufgewachsen. Danach irgendwie nur noch Neukölln. (Mein Lieblingstext aus dem neuen Buch ist übrigens das Tagebuch des "kleinen Kevin" aus Neukölln über die Klassenfahrt nach Steglitz. Man sollte das Buch nicht im Bett lesen, wenn andere Leute daneben versuchen zu schlafen. Die Schnorchelgeräusche unterdrückten Lachens torpedieren jede Nachtruhe.)

Ich habe den Verdacht, dass die Meisterschaft des Uli Hannemann aus der Verbindung von bayerischer Schimpfkultur mit Berliner Kotzbrockigkeit herrührt. Bayerisch "Leck mi am Oasch" ist nämlich eine Beleidigung; "Mi leckst am Oasch" dagegen ein Kompliment, hab ich gelernt, dazu das berlinische "Da kamann nich meckern" als Ausdruck höchstmöglicher Wertschätzung, wie soll da bitte keine groteske Ironie entstehen, die manchmal die Grenze zum Zynismus streift?

Auf jeden Fall ist ein grandioses Buch daraus entstanden, das ich froh bin gelesen zu haben.

LEA STREISAND

Uli Hannemann: "Wenn der Kuchen schweigt, sprechen die Krümel". Ullstein, Berlin 2012, 240 Seiten, 7,99 Euro

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