Christoph Jacke, Poptheorie-Professor und Leiter des Studiengangs "Populäre Musik und Medien", diskutierte mit Diedrich Diederichsen über die Theorie des Populären. VON NADJA GEER
Selten war die Lücke zwischen der alltäglich praktizierten Popkultur und der theoretischen Durchdringung des Formats Pop größer als heute. Während sich beispielsweise Videos auf You Tube anschauen durch tumbes Tun auszeichnet, ist die Beobachtung des Populären in eine neue Stufe eingetreten: Beobachtet werden jetzt die Beobachter.
Gerade ist Christoph Jacke zum ersten Poptheorie-Professor Deutschlands ernannt worden. Er leitet den Studiengang "Populäre Musik und Medien" in Paderborn. Er ist es auch, der dazu beigetragen hat, dass in einer Arbeitsgruppe der "Gesellschaft für Medienwissenschaft" letztes Wochenende in Paderborn nicht nur Medien-, Kultur- und Literaturwissenschaftler aus ganz Deutschland, sondern auch eine Volkskundlerin aus Basel mit Diedrich Diederichsen laut darüber nachdachten, ob es eine, die Theorie des Populären gäbe.
Die Antwort lautet: Nein. Eine einzelne, große Theorieerzählung nach Adornos These von der "Kulturindustrie" und den vielen kleinen Storys der "Cultural Studies" gibt es noch nicht. Sie konnte auch in anderthalb Tagen nicht aus dem verschneiten Paderborner Mutterboden gestampft werden. Eher zeichnete sich das Theorie-Feld durch weit auseinanderliegende Furchen aus.
Während Diederichsen seine These, dass man sich mit Popmusik mutterseelenallein in der Gesellschaft befände, noch einmal betonte, entwickelt Jochen Bonz eine affektgeladene, heiße Theorie, in der Pop als Beziehung im Mittelpunkt stand. Der Ansatz von Thomas Hecken war dagegen auffallend cool: Nach Hecken ist Poptheorie kein aufgeladenes ideologienahes Tool, um die Welt aus den Angeln zu heben, sondern lediglich eine "Hilfe", um den Dingen, die einen gerade faszinieren, wie das Magazin In Style oder aktuelle Pornofilmproduktionen, näherzukommen. Zum intellektuellen Engtanz mit der ästhetischen Praxis bräuchte man darüber hinaus das Rad nicht neu zu erfinden, man müsste es aber mal drehen.
Kurz: Es wird genug Poptheorie in Deutschland produziert, aber aus unerfindlichen Gründen sind alle diese Gedankengebäude, die uns helfen, unserem favorisierten Pop-Artefaktum mal richtig nahe zu kommen, unauffindbar. Zerstreut zwischen den einzelnen Fakultäten an einem Dutzend verschiedener Unis, in Zeitungen, Magazinen, im Netz, in Büchern und Linernotes. Der Tenor der Tagung klingt paradox: Die größte Aufgabe der Poptheoretiker liegt augenblicklich darin, ihre Theorie populär zu machen. NADJA GEER
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