Filmgeschichte in Weimar

In der Perspektive der Herrenreiter

Mit einer Studie untersucht Tobias Nagl rassistische Darstellungen im Weimarer Kino. Der skandalöse Umgang mit Ausländern wirft Schatten auch auf Wallraffs Blackface-Auftritt. VON DAVID KLEINGERS

Schiller ist in Weimar gut aufgearbeitet - im Gegensatz zu Rasse und Repräsentation im Weimarer Kino. Foto: dpa

"Wir suchen ja keinen Schauspieler, wir suchen halt einen Schwarzen." Mit diesen Worten wollen Rainer Werner Fassbinder und Ingrid Caven in Lothar Lamberts "1 Berlin-Harlem" (1974), den afroamerikanischen Darsteller Conrad Jennings zur kostenlosen Mitwirkung in einem ihrer Filme bewegen.

In der Einleitung zu Tobias Nagls umfassender Studie "Die unheimliche Maschine. Rasse und Repräsentation im Weimarer Kino" markiert dieser gleichsam bewusst zynische wie aufschlussreiche Dialogsatz aus Lamberts Undergroundfilm die fortwährende Problematik eines weißen, "rassisch" strukturierten Kinoblicks sowie die bis heute andauernde Kontinuität der körperlich fixierten Vorstellungen von "Schwarzsein".

Damit macht Nagl gleich zu Beginn seiner luziden Arbeit deutlich, dass es ihm keineswegs nur um die isolierte Detailbetrachtung eines weitgehend ignorierten Aspekts deutscher Filmgeschichte geht.

Vielmehr formuliert der in London, Ontario lehrende Filmwissenschaftler seine zwingende Analyse der komplexen ästhetischen, politischen und ökonomischen Historie nichtweißer Präsenz und Differenz im Kino zwischen dem Ersten und Zweiten Weltkrieg. Zudem fordert seine Studie dazu auf, den Diskurs über Rasse über die Grenzen des akademischen Erkenntnisgewinns hinaus zu führen.

Nagl versteht Filmgeschichte zuvörderst als Archäologie sozialer Praxis und stellt der Analyse von Filmtexten die historische Untersuchung des Entstehungs- und Wirkungskontextes gegenüber. Was er auf knapp 800 Seiten in der Verschränkung von postkolonialer Kritik, Rassismustheorie sowie akribischer film- und zeithistorischer Quellenforschung entwickelt, ist in vielerlei Hinsicht ein paradigmatischer Perspektivwechsel.

Etablierte Siegfried Kracauers "Von Caligari zu Hitler" (1959) eine Geschichte des Weimarer Kinos, die in exemplarischen Filmbetrachtungen eine sukzessive Bewegung hin zum Totalitarismus und Nationalsozialismus konstatierte, so beschreibt Nagl eine gegenläufige Dynamik: Ausgehend von der Niederlage des Wilhelminischen Kaiserreichs im Ersten Weltkrieg beleuchtet er, wie deutsche Filme der frühen 20er-Jahre ihre unmittelbare Vorgeschichte verarbeiten. Neben einem sensationalistischen Interesse am unheimlichen, zugleich dämonisierten und mit bedrohlicher Sexualität assoziierten Fremden bestimmte vor allem der nationalistisch-chauvinistische Phantomschmerz, den der Verlust der deutschen Kolonien hinterlassen hatte, den Blick auf nichtweiße Figuren und Gesellschaften im Weimarer Kino.

Populäre Filme wie etwa Joe Mays aufwendiges Abenteuer-Serial "Die Herrin der Welt" aus dem Jahr 1921 inszenierten spekulative Dschungelepisoden in den Studiostätten Berlins und kapitalisierten so die exotischen Projektionen ihres Publikums. In solchen Großproduktionen traten auch nichtweiße Darsteller auf, ob als Komparsen in Massenszenen oder in Hauptrollen. Chinesen und gemeinhin als Afrikadeutsche titulierte Migranten aus den ehemaligen Kolonien gehörten zum Personal der deutschen Filmindustrie. Ihre öffentliche Wahrnehmung und Wertschätzung war geprägt von ebenjenen Stereotypen, die sie auf der Leinwand reproduzierten.

Anhand zeitgenössischer Rezensionen, Zeitungsartikel und oft erstmals hier publizierter Archivdokumente illustriert Nagl die Arbeits- und Lebensrealität dieser Akteure, die sich mit Bildung und Beruf eine Existenz in der urbanen Moderne aufgebaut hatten, vor der Kamera aber den wahlweise naiven, edlen oder bedrohlichen Wilden gaben.

Die Besetzung des Rheinlands durch die französische Armee war einer der wesentlichen Aufhänger nationalistischer Propaganda. Der Umstand, dass zu den Besatzungstruppen auch Kolonialregimenter zählten, wurde zum Gegenstand einer vehementen Kampagne gegen "Die schwarze Schmach am Rhein". Printmedien, Schallplatten und Filme entwarfen, so Nagl, "systematisch ein Bild von der Bestialität und Brutalität der schwarzen ,Barbaren' ".

Die Hetze gegen die nichtweißen Soldaten erhielt dabei über die "Stereotypisierung der Kriegspropaganda hinaus einen zunehmend sexualisierten, eugenisch-biologisch motivierten Charakter". Im Unterkapitel "Rassenkampf, Propaganda und Pornografie" rekapituliert der Autor den ebenso hysterischen wie perfiden Tenor einer multimedialen Offensive, die im Zusammenhang mit der Rheinlandbesetzung von der "Mulattisierung und Syphilisierung" und der "Verseuchung des deutschen Volkes" sprach.

Die Franzosen würden "weiße Menschen in Treibjagden durch Senegalneger zusammenfangen" lassen, um der "bestialischen Wollust afrikanischer Wilder zu dienen". Ihre Fortsetzung im Kino fand die Kampagne mit dem 1921 veröffentlichten Spielfilm "Die schwarze Schmach" von Carl Boese. Als Narrativ des Rassismus stand die krude Kolportage über weißes Leid unter schwarzer Besatzung in der unheilvollen Tradition von D. W. Griffith Film "The Birth of a Nation" (1915).

Nagl rekonstruiert Repräsentationsstrategien und Kontexte und lenkt sein Augenmerk auf die Momente des Widerstands: Sei es die erfolgreiche Intervention chinesischer Studenten in Deutschland gegen diskriminierende Darstellungen in der "Herrin der Welt" oder die Proteste gegen "Die schwarze Schmach".

Künstler wie der 1892 in Kamerun geborene Schauspieler Louis Brody behaupteten sich im Spannungsfeld zwischen Exploitation und Emanzipation. Ihre Lebenswege verdeutlichen andere Formen der Anwesenheit: als Teilhaber und maßgebliche Mitgestalter einer großstädtischen Moderne, als international denkende und politisch aktive Kosmopoliten und als Produzenten neuer populärer Ausdrucksformen wie etwa Jazz.

In urbanen Filmszenarien - insbesondere Komödien - finden sich Beispiele für schwarze Präsenz abseits eines kruden Exotismus. Nagl verdeutlicht hier Widersprüche und Wechselwirkungen im populären Weimarer Entertainment, das den Erfolg internationaler Showstars wie Josephine Baker ebenso zeitigte wie einen Blackface-Auftritt des Schauspielers Willy Fritsch.

Raum für ambivalente, gegenläufige Repräsentationen war nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 indes kaum noch gegeben. Die Dringlichkeit von Nagls Untersuchung wird nicht erst seit den Diskussionen über Günter Wallraffs zwiespältigen Blackface-Selbstversuch "Schwarz auf Weiß" illustriert. Materialreichtum und Wissen um zeitgeschichtliche Dimensionen machen "Die unheimliche Maschine" zu einer maßgebenden Veröffentlichung, in der sich akademische und politische Relevanz auf hohem Niveau begegnen.

Tobias Nagl wird als Favorit für den am Donnerstag zu vergebenden Willy-Haas-Preis gehandelt. Die Auszeichnung wird von CineGraph Hamburg verliehen