Öffentliche Tagebücher der Olympioniken

Der Blog ruht

Athleten müssen höllisch aufpassen, was sie schriftlich über die Olympischen Spiele in Peking mitteilen. Inzwischen ist es ihnen erlaubt, in Blogs über ihre Erfahrungen zu berichten. VON JOHN HENNIG

Ihre E-Mails checken dürfen Sportler wie der jamaikanische Sprinter Asafa Powell in Peking ohne Aufsicht. Beim Bloggen müssen sie vorsichtig sein. Foto: Reuters

BERLIN taz Kugelstoßer Peter Sack hat seine ersten Olympischen Spiele bereits hinter sich. Der 29-jährige Leipziger nahm 2004 in Athen teil. Wie viele andere Sportler war er vom "Olympic Spirit" ergriffen. Äußerst angetan berichtete er von der historischen Wettkampfstätte im altehrwürdigen Olympia und dem hochklassigen und spannenden Wettbewerb seiner Kugelstoßer. Allerdings tat er dies nicht einem Journalisten gegenüber, sondern auf seiner Webseite - in einer Art Tagebuch. Als das publik wurde, musste Sack nach Hause fahren.

Das Internationale Olympische Komitee (IOC) verbietet, mit Verweis auf die Olympische Charta, "Athleten, Trainern, Offiziellen und anderen akkreditierten Teilnehmern" während der Olympischen Spiele jegliche kommerzielle und journalistische Tätigkeit. Dabei hatte Sack sogar Glück im Unglück, weil er noch starten durfte. Die Frankfurter Allgemeine verwies erst nach dem Kugelstoß-Wettbewerb auf Sacks Tagebuch. Nur so wurde das Nationale Olympische Komitee (NOK) seinerzeit aufmerksam und musste dann entsprechend der Regularien eingreifen. "Die haben mich, als ich wieder in Athen war, zu sich gerufen und mir mitgeteilt, dass ich in zwei Tagen abreisen müsste." Einen sofortigen Ausschluss, auch aus dem Olympischen Dorf, gab's nicht. Auch folgten keine weiteren, etwa finanzielle Konsequenzen für Sack. "Ich gehe normalerweise eher nach dem Prinzip ,learning by doing' vor. Das war dann eben ein bisschen härteres Lernen", sagt er heute.

Sack spricht relativ offen über den Vorfall, "weil ich da selber schuld war und mir das vorher alles nicht ordentlich durchgelesen habe". Allerdings findet Sack es auch ein wenig schade, "weil es mir als Sportler die riesige Chance einer persönlichen Plattform nimmt. Das finde ich nicht ganz nachvollziehbar, aber die werden ihre Gründe haben." Gründe, die Michael Schirp vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB), nennt: "Es soll vor allem verhindert werden, dass Athleten ihre Position für diverse Medien ausnutzen und dann etwas gezielt und geplant inszenieren." Was nicht heißen soll, dass Sack dies getan hat.

Mittlerweile ist das Bloggen, wie Sack es quasi mit seinem Tagebuch tat, nicht mehr per se verboten. Es gibt Unterscheidungen. "Es wurde der aktuellen technischen Entwicklung Rechnung getragen und erstmals eine neue Richtlinie nur zum Blogging entwickelt", erklärt Schirp, "auch mit Rücksicht auf die rechtlich komplizierte Welt des sich schnell entwickelnden Mediums Internet."

Die deutschen Athleten wurden dabei gut über die geltenden Richtlinien instruiert. Sämtliche Sportler erhielten eine ausführliche Ringmappe mit allen relevanten Informationen. Außerdem richtete der DOSB ein Athleten-Intranet zum Informationsaustausch ein. Judoka Annett Böhm berichtet zudem, dass sie "einige Seiten aus der Olympischen Charta unterschreiben musste". Die meisten deutschen Athleten werden sich wohl trotzdem zurückhalten, auch weil sie nicht immer sicher sind, wie die Richtlinien ausgelegt werden. Der Kanute Jan Benzien sagte der taz: "Ich weiß, dass ich nur über mich schreiben und auch keine Fotos online stellen darf." Schirp erklärt, dass das schon ein Entgegenkommen ist. Egal ob als Co-Kommentator im Fernsehen oder Gastautor einer Zeitung. Bei sämtlichen Vorfällen würde eine Disziplinarkommission über Sanktionierungen entscheiden. "Wir tragen das dann mit. Aber ich denke, das sind konstruierte Fälle. Das wird sicher nicht passieren." Die Athleten würden ein Bewusstsein für die Problematik zeigen, auch wenn viele froh über die Aufmerksamkeit der Presse sind: "Aber dann gibt es immer noch die sichere Lösung in der Form von Interviews." Für den privaten, nichtjournalistischen Gebrauch gebe es ja zudem E-Mails.

Peter Sack hat schon seit einiger Zeit nichts mehr auf seiner Webseite veröffentlicht. "Ich werde wohl auch zu Olympia nicht wieder Tagebuch schreiben", sagt er und fügt dann scherzend hinzu: "Und wenn ich es doch mache, lasse ich noch mal jemanden vom NOK drüber schauen, ob das so okay ist."