Klinsmann und die Krise des FC Bayern

Die gescheiterte Revolution

Jürgen Klinsmann sollte den FC Bayern reformieren. Er ist gescheitert, sein Verein in der Krise. Wandel ist nötig, doch das beschränkt sich nicht auf die Trainerposition. VON DANIEL THEWELEIT

Der FC Bayern taumelt einer ungewisse Zukunft entgegen - Trainer Klinsmann auch. Foto: dpa

Man kann nur hoffen, dass das Schicksal Bayern Münchens nicht als Vorlage für die Weltgeschichte dient. "Ähnlich wie derzeit in Amerika hatten wir den Willen zum Change", hat Uli Hoeneß in dieser Woche in einem Interview mit der Neuen Zürcher Zeitung gesagt und so erklärt, warum er den mit dem Image eines Revolutionärs geschmückten Jürgen Klinsmann zum Trainer des FC Bayern München machte. Neun Monate arbeitet der Schwabe nun in München, nach dem entsetzlichen 0:4 des FC Bayern im Champions-League-Viertelfinale beim FC Barcelona ist aber kaum noch vorstellbar, dass der "Change" von Klinsmann weitergeführt wird. Der FC Bayern taumelt einer ungewisse Zukunft entgegen.

Der Aufsichtsratsvorsitzende Franz Beckenbauer hatte sogar noch vor dem Spiel in Barcelona Klinsmann infrage gestellt. Und selbst wenn Karl-Heinz Rummenigge, der Vorstandsvorsitzende des Klubs, auf dem Bankett nach dem Desaster davor warnte, "spontane und unsinnigen Entscheidungen zu treffen", dürfte das ausgeruhte Resümee kaum anders ausfallen: Klinsmann ist gescheitert. "Ich habe unseren alten Freund Udo Lattek in der Halbzeit gesehen", erzählte Rummenigge beim Bankett nach dem Spiel, "er hat geweint." Tiefer geht es wirklich nicht. Zumal aus München zu vernehmen ist, dass Klinsmann auch menschlich nie heimisch wurde im Kreis der Macher des Münchner Edelklubs.

Die Krise des FC Bayern ist der vorläufige Höhepunkt einer Kette von Pannen und Missverständnissen der Ära Klinsmann.

Das Buddha-Missverständnis: Noch bevor der schwäbische Kalifornier beim FC Bayern die Arbeit aufnahm, rückten die Bagger an. Das Trainingsgelände wurde umgebaut, das Fanrestaurant musste einer Lounge für die Profis weichen, die sich künftig von morgens bis abends auf dem Gelände aufhalten sollten: trainieren, entspannen, sich fortbilden. Doch in der Öffentlichkeit wurden die Neuerungen auf die dekorativen Buddhafiguren reduziert. Lokalpolitiker protestierten. Klinsmann gab nach, die Buddhas verschwanden.

Das Kapitäns-Desaster: Jahrelang stellte sich diese Frage nicht - es gab ja Oliver Kahn. Vor der Saison meldeten sich zwei Aspiranten: Lucio und Philipp Lahm. Doch Klinsmann sagte: "Das entscheide ich kurz vor Bundesligastart." Eine sechswöchige Debatte war die Folge. Die Wahl fiel auf Mark van Bommel, den Klinsmanns Vorgänger Ottmar Hitzfeld einst als aggressive leader bezeichnete, womit er die fußballerischen Möglichkeiten des Holländers gut traf. Ungeschickt auch, dass der Kapitän offenbar nicht in Klinsmanns System passte und zunächst auf der Bank saß.

Die Oktoberfest-Klatsche: Tausende Fans fühlten sich am 20. September von der Blaskapelle auf den Arm genommen, als diese im Bierzelt das Ergebnis des Bayern-Spiels gegen Bremen verkündete: 2:5. War aber kein Spaß. Es folgten ein 0:1 in Hannover und ein 3:3 zu Hause gegen den VfL Bochum. Erste Zweifel keimten auf. Offensichtlich auch bei Klinsmann, der fortan nicht mehr schön und offensiv spielen lassen wollte, sondern auf das taktische System von Hitzfeld zurückgriff.

Die Rückrunden-Misere: Das erste Spiel nach der Winterpause geriet zu einer Demonstration: 5:1 im DFB-Pokal in Stuttgart. Der FC Bayern schien an die guten Leistungen vom Jahresende anknüpfen zu können. Es kam anders: 2:4 im Pokal gegen Leverkusen, Niederlagen in Hamburg und Berlin - und sogar zu Hause gegen Köln! Das souveräne Auftreten in der Champions League (5:0 bei Sporting Lissabon) verhinderte den nächsten Eklat nicht.

Die Taktik-Debatte: Eher beiläufig hatte Kapitän van Bommel erwähnt, man habe sich mal zusammengesetzt und über die taktische Ausrichtung gesprochen. Ob Trainer Klinsmann bei diesem Treffen dabei war? Darüber gibt es unterschiedliche Meinungen. Unstrittig ist, dass mehrere Spieler Kritik äußerten. Lahm mahnte öffentlich eine defensivere Spielweise an. Sogar der eher schweigsame Stürmer Miroslav Klose äußerte sich mit dem gleichen Tenor. Und Klinsmann? Wiegelte ab.

Der Personal-Ärger: Manifest wurde Klinsmanns Machtlosigkeit beim Wechsel von Landon Donovan. Zur allgemeinen Überraschung wurde der US-Amerikaner in der Winterpause ausgeliehen und stieg in Klinsmanns Hierarchie zum Stürmer Nummer drei auf, nach Klose und Luca Toni, aber vor Lukas Podolski. Dessen Wechsel nach Köln war erst nach ewigen Querelen bekannt gegeben worden. Das Verhältnis zu seinem ehemaligen Bundestrainer kann nicht anders als zerrüttet bezeichnet werden. In Anbetracht der dünnen Ausstattung mit Stürmern pochte Klinsmann auf eine dauerhafte Verpflichtung Donovans, was aber von Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge rundweg abgelehnt wurde. Donovan reiste Anfang März wieder ab, Luca Toni und Miroslav Klose verletzten sich, und Klinsmann war wieder auf Podolski angewiesen.

Das Ende: Klinsmanns Vertrag läuft bis zum Jahr 2010. Doch selbst wenn es noch zur Meisterschaft reichen sollte - nach all den Demütigungen, die er auch von der Bayern-Führung in den letzten zehn Monaten erdulden musste, ist es schwer vorstellbar, dass Jürgen Klinsmann noch lange auf der Bayern-Bank sitzt. Das Ende, es könnte schon am Samstagnachmittag kommen. THOMAS BECKER

Doch ist eine Trainerdiskussion die angemessene Reaktion auf die sportliche Katastrophe? Denn nicht erst seit Klinsmann scheitert der Rekordmeister regelmäßig, wenn die K.-o.-Spiele im Europapokal beginnen. Sind die internationalen Träume geplatzt, folgt stets dieselbe Leier: Die anderen haben so viel Geld, die Zentralvermarktung und das Solidarprinzip in der Bundesliga sind schuld. Sogar voriges Jahr, als der FC Bayern gegen den ärmeren Club Zenit St. Petersburg aus dem Uefa-Cup flog, folgten die Herren diesem Reflex: "Ja, das ist doch der Russe mit den Gazprom-Millionen, klar, dass wir da keine Chance haben."

Auch vor der Barcelona-Partie hat Manager Uli Hoeneß den Wettbewerbsnachteil beklagt und vollmundig erklärt, wenn er so viel Geld aus der Fernsehvermarktung bekäme wie Europas Topklubs, "dann würde ich unserem Aufsichtsrat sagen, ich komme die nächsten fünf Jahre dreimal ins Halbfinale der Champions League". So ein Selbstbild ist Gift. Es liefert den Spielern Alibis. Klinsmann weiß das, er hat vor der Saison erklärt: "Ich akzeptiere das Argument der finanziellen Diskrepanz zu den Großen nicht." Klinsmann will tatsächlich Grundlegendes ändern, wahrscheinlich hat er sogar richtig erkannt, welche Dinge in München erneuert werden müssen: die Spezialisierung von Training und Trainerstab etwa, die Entwicklung eines umfassenden Bildungskonzepts für die Spieler oder die Öffnung für Einflüsse außerhalb des Fußballs. Doch seine Facharbeit im Alltag ist einfach nicht überzeugend. Und ein Revolutionsführer, der Vorgesetzte hat, die Skepsis säen und Angst haben, dass da einer zu viel erneuert, ist praktisch zum Scheitern verdammt.

Nun wird wohl der Mythos vom monetären Wettbewerbsnachteil weiterleben. Dabei liefert die Barcelona-Elf, die den FC Bayern demontierte, das Gegenmodell. Dieses Team ist alles andere als eine zusammengekaufte Millionentruppe. Mit Messi, Valdes, Xavi, Iniesta und Puyol standen fünf Spieler der Jugend der Katalanen auf dem Platz. Und Defensivstratege Yaya Toure kostete mit 12 Millionen Euro ebenso viel wie der hüftsteife Bayern-Verteidiger Breno. Könnten die Ursachen des Niedergangs also auch in der Arbeit der Scouts, der Jugendabteilung und von Manager Hoeneß liegen?

Anders als bei den Bayern spielen in Barcelona Leute, die eine ausgeklügelte Idee von Fußball verinnerlicht haben. Spieler, die in der Lage sind, zu einer Einheit zu verschmelzen, während der FC Bayern derzeit eine zerfledderte Ansammlung von Einzelspielern aufs Feld schickt. Ein Mangel an Homogenität lässt sich über die gesamte Saison in allen Wettbewerben beobachten. Man kann das dem Trainer vorwerfen, es kann aber auch an einer fehlerhaften Komposition des Kaders liegen. Klinsmann hat schließlich eine Mannschaft übernommen, die komplett zusammengestellt war.

Unter Experten ist es nichts Neues, dass der FC Bayern (wie übrigens auch das international erfolglose Inter Mailand) Einzelspieler kauft, während echte Spitzenteams wie Manchester United oder der FC Barcelona menschlich und fußballerisch harmonierende Gruppen kreieren. Diese Kunst gehörte noch nie zu den Stärken der Münchner, was man auch daran erkennen kann, dass fast kein Spieler, der in den letzten Jahren nach München gewechselt ist, dort besser wurde. Die Beispiele Lukas Podolski, Marcell Jansen, Miroslav Klose, Jan Schlaudraff, Daniel van Buyten, Valerien Ismael oder Tim Borowski belegen diese These.

Diese dauerhaften Probleme sind gewiss nicht die Schuld des Jürgen Klinsmann, und deshalb bleibt es spannend, ob sich die Herren Beckenbauer, Rummenigge und Hoeneß nach der zu erwartenden Trennung vom ihrem Trainer eingestehen, dass sie die Verantwortlichen für nunmehr acht Jahre europäische Erfolglosigkeit sind. Der "Change" ist überfällig, aber derzeit sieht es so aus, als müsse er auch andere Bereiche berühren als nur die Trainerposition und das sportliche Segment.