Auf der Zielgerade kommen viele G8-Abiturienten ins Schleudern. Unlösbare Abi-Aufgaben und hoher Leistungsdruck sind Normalität. Für Freitag rufen Schüler und Eltern zu Protesten auf. VON CHRISTIAN FÜLLER
Teilweise kommen die SchülerInnen fünfmal pro Woche nach 16 Uhr von der Schule. Sie lernen, wie sie versichern, abends bis 23 oder 24 Uhr. Foto: dpa
Eigentlich dachte man, der Protest gegen das verkürzte Gymnasium sei durch, aber weit gefehlt. Der erste Jahrgang des beschleunigten Jahrgangs ist gerade in der elften Klasse angekommen, zum Beispiel in Bayern, und was Schüler dort erleben, klingt unglaublich. "Die Mädchen weinen recht viel in letzter Zeit."
So lautet der Satz über jene, die seit Jahren Zeit die besten Abiture ablegten. Vergangenheit - nun brechen die ehrgeizigen jungen Frauen reihenweise zusammen. Sie verzweifeln an eigenen Erwartungen - und dem enormen Druck, den die beschleunigte Schule ausübt. Teilweise kommen die SchülerInnen fünfmal pro Woche nach 16 Uhr von der Schule. Sie lernen, wie sie versichern, abends bis 23 oder 24 Uhr. Der bayerische Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU) hat derweil Aufgaben für das neue Abi ins Netz gestellt - die sich als unlösbar erwiesen. Selbst wohlmeinende Lehrer erhöhen den Druck: Sie winken ab und raten zu Coolness - "denn ihr bekommt in München sowieso keinen Studienplatz." Das ist der besondere Zynismus des Turbo-Abis - denn der jetzige, sogenannte Q11-Jahrgang wird kommendes Jahr zusammen mit der alten 13. Klasse der Kollegstufe auf den Markt kommen. Ob dann genug Studienplätze da sind, wer das bessere Ende in der Hand halten wird - keiner weiß es. "Es geht um Lebenschancen", sagt ein Gymnasialrektor, "Eltern haben Angst, dass ihre Kinder die Leidtragenden sein werden."
Bayern, das nach guten Pisa-Ergebnissen für viele die Muster-Bildungsrepublik war, chaotisiert seine hohen Schulen. Denn wie man auf die neuerliche Bildungskrise reagieren wird, ist völlig unklar. Die Rektoren raten, man müsse den ersten Jahrgang durchlaufen lassen, um erst mal Erfahrungen zu sammeln. Der Bildungsminister wechselt derweil alle daumlang die Pferde. Zunächst setzte er, typisch bayerisch, auf das höchste Niveau bei den Abi-Aufgaben. Nun hat er gemerkt, dass das angesichts des Abschaffens der bisherigen Wahl-Leistungskurse nicht sinnvoll ist. Also ordnete er an: Die für alle verpflichtenden Abiturfächer Mathe, Deutsch, eine Fremdsprache sollen in der Oberstufe künftig auf auf dem Niveau der bisherigen Grundkurse gehalten werden.
"Die neuen Q11-Oberstufe triebt das Bulimie-Lernen und die Probleme des G8-Gymnasiums auf die Spitze", sagt Ulrike Köllner, Vorsitzende der bayerischen Gymnasialeltern. Die künftigen Turbo-Abiturienten wollen sich indes wehren. Sie beklagen, dass sie in der Praxis 34 bis 38 Wochenstunden in der Schule sind. "Wegen zu wenig Vorbereitungszeit und hoher Klausurendichte besteht ein kaum zu bewältigender Leistungsdruck." Die Schüler - und die Eltern - rufen daher für Freitag zu Protestdemos in sechs bayerischen Städten auf. Mal sehen, ob das Anfang oder Ende des Unbehagens sein wird. (Außer Frau Köllner wollte keiner der Zeugen seinen Namen in der Zeitung lesen - aus Angst vor Repression.)
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Leserkommentare (14)
15.03.2010, 19:29 | Brainmashine:
Einen wunderschönen Guten Abend, Ich bin durch Zufall auf diesen Artikel gest...
11.02.2010, 23:42 | Monika:
Anita, "Die dreigliedrige Schulform wurde eingeführt, damit jedes Kind nach sein...
10.02.2010, 13:19 | Anita:
Zu dem Thema faellt mir etwas ganz anderes ein: Immer wieder liest man, dass El...
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