• 23.01.2008

Neuer Nokia-Standort

Auf nach Rumänien!

Die rumänischen Medien haben wenig Verständnis für die deutschen Proteste gegen Nokia - und laden die Arbeitslosen aus Bochum nach Rumänien ein. VON KENO VERSECK

Im nordwestrumänische Klausenburg (Cluj) hatten im Juli 2007 die Bauarbeiten für das "Nokia Village" begonnen. Foto: dpa

"Nationalistische Hysterie" und "billiger Populismus" - rumänische Kommentatoren sind nicht zimperlich, wenn sie über die deutschen Proteste gegen Nokia berichten. "Als Nokia seine Produktion einst nach Bochum verlagerte, haben dessen Bewohner und die deutschen Politiker keine Träne für die finnischen Arbeitslosen vergossen, und jetzt offenbart sich ihnen plötzlich das Negative des 'Karawanen- kapitalismus' ", schrieb das liberale Boulevardblatt

Ähnlich äußern sich rumänische Politiker. Der ehemalige Chefunterhändler des EU-Beitritts, Vasile Puscas, warf der deutschen Politik "primitiven Protektionismus" vor. Auch das Mitleid der Bevölkerung hält sich in engen Grenzen. Deutschland gilt vielen als Land mit einem vorbildlichen Sozialsystem. Von Abfindungen, wie sie Nokia in Bochum vermutlich zahlen werde, könnten Rumänen nur träumen, meinen viele, und ohnehin läge das deutsche Arbeitslosengeld weit über den rumänischen Löhnen von durchschnittlich rund 300 Euro.

Bereits seit 2006 war Nokia in Rumänien auf der Suche nach einem Standort gewesen und hatte sich letztes Jahr für das nordwestrumänische Klausenburg (Cluj) entschieden. Im Juli 2007 hatten dort die Bauarbeiten für das "Nokia Village" begonnen, Anfang Februar soll die Serienproduktion von Mobiltelefonen anlaufen. Nokia selbst will etwa 3.500 Arbeitsplätze schaffen; insgesamt sollen durch die finnische 200-Millionen-Euro-Investition bis zu 15.000 Arbeitsplätze in der Region entstehen.

Nokia folgt mit seiner Entscheidung, nach Rumänien zu gehen, einem seit langem anhaltenden Trend westlicher, darunter auch vieler deutscher Unternehmen. Für sie ist Rumänien wegen der billigen und gut qualifizierten Arbeitskräfte bei gleichzeitiger geografischer Nähe zu westeuropäischen Märkten eine gute Alternative zu asiatischen Ländern.

Viele Rumänien begrüßen die Verlagerung von Produktionen nicht nur, sondern empfinden sie auch als eine Art ausgleichende Gerechtigkeit. Zwar sind die Rumänen froh über die lang ersehnte Reisefreiheit in der EU. Doch ansonsten, so meinen viele, habe ihr Land durch den EU-Beitritt vor allem die Nachteile der wirtschaftlichen Verflechtung mit Westeuropa zu spüren bekommen. Nach dem Fall der Zollgrenzen sehen sich viele rumänische Unternehmer und hunderttausende von Bauern einer gnadenlosen Konkurrenz ausgesetzt. Selbst ein Großteil der Brüsseler Fördermilliarden für Rumänien kommt letztlich den westlichen EU-Ländern wie Deutschland zugute, denn von dort kommen die Ausrüster, Dienstleister und Berater für viele Projekte zur Modernisierung der rumänischen Infrastruktur.

Vor diesem Hintergrund erklärt sich die Süffisanz mancher Reaktionen auf den Fall Nokia. So beklagte der Chef des Kreisarbeitsamtes Klausenburg, Daniel Don, den Mangel hochqualifizierter Arbeitskräfte in der Region. "Ich lade die Arbeitslosen aus Bochum daher ein, zu uns zu kommen", so Don, "schließlich erzählen sie ja ständig, wie gut sie sind. Wir nehmen sie gerne auf."