Der Stromkonzern RWE forciert den Bau des bulgarischen Atomkraftwerks Belene. Das Problem: Belene liegt in einem erdbebengefährdeten Gebiet. VON ANDREAS WYPUTTA
Protest vor der RWE-Zentrale. Foto: dpa
BOCHUM taz
Trotz massiver Kritik von Umweltschützern und Skepsis im eigenen Aufsichtsrat treibt der Essener Energiekonzern RWE den Bau des umstrittenen bulgarischen Atomkraftwerks Belene immer schneller voran.
Die Tochtergesellschaft RWE Power und der bulgarische Stromversorger Natsionalna Elektricheska Kompania (NEK) unterzeichneten am Freitag ein Joint-Venture-Abkommen. Die gemeinsame Projektgesellschaft, an der NEK 51 Prozent hält, soll RWE-Investitionen von mindestens 1,275 Milliarden Euro vorbereiten.
Umweltschutzorganisationen wie Greenpeace, Robin Wood und Urgewald halten den AKW-Neubau für hochgefährlich: Der Standort Belene liegt im nordbulgarischen Erdbebengebiet. Schon 1983 hatten sowjetische Wissenschaftler gewarnt, der Bau sei nicht zu verantworten, 1977 starben 120 Menschen bei einem Erdbeben, Häuser stürzten ein.
Selbst im RWE-Aufsichtsrat ist der AKW-Neubau mit einer Leistung von 2.000 Megawatt, der bis 2014 von der russischen Firma Atomstroiexport fertig gestellt werden soll, durchaus umstritten. SPD-Oberbürgermeister fürchten neue Antiatomproteste mitten im NRW-Kommunalwahlkampf 2009. Städte und Gemeinden halten zusammen noch immer 26 Prozent der Anteile an RWE als ehemalige Essener und Dortmunder Stadtwerke. Der Essener Atomstromkonzern versichert dagegen, für sein erstes AKW-Neubauprojekt seit Jahrzehnten seien "höchste Sicherheitsstandards" selbstverständlich.
Außerdem, so argumentiert Bulgariens Ministerpräsident Sergei Stanischew wie RWE-Chef Jürgen Großmann, nur Belene könne die Stromversorgung des Balkanstaats sichern. "Enorme Bedeutung" habe der Neubau, sagt der Regierungschef des Balkanlandes.
Umweltschützer und Atomkraftgegner halten dagegen, die noch immer laufenden Blöcke 5 und 6 des bulgarischen Atomkraftwerks Kosloduj sorgten schon heute für Überkapazitäten: "Bulgarien ist noch immer Nettostromexporteur, hat Überkapazitäten", so Greenpeace-Energieexperte Jan Haverkamp zur taz. Sollte die bulgarische Regierung auf Energieeffizienz und erneuerbare Ressourcen setzen - Belene träfe auf einen "gesättigten Markt", sagt Haverkamp.
RWE-Chef Großmann fährt trotzdem einen strammen Atomkurs. Der Vorstandsvorsitzende fürchtet milliardenschwere Belastungen durch den europäischen Emissionshandel. RWE ist mit seinen Kraftwerken im rheinischen Braunkohlerevier der größte Emittent des Klimakillers Kohlendioxid deutschlandweit. Entlastung sollen deshalb Atomkraftwerke im Ausland bringen: Auch in Rumänien, Litauen und Großbritannien plant Großmann neue Atomkraftwerke.
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