10 Jahre Mafia-Morde von Duisburg

Die graue Zone

Am Dienstag jähren sich die Morde von Duisburg. In ihrer Ursprungsregion Kalabrien ist die ’Ndrangheta eher noch mächtiger geworden.

Der Schauplatz der Mafia-Morde, das ehemalige Restaurant "Da Bruno" heute.

Der Schauplatz der Mafia-Morde von Duisburg, das ehemalige Restaurant „Da Bruno“, heute Foto: dpa

Wer sich als Journalist mit der italienischen Mafia beschäftigt, genießt Privilegien. In Reggio Calabria etwa, der Zentrale der ’Ndrangheta, wo ich seit 2010 regelmäßig recherchiere, scheint fast immer die Sonne; und welch verwüstete Landschaften man den Tag über auch gesehen, was für ungeheuerliche Geschichten von in Säure aufgelösten Leichnamen man auch gehört haben mag: Zwischendurch gibt es immer einen Espresso, es gibt Menschen, die Engagement nicht mit schlechter Laune verwechseln und abends ein Essen, das man in Berlin nicht mal beim Spitzenitaliener bekommt.

Und doch hat sich in den Jahren ein Unwohlsein eingestellt. Manchmal fühle ich mich wie gefangen in den grauen Zonen des mittelmeerhellen Kalab­riens. Dann erscheint mir Reggio als Avantgardestadt der „Fake News“, wo die Unterwanderung aller Institutionen total ist, wo Verwirrung und Verleumdung herrschen, wo der Feind gewonnen hat.

Der Feind: Ich weiß, dass ich mit Mitgliedern der ’Ndrangheta am Interviewtisch beziehungsweise in einem Gerichtssaal zusammengesessen habe – mitten in Deutschland, wie man so schön sagt. Aber ich weiß nicht, ob das in Reggio und Umgebung der Fall war. Ich bin mir nur ziemlich sicher. Ich kenne im Umfeld des „Osservatorio sulla ’Ndrangheta“, dem in der konfiszierten Protzvilla eines Mafiabosses beheimateten Anti-Mafia-Zentrum in Reggio, ein halbes Dutzend Menschen, denen ich vertraue und deren Arbeit ich als Journalist begleitet habe. Es sind Leute wie der Chefkoch Filippo Cogliandro, Ehrenvorsitzender des „Osservatorio“, der erpresserische Mafiosi angezeigt hat; wie Claudio La Camera, der mir geholfen hat, mit der ROS-Spezialeinheit der Carabinieri den Mafiahafen von Gioia Tauro zu erkunden; oder die junge Sozialarbeiterin und Präsidentin des „Osservatorio“, Antonella Bellocchio, die Kindern aus ’Ndrangheta-Familien unermüdlich eine Alternative zum Aufwachsen in einem brutalen und ignoranten Milieu aufweist.

Aber dann wird es schon schwierig. Eine Einladung zu einem privaten Abendessen kann mit dem vertraulichen Hinweis beginnen, ich solle nicht zu offen sein, es nehme da jemand teil, der einen problematischen Familiennamen habe, einen Clannamen.

Der Präsident des Landwirtschaftsverbands in Reggio sagt einem, auf die massiven, von der ’Ndrangheta kontrollierten Subventionsbetrügereien in der mafiaverseuchten Ebene von Gioia Tauro angesprochen, ja, ja, davon habe er schon gehört – aber das beträfe keine Mitglieder seines Verbands; und wischt sich den Schweiß von der Stirn.

Die ausgebeuteten migrantischen Erntearbeiter schweigen, wenn sie auf das „capolarato“ angesprochen werden, die Abgabepflicht an die ’Ndrangheta, die die Akten der zuständigen Staatsanwaltschaft in Palmi füllt. Es schweigen die Geschäftsleute, die Restaurant- und Pensionsbesitzer, die durch die Bank an die Mafia zahlen. Aber alle sind sehr freundlich.

Ist es Krieg?

Noch undurchsichtiger als das Schweigen kann sein, worüber eigentlich geredet wird. Ende 2015 kam der Frauenfußballverein Sporting Locri weltweit in die Schlagzeilen. Der Präsident des Vereins behauptete, Drohungen von der ’Ndrangheta erhalten zu haben, und trat in angeblicher Furcht um sein Leben zurück. Nachdem der empört-solidarische Medien- und Funktionärs­tross wieder abgereist war, bestätigte sich die Behauptung ­einer Bedrohung durch die ­Mafia nicht. Der Verein organisierte sich neu, mit den Medien will man nichts mehr zu tun haben.

Dass kurz danach in Locri vierzehn Überlandbusse in Flammen aufgingen, die in einer ohnehin abgeschnitten Region als einziges öffentliches Verkehrsmittel fungieren und somit das Grundrecht auf Bewegungsfreiheit garantieren, interessierte außerhalb Kalabriens niemanden mehr. Nach weiteren Attacken steht die Firma mit über 200 Beschäftigten inzwischen vor der Schließung. Die ’Ndrangheta möchte nicht, dass Menschen sich bewegen.

Wie soll man die Lage im Süden Kalabriens also beschreiben? Als Krieg? Die ’Ndrangheta gegen Staat und Bürger? Als jüngst ein Mafiaboss in seinem Wohnungsversteck aufgespürt wurde, küsste ein Nachbar dem Verhafteten zum Abschied die Hand, die Empörung war groß. Also die ’Ndrangheta mit weiten Teilen der Bevölkerung gegen den, im Süden traditionell abwesenden, Staat? Ist dann der Mut der Leute etwa aus dem Osservatorio und einiger anderer Aktivisten nicht einfach verlorene Liebesmüh?

Klar ist nur, dass in einer potenziell reichen (Landwirtschaft, hochwertiger Tourismus) und mit einer 3.000-jährigen Geschichte gesegneten Region der EU den Einwohnern fundamentale Grundrechte verweigert werden: ein freies Leben, mit der Möglichkeit zur auch wirtschaftlichen Selbstentfaltung, eine Existenz ohne ständige Bedrohung durch faschistoide Kriminelle.

Der italienische Staat regiert auf diese Herausforderung mit Repression und der fortgeschrittensten Anti-Mafia-Gesetzgebung der Welt. Die Besetzung der Posten im Justizapparat wird in Reggio diskutiert wie anderswo der lokale Sport oder eben: die Politik.

Die aber gilt als total diskreditiert, weil, wie der Historiker Enzo Ciconte im seinem taz-Beitrag zur Mafia nach Duisburg zitiert wurde, es ohne Verbindungen in die Institutionen überhaupt keine Mafia geben würde, sondern nur bewaffnete Banden von ultra­bru­talen Soziopathen. So wie es – um ein für Deutsche möglicherweise eindringliches Bild zu wählen – keinen NSU-Komplex ohne die sympathisierende Zuarbeit, die Unterlassung und die Lügen deutscher Geheimdienste gegeben hätte.

Wer über die Mafia recherchiert, ist auf die Zusammenarbeit mit den Justizbehörden angewiesen, vor allem den ermittelnden Staatsanwaltschaften. Sie bestimmen, welche Akten man einsehen kann, und führen damit den Diskurs. Die italienische Staatsanwaltschaft, die sehr viele Menschen im Kampf gegen den Mob verloren hat und deren Vertreter im Kriegsgebiet oft genug nur unter den massiven Einschränkungen des Personenschutzes ihrer Arbeit nachgehen können – diese magistratura, die stolz auf ihre Selbstverwaltung ist, hat seit den Hochzeiten Berlusconis ein Problem.

Staatsanwälte als Stars

Da die linke Opposition sich komplett abmeldete oder, wenn doch an der Regierung, komplett versagte, wurde die Staatsanwaltschaft mit ihren Ermittlungen gegen den „Cavaliere“ zum Heilsbringer ausgerufen – und die Staatsanwälte selbst mutierten zu Stars: „Die Parteinahme, die Dauerpräsenz mancher Staatsanwälte in den Medien und ihre Versuche, Karriere in der Politik zu machen – dieses ganze Spektakel muss aufhören.“ So drastisch beschrieb Francesco Forgione, Autor zahlreicher Bücher über die organisierte Kriminalität und ehemaliger Präsident der Anti-Mafia-Kommission des italienischen Parlaments, die Lage im Interview mit der taz.

Tatsächlich kann man in Italien kein Gespräch mehr über die Rolle und die demokratische Kontrolle des Justizapparates führen, ohne dass als Erstes ritualisiert der Satz fiele: „Wir haben volles Vertrauen in die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft.“ Wer denen aber erst mal ausgesetzt ist – und das sind in den letzten Jahren verstärkt Menschen aus der Anti-Mafia-Bewegung –, dessen Ruf ist auf Jahre, wenn nicht auf Jahrzehnte ruiniert: Italien nimmt den 157. von 183 vergebenen Plätzen in der Rangfolge der Länder mit dem ineffektivsten Justizsystem ein.

Viele mutige Leute haben inzwischen Angst vor einer Institution, die auf ihrer Seite stehen sollte. Aktivisten sehen sich als Spielball in den Karrierekämpfen ehrgeiziger Staatsanwälte. Der politische Diskurs in Italien über die Mafia hingegen, in dem Repression eben nur einen Teil, neben einer konkreten gesellschaftlichen, sozialen und wirtschaftlichen Agenda für Kalabrien und die anderen Mafia-Regionen, darstellt, ist tot.

Die existierenden Mafiosi werden in Italien konsequent verfolgt. Aber das Umfeld, aus dem die zukünftigen Mafiosi erwachsen, bleibt unverändert desolat und hoffnungslos. Die ’Ndrangheta ist mit der bisherigen obrigkeitsstaatlichen Strategie weder in ihrer Herkunftsregion geschwächt worden noch konnte ihre weltweite Ausbreitung gestoppt werden.

Diesen Diskurs auf Deutsch zu führen, ist natürlich nur bedingt sinnvoll. Ohne ihn fehlt dem Kampf gegen die ’Ndrangheta hierzulande aber die Grundlage. Und um nicht missverstanden zu werden: Wenn wir ihn verlieren – und danach sieht es aus –, dann leben auch wir hier bald in der grauen Zone.

 

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