Aktive Großeltern

Von wegen alt und grau

Sie sind aktiver und geistig jünger: Das Netz ist voll mit Tipps für den Umgang mit Enkeln. Ein Besuch bei einer Frau, die nicht wie eine Oma wirkt.

Wegen ihres Enkelkindes ist Ute Heinze von Rostock nach Güstrow gezogen. Bild: Simone Schmollack

GÜSTROW taz | Als Ute Heinze hörte, dass ihr Sohn Vater wird, dachte sie: „Oh, ich werde Oma, wie schön.“ Sie dachte aber auch: „Oma, wie das klingt, so alt und grau.“ Irgendwie nach ausgedient. Damals war Ute Heinze 47 Jahre alt. Jetzt ist sie 50, ihr Enkel fast zwei Jahre alt, und die Gedanken an Alter und Grau sind wie weggewischt.

Ute Heinze, die Ausländer unterrichtet, die Deutsch lernen wollen, ist das, was man eine aktive Großmutter nennt. Sie holt den Jungen von der Kita ab, geht mit ihm spazieren und Enten füttern, auf den Spielplatz und in die Eisdiele. Seinetwegen ist sie vor gut zwei Monaten von Rostock nach Güstrow, einer Kleinstadt in Mecklenburg-Vorpommern, gezogen.

„Wenn ich mit meinem Enkel zusammen bin, ist es ein wenig wie früher, als ich mich um meinen Sohn gekümmert habe“, sagt Heinze. „Nur dass ich jetzt nach Hause gehen kann, wenn ich will. Weil ich meinen Enkel nach einer bestimmten Zeit abgeben kann.“

Das ist nicht anders als in den Großelterngenerationen zuvor. Auch früher haben Omas und Opas schon auf die Kinder ihrer Kinder aufgepasst, haben mit ihnen gespielt und sie betreut, wenn die Eltern selbst nicht konnten. Doch die Großeltern der Gegenwart sind anders als die der Vergangenheit. Sie sind aktiver, flexibler, gelassener. Jünger im gesamten Habitus.

Keine Oma-Attitüde

Das beginnt schon bei Fragen der Erziehung. Ute Heinze, die neben dem Sohn noch zwei erwachsene Töchter hat, würde sich nie in die Erziehung einmischen.

Gedöns ist Umwelt, ist, was wir essen, wie wir reden, uns kleiden. Wie wir wohnen, lernen, lieben, arbeiten. Kinder sind Gedöns, Homos, Ausländer, Alte. Tiere sowieso. Alles also jenseits der „harten Themen“. Die taz macht drei Wochen Gedöns, jeden Tag vier Seiten. Am Kiosk, eKiosk oder direkt im Probe-Abo. Und der Höhepunkt folgt dann am 25. April: der große Gedöns-Kongress in Berlin, das taz.lab 2015.

„Das ist deren Sache“, sagt Ute Heinze: „Sie sind schließlich die Eltern.“ Ihre eigenen Eltern hingegen haben, als Heinze selbst Mutter wurde, mit Ratschlägen nicht gespart: Mach das so, mach mal das. Da fehlte weder das berühmte „Kinder kann man auch mal schreien lassen, das stärkt die Stimme“ noch das „Pass auf, dass du die Kinder nicht so verwöhnst“. Und dann immer dieser Satz: „Das haben wir früher immer so gemacht.“

„Ich halte mich mit Ratschlägen bewusst zurück“, sagt Heinze. Ihre Schwiegertochter wäre irritiert, käme die Großmutter plötzlich mit Allerweltsweisheiten und Oma-Attitüden daher. „Ich bin froh, dass Ute nicht besserwisserisch mit unserem Sohn umgeht und Vertrauen in unsere Erziehung hat“, sagt die junge Frau.

Agile Großeltern sind im Kommen. Das Netz ist voll mit Ratschlägen für den lockeren Umgang mit den Enkeln. Es gibt Spiele- und Reisetipps, Geschenkideen, Erlebnisberichte. Im vergangenen Jahr war unter den Top Ten der besten Seniorenwebseiten Großeltern.de, eine Plattform, die von einem Juristen und einem „Seniorenexperten“ gemacht wird.

Breites gesellschaftliches Phänomen

Aktive Großeltern fliegen mit ihren Enkeln nach Fuerteventura an den Strand und nach Schweden, um Pippi Langstrumpf zu suchen. Sie gehen mit ihnen ins Kino und ins Kindertheater. Sie lesen ihnen Bücher vor und reden mit ihnen über die Welt. Zwischen den meisten Großeltern und Enkeln herrscht heute eine große Nähe – ähnlich stark wie zwischen den Großeltern und ihren eigenen Kindern.

Das gab es früher zwar auch, aber als breites gesellschaftliches Phänomen ist das neu. Familienforscher machen eine Art neuen Frieden zwischen den Generationen aus. Der Berliner Soziologe Heinz Bude erkennt darin auch eine Angst der Älteren vor Einsamkeit. „Die einzig unkündbaren Beziehungen, die es heute gibt, sind die zwischen Eltern und Kindern“, sagte er jüngst in der Zeit.

Denkt Ute Heinze an ihre eigenen Geschichte zurück, kann sie sich nicht an eine solch große Nähe erinnern. „Da ist eine andere emotionale Bindung“, sagt sie. Natürlich haben ihre Eltern nicht weniger geliebt und gelitten, sagt Ute Heinze: „Aber sie haben nie gelernt, ihre Gefühle zu zeigen oder zu artikulieren.“

Die früheren Eltern- und Großelterngenerationen konnten sich überschwängliche Gefühle nicht leisten, sie hatten zu funktionieren, wenn sie überleben wollten. Der Krieg und die Nachkriegszeit sorgten dafür, dass Frauen und Männer schneller alterten. Die heutige Großelterngeneration ist körperlich fit, geistig rege, mobil und agil. Die jungen Alten kümmern sich mehr denn je um sich selbst.

Ute Heinze macht Yoga und Entspannungsübungen, fährt Rad, geht schwimmen und pflanzt ihr eigenes Gemüse an. Die meisten Großmütter und Großväter arbeiten heute noch und würden das auch nicht aufgeben. Und doch gehört ihr Enkelsohn mittlerweile zu ihrem Alltag, sagt Ute Heinze. „Er ist aus meinem Leben nicht mehr wegzudenken“, sagt sie. Eine klassische Win-win-Situation: Die junge Familie wird entlastet und die Großmutter bleibt automatisch jünger und flexibler.

Die jetzigen 50-Jährigen sind so, wie früher die 40-Jährigen waren. Und die sind dynamischer und nicht so festgefahren wie die einstigen Generationen, glaubt Heinze. Wenn ihr Enkel bei ihr zu Hause die Schränke ausräumt, dann lässt sie ihn gewähren. Kann man ja wieder einräumen. Wenn ihre Kinder früher bei ihren Eltern in den Schränken kramten, wurden Oma und Opa schon mal ungeduldig und sauer. Ihre Ordnung durcheinanderbringen, das ging gar nicht.

Nicht „altersgerecht“

Ute Heinze probiert ständig neue Dinge aus. Momentan ist sie auf der Suche nach einem Musiklehrer, um sich endlich den Traum zu erfüllen. Sie will Akkordeon spielen.

Wenn sie Wörter wie „alt“ oder „altersgerecht“ hört, winkt sie ab. „Ich fühle mich nicht so“, sagt sie. Sie schläft schon mal mit Freunden im Auto, irgendwo auf dem Feld, mitten in der Pampa, weil sie während einer Reise dort gerade gestrandet sind.

Ute Heinze wohnt nur wenige Fußminuten von ihrem Enkelsohn entfernt. Als sie nach Güstrow zog, musste sie nicht lange nach einer Wohnung suchen. Sie hätte auch in das Haus einziehen können, in dem ihr Sohn und seine Familie leben. „Aber das wollte ich nicht, das wäre dann doch zu viel Nähe gewesen“, sagt sie.

Mehrgenerationenwohnen mag für manche großartig sein. Für die aktive Großmutter Ute Heinze kommt das nicht infrage. Sie will trotz allem unabhängig sein.

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