Ein Boxer braucht Disziplin

Das Jugendheim Schönbühl (Baden-Württemberg) mit seiner geschlossenen Abteilung soll aufgelöst werden. Zu teuer, heißt es. Dabei landen hier Problemfälle aus ganz Deutschland

Nur Olli Dentz und die Turnschuhe, die über den neuen, blauen Boden quietschen, sind zu hören. In der Halle boxen acht Jungs, erste Bartstoppeln im Gesicht, der eine kleinwüchsig, der andere etwas zu dick, mitten in der Pubertät. Drei stehen im Ring und lassen sich von Boxtrainer Olli Dentz anfeuern, die anderen dreschen auf Sandsäcke ein, ohne ein Wort. Harmlos wirken die Jungs, dabei haben sie Autos geklaut, Menschen erpresst und geschlagen.

Mit schlaksigen Schritten schlurft Sebastian* vor die Tür, hockt sich schweißgebadet vor die Sporthalle und zündet sich eine Lucky an. Er zieht an der Zigarette und lässt seinen Kopf mit den gegelten Haaren vor und zurück wippen. Betont cool und unnahbar hockt er da, schweigt, doch dann platzt es aus ihm heraus: „Ich habe fast angefangen zu heulen, als ich erfahren habe, dass die den Laden hier dichtmachen wollen.“ Es heißt, das Jugendheim auf dem Schönbühl schreibe rote Zahlen und sei pädagogisch völlig überholt.

Sebastian schadet das nicht mehr. Nach drei Jahren Schönbühl macht er eine Ausbildung zum Schreiner und arbeitet für einen Dachdecker im Dorf. „Aber die anderen“, sagt er, „die sind echt gearscht. Die nimmt keiner. Die waren schon überall, sind überall rausgeflogen.“

Schönbühl ist ein einziger Weinberg. In den nächsten Ort, nach Beutelsbach, läuft man eine halbe Stunde, immer vorbei an Weinstöcken. Glückliche Weinbauern stellt man sich hier vor, keine Schlägertypen und Krawallmacher, die, hinter Rebstöcken versteckt, ihre letzte Chance bekommen. Sebastian ist bei seiner Mutter in München aufgewachsen, „aber ich war immer mit den falschen Leuten unterwegs, hab viel Mist gebaut“. Autos hat er geklaut, an einem Abend waren es drei auf einmal. Warum? „Keine Ahnung. Schulfrust und die ewigen Streitereien mit meiner Mutter.“

Irgendwann war das Maß voll. Er kam ins Heim. Man schickte ihn nach Augsburg, dann nach Kirchheim und schließlich nach Kanada, intensive Einzelbetreuung: für ein halbes Jahr allein unterwegs mit einem Sozialpädagogen. Genützt hat es nichts. Sebastian ist immer wieder ausgetickt, überfiel in Kanada eine alte Frau und landete schließlich auf dem Schönbühl. Mehr als zwanzig Straftaten hat er verübt.

„Selbst wir wären fast an ihm zerbrochen“, erzählt Olli Dentz. Sebastian hat Kloschüsseln aus der Wand gerissen und aus dem Fenster geschmissen, Scheiben zertrümmert, Wände voll geschmiert und immer wieder geklaut. Siebzehn ist er jetzt und seit drei Jahren auf dem Schönbühl. „Jeder bekommt bei mir eine Chance – egal was er angestellt hat“, sagt Olli Dentz. „Ein Boxer braucht Disziplin. Boxen ist Körperschulung, Selbstbeherrschung, Konzentrationstraining, all das, was den Jungs auf dem Schönbühl fehlt.“ Seit er boxen darf, lässt Sebastian wieder mit sich reden, reißt er keine Kloschüsseln mehr aus der Wand.

Zehn Jahre musste die Heimleitung für die Sporthalle kämpfen, dann wurde investiert, aber nur drinnen. „Außen gammelt’s weiter“, schnauft Ollie Dentz aus dem Ring. Dabei habe sich der Wohlfahrtsverband selbst mächtig mit dem Boxprojekt aufgespielt, als es endlich so weit war. Baden-Wüttembergs Justizminister Ulrich Goll wurde eingeladen; auch der hessische Sozialminister schaute vor zwei Jahren vorbei und staunte, genauso wie der Sozialminister aus Sachsen. „Unser Boxprojekt ist einmalig. Unsere Jungs nehmen an Wettkämpfen teil, einer von uns wurde Vizemeister auf Landesebene.“

So richtig bemüht hat man sich von offizieller Seite scheinbar nie um den Schönbühl. Das Jugendheim erinnert an eine verfallene FDJ-Einrichtung. Der graue Putz bröckelt, hier und da wurden mit billigen Holztäfelchen notdürftig Außenwände abgedichtet. „Alles ist morsch“, klagt Schulleiter Werner Kriebel, ein gemütlicher Mann mit Bauch und gezwirbeltem Schnurrbart. Er sitzt in seinem Lehrerzimmer, das eher aussieht wie eine kleine Skihütte aus den Siebzigerjahren, mit fest verankerter Eckbank und schwerem, ebenfalls unbeweglichem Holztisch in der Mitte. „Der Verbandsdirektor hat mir einen Maulkorb gegeben“, sagt er, „aber mich kriegen die nicht. Ich bin Beamter und werde irgendwo Lehrer, wenn der Laden hier dichtmacht.“ Also kämpft er. Trifft sich mit jedem, der wissen will, wie es auf dem Schönbühl wirklich zugeht, was hier alles geleistet wird.

Von den 64 besetzten Jugendheimplätzen gehören fünfzehn zu einer geschlossenen Abteilung. Die geschlossene Heimunterbringung ist seit Jahren Streitthema unter Pädagogen, nördlich der Mainlinie war sie in den vergangenen zwanzig Jahren ein absolutes Tabu. „Die haben einfach keine Ahnung, was wir hier machen. Die meinen, wir lassen hier Jugendliche hinter Gittern verschimmeln“, sagt Lehrer Kriebel. „Besonders absurd finde ich, dass sie in ihrem eigenen Bundesland die geschlossene Unterbringung ablehnen – aber wenn sie mit jemandem nicht mehr klarkommen, schicken sie den zu uns.“ Im Moment etwa wird in der geschlossenen Abteilung ein Jugendlicher aus Bremen betreut.

Die Diskussion über die Heime sei ideologisch verbrämt, findet Kriebel. Die Jungs könnten auf Schönbühl ihren Schulabschluss und eine Lehre machen. Ergotherapie, Gestalttherapie, all das, was so modern klingt, gibt es auch hier, ebenso betreute Wohngemeinschaften. In so eine kommt jetzt auch Sebastian, nachdem er alle Stationen auf Schönbühl, von der geschlossenen Abteilung bis hin zur offenen Wohngruppe, hinter sich hat: „Ich hab immer wieder Scheiße gebaut, aber hier hat mich keiner je aufgegeben. Bei jeder Gerichtsverhandlung war ein Betreuer dabei, egal was ich angestellt hatte.“

Von solcher Unterstützung will der Direktor des Landeswohlfahrtsverbandes nichts hören: „In der modernen Jugendarbeit soll das soziale Umfeld der Jugendlichen mit einbezogen werden. Das geht auf der grünen Wiese nicht.“ Also müsse das letzte Jugendheim mit einer geschlossenen Abteilung in Württemberg schließen, sagt Roland Klinger. „Der Bedarf ist auch gar nicht mehr da.“ Seit zehn Jahren schreibe Schönbühl rote Zahlen. Hinzu kämen Investitionen von mindestens 2,9 Millionen Euro für die Sanierung der alten Gebäude. Langfristig, so Klinger, seien neun Millionen Euro notwendig.

Dagegen kann auch Lehrer Kriebel nichts sagen. „Ich habe auch nichts gegen eine wohnortnahe Unterbringung, keiner hier. Aber wenn ich Sätze höre wie: ‚Ein Pädagoge schließt nicht ein‘, und wenn mir dann genau von denselben Leuten Sexualstraftäter und Autoknacker geschickt werden, werde ich sauer!“ Der Wohlfahrtsverband sei Träger vieler Einrichtungen und mache im Moment ordentlich Miese. „Wir sind nur ein Bauernopfer. Da sucht man sich die kleinste Einrichtung mit der schwächsten Lobby“, schimpft er.

Doch wenn das Betreuungskonzept von Schönbühl so toll funktioniert, warum schicken die Jugendämter keine Jugendlichen mehr hierher? Warum sind von ehemals 120 Plätzen nur noch 65 belegt? Auch dafür hat Kriebel eine Erklärung: „Die stationäre Unterbringung ist zu teuer. Die Kommunen haben kein Geld. Zudem haben wir nicht genügend qualifiziertes Personal. Finden Sie mal Leute, die die permanent aggressive Stimmung aushalten. Hier werden Türen eingetreten, es ist laut, hier wird gespuckt und geschlagen.“

Tatsächlich hat der Wohlfahrtsverband ein Defizit von hundert Millionen Euro angehäuft. Und das muss binnen drei Jahren getilgt sein, sagt der Pressesprecher des Verbandes. Zwar betrage der Anteil des Jugendheims an den Miesen nur 4,9 Millionen, doch es gebe „genügend ortsnahe Hilfen“. Diese Meinung vertritt auch das Deutsche Jugendinstitut (DJI) in München, das seit Jahren zum Thema Kinder- und Jugendkriminalität forscht. „Es ist gut, dass es in Deutschland nur noch etwa 130 geschlossene Plätze gibt. Eine Heimunterbringung sollte wirklich das letzte Mittel sein“, sagt Sabrina Hoops vom DJI. Sie räumt aber ein, dass es seit langem keine umfassende Studie über Jugendheime mehr gab. „Wir wissen wenig von dem, was in den einzelnen Einrichtungen geleistet wird.“ Dass es dort zugehe wie in Kinderknästen, sei sicher eine falsche Vorstellung, die sehr idologisierte Debatte über das Für und Wider der stationären Unterbringung sei von solchen Vorstellungen bestimmt.

Auch in Bremen wird immer wieder diskutiert. Noch wird die geschlossene Unterbringung in der Praxis vermieden. „Ich muss aber zugeben, dass wir Einzelfälle nach Süddeutschland schicken, weil wir bei denen mit all unseren Angeboten gescheitert sind“, sagt Barbara Hellbach vom Bremer Landesjugendamt.

Werner Kriebel will niemand sein, der sich gegen Reformen stemmt. Aber er ist Pragmatiker: „Es geht hier nicht zuletzt um 64 Jugendliche. Die können wir nicht einfach im Stich lassen.“ Der Landeswohlfahrtsverband sieht das Problem nicht, behauptet, dass die Telefone im Landesjugendamt nicht mehr stillstünden, seit durchgesickert sei, dass Schönbühl geschlossen werden soll. „Alle möglichen Einrichtungen wollen die Jugendlichen abwerben.“ Da kann Kriebel nur lachen, obwohl ihm eigentlich zum Heulen zumute ist: „Das geht zwei, drei Monate gut. Länger nicht. Am Ende landen sie auf der Straße, in der Psychiatrie oder im Knast.“ Er kennt seine Pappenheimer und ihre Heimkarrieren.

Dass es keinen Bedarf für Einrichtungen wie Schönbühl gibt, will auch das Justizministerium in Baden-Württemberg nicht glauben. Der scheidende Justizminister Ulrich Goll sei „ein extremer Anhänger von Schönbühl“, behauptet sein Pressesprecher. Damit nicht genug: Ebenso wie in Hessen und inzwischen auch im Norden der Republik (in Hamburg soll ein geschlossenes Jugendheim mit neunzig Plätzen eingerichtet werden) plant man in Baden-Württemberg sogar den Ausbau von Heimplätzen für junge Straftäter, denn die Zahl der Intensivtäter habe sich seit 1995 auf 140 verdoppelt. „Gemeinsam mit baden-württembergischen Firmen und der Jugendhilfe“, so der Pressesprecher, „wollen wir eine Alternative zum Jugendvollzug aufbauen, ähnlich wie in Schönbühl. Bisher hat man jedoch noch keinen geeigneten Standort gefunden.“

Altensteig im Nordschwarzwald sollte es werden, dann Creglingen. Doch die Bürger wehren sich, schreiben Flugblätter, in denen sie vor Kriminellen warnen, die durch die Hohenloher Dörfer stromern.

* Name von der Redaktion geändert