Pferdeäpfel auf dem Weg der Geschichte

In der Innenstadt boomt noch immer das Geschäft mit der Mauer. An der Außengrenze jedoch wächst Gras darüber. Wer zwölf Jahre nach dem Mauerfall noch Spuren der Grenzanlagen finden will, muss schon sehr genau hinschauen

Die ärgsten Feinde der Erinnerung sind Schafgarbe, Beifuß, Goldraute, Brombeerhecken, Kiefern und Birken. Kräuter und Gestrüpp dutzender Arten mühen sich in vegetativer Eintracht, im Berliner Norden 28 Jahre Mauergeschichte zu überwuchern.

Der ehemalige Grenzstreifen an der Stadtgrenze zwischen Reinickendorf und dem Land Brandenburg wird zusehends von wildem Wurzelwerk durchdrungen. Kilometerlang streckt sich ein Meer aus Blumen, Wildkräutern und Büschen, alles leuchtet in den herrlichsten Farben. Kiefernnadelduft suggeriert Erholung. Wo sich niemand mehr für den einstigen „antifaschistischen Schutzwall“ interessiert, wächst Gras darüber.

In der City wird die Erinnerung zum gewinnträchtigen Geschäft für Ansichtskartenverkäufer, Buchhändler, Fotofilmhersteller. Nikonbehangene Japaner oder Amerikaner eilen von der als Graffiti-Kunstwerk erhaltenen East Side Gallery in Treptow zum Checkpoint Charlie an die Friedrichstraße oder zu den Gedenkkreuzen für die Mauertoten am Reichstag. Sie beugen sich über die Bronzeplatten, die an der Niederkirchner-, der Zimmerstraße oder anderorts in einem Doppelpflasterstreifen in den Asphalt eingelassen sind. Sie lesen die plastische Inschrift „Berliner Mauer 1961 – 1989“ und betätigen die Auslöser ihrer Kameras. Der Streifen markiert, mit baulich bedingten Unterbrechungen, den Mauerverlauf. Von einigen Berlin-Besuchern wird fälschlicherweise sogar für das Fundament der abgeräumten Betonsegmente gehalten.

Die außerstädtische Grenze jedoch versinkt im märkischen Sand. Hier hätte der Besucher schon vor 1989 kaum die Mauer gefunden. Denn die Grenze bildete an vielen Stellen ein Metallzaun.

Heute ist von den vor annähernd 40 Jahren errichteten Anlagen kaum noch etwas zu finden. Einen der wenigen Hinweise bilden ein paar Pferdeäpfel. Denn über den sandigen Grenzstreifen treiben Hobbyreiter ihre Pferde. Und die für die Grenzer parallel gegossene Asphaltstraße erweitert nun das Veloroutennetz der Stadt.

Der Grünen-Abgeordnete Michael Cramer fordert, den alten Mauerverlauf dauerhaft zu kennzeichnen. Denn aktive Erinnerungsarbeit beruht bisher zumeist auf Privatinitiative.

Helga Gardun etwa bekam nach der Wende von einem gutwilligen Grenzschutzbeamten für ihren Naturschutzverein in Bergfelde einen der Wachtürme geschenkt, erzählt die pensionierte Biolehrerin. Mit ein bis zwei Dutzend Kindern pflanzte sie bisher zehntausende Kiefern im Grenzschutzstreifen, legte um das Wachgebäude herum einen Garten an. Der Turm ist heute eine Naturschutzstation mit Solaranlage und Tiefbrunnen, irgendwann werden die Bäume die Aussicht vom Turmdach vereiteln.

In Frohnau erinnert an der Ecke Oranienburger Chaussee/Edelhofdamm ein nachgegossenes Mauerelement hinter einem schweren Holzkreuz an Mauertote. Für den aufmerksamen Wanderer sind „Am Sandkrug“ mehrere unüblich hohe, zweiarmige Peitschenlaternen wahrnehmbar, sie sollten die ehemalige Grenz-Sackgasse für die Grenzpolizisten übersichtlich machen. Nachgewachsenes Baumgeäst schirmt heute die schmale Straße ab, das nächtliche Licht der ehemaligen Grenzleuchten würde aus dreißig Metern Höhe längst nicht mehr den Boden erreichen. Sie durften stehen bleiben, weil sie heute als Halterung für die neue tiefer angebrachte Straßenbeleuchtung dient.

Ein paar Straßen weiter wohnt Ulrich G. Sein erst 1959 am Rosenanger errichtetes Haus lag nach 1961 direkt am Zaun und wurde zu einem der ruhigsten Orte der Stadt. Heute tobt auf der Oranienburger Chaussee wieder der Autoverkehr. G. verlegt demnächst seine Terrasse hinters Haus, um beim Nachmittagskaffee vom Quietschen der Reifen oder dem Notsignal der Einsatzwagen abgeschirmt zu sein. Heute bewegt sich der Frohnauer wie selbstverständlich in das früher unerreichbare Glienicke hinüber: „Zum Friseur oder zum Einkaufen“. Ulrich G. weiß auch ohne besondere Markierung noch, wo die Grenze verlief. Doch Menschen ohne solch direkten Bezug tappen im Dunkeln.