■ Aus dem Tagebuch von Wam Kat

Die Pyramide von Enver Hoxha

Am 5. Mai fuhr Wam Kat, Friedensaktivist schon im Bosnienkrieg, von Belzig bei Berlin nach Tirana. Unter dem Zeichen der „Balkan Sunflowers“ will er Freiwillige organisieren und versuchen, den Flüchtlingen aus dem Kosovo zu helfen. Im Reisegepäck hat er auch ein altes Notebook der taz, mit dem er sein Tagebuch schreibt und als E-Mail verschickt .

Tirana, 8. Mai: Nach dem Kaffee gingen wir in die Stadt, um uns bei Tageslicht umzusehen. Bald standen wir vor der sogenannten Pyramide, einem riesigen, modernen Gebäude, einer Art Denkmal für Enver Hoxha. Bis etwa 1990 war das ein beinahe heiliger Ort, heute benutzen Kinder die Marmorflanken als Rutschbahn. Überall zerbrochene Scheiben, Gras wächst aus den Fugen. Durch den Hintereingang und über endlose Treppen kamen wir schließlich zum Internationalen Informations- und Koordinationszentrum für humanitäre Hilfsorganisationen, das sich aber als wenig hilfreich herausstellte. Die Tische der größeren Organisationen waren leer, die ausliegenden Materialien veraltet. Nur die Nato hat zwei Offiziere mit einem Computer hierherbeordert, aber auch sie konnten uns nicht mehr sagen, als daß nur ein kleiner Teil der Flüchtlinge offiziell registriert sei. Wir schrieben uns beim Albanischen Nationalen Forum für NGOs ein, konnten aber auch dort mit niemandem richtig reden. Die zwei Mädchen verstanden zwar recht gut Englisch, waren jedoch nicht imstande, uns den Weg zu ihrem zentralen Büro zu zeigen. Auch am Schalter des UNHCR trugen wir uns als internationale NGO ein. Aber die Frau am Schreibtisch konnte uns auch nur erklären, wie man das entsprechende Computerformular ausfüllen muß.

Der Junge, der uns die Wohnung vermittelt hat, stellte uns ein paar Leuten vor, die hier in Tirana als Internetprovider aktiv sind. Zum Glück arbeiteten sie auch heute, am Samstag. Auf dem Weg zu ihrem Büro erzählten sie uns, wie schwierig es sei, hier eine Internetfirma aufzubauen. Es gibt so wenige Computer, und die Telefonleitungen sind so schlecht, daß ihr „Abissnet“ eher ein Hobby als ein Arbeitsplatz ist. Ihr Büro ist winzig, aber sie haben Geschick, und der Service war perfekt. In einer halben Stunde hatten sie die nötige Software auf meinem Notebook installiert und mich über ihr System ins Netz eingewählt. Für die E-Mail-Verbindung muß ich nichts bezahlen, solange wir keinen eigenen, größeren Computer haben, mit dem wir selbst ins Netz kommen.

Tirana, 13. Mai: In den letzten drei Jahren ist die Einwohnerzahl von Tirana von 350.000 auf fast 1 Million gewachsen. Etwa ein Drittel der albanischen Bevölkerung lebt hier, fragt mich nicht, wo. Tirana ist immer noch eine Kleinstadt, es gibt keine Vororte, und im Zentrum kannte ich ich mich nach wenigen Tagen sehr gut aus. Niemand benutzt hier Straßennamen. Man wohnt neben der Post, beim Alten Park, in der Nähe der Nationalbank. Offenbar schreiben die Albaner keine Briefe, ich habe jedenfalls nirgendwo einen Briefkasten gesehen. Aber sie telefonieren, und ich frage mich, warum das immer noch funktioniert.

Was mich ebenfalls sehr interessiert, ist das Pyramidensystem, das von 1993 bis zum Bürgerkrieg von 1997 den Staat in den finanziellen Abgrund gestürzt hat. Sie haben mir erklärt, wie es funktionierte. Es klingt so irreal, daß ich kaum begreife, wie so etwas unter den Augen der Weltbank und des UNO-Entwicklungshilfeprogramms möglich war. Die Leute haben alles verloren, überall stehen immer noch Bauruinen herum, die niemandem gehören.

In dieser ersten Woche jedenfalls habe ich gelernt, daß es falsch ist, hier nur den Flüchtlingen aus dem Kosovo helfen zu wollen. Man muß in den Gemeinden und Kleinstädten anfangen zu arbeiten, mit den Flüchtlingen und den Einheimischen zusammen. Weil wir das tun wollen, stoßen wir auf immer mehr Interesse. Man will auch uns helfen, obwohl wir weniger zahlen können als andere. CNN zum Beispiel bezahlt für einen Übersetzer 250 Dollar pro Tag, wir höchstens ein Zehntel davon.

wamabiss@net.com.al

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