Schlagloch

Kein Öl für Blut?

■ Von Friedrich Küppersbusch

„Ich habe nicht nur gelernt: Nie wieder Krieg. Sondern auch: Nie wieder Auschwitz.“ Joschka Fischer im „Spiegel“

1. Eine erklärte „Männerpartei“, die als erste Amtshandlung die reine Frauenarmee Bundeswehr in ein täglich bescheuerter werdendes Mannbarkeitsritual am Balkan hetzt, wäre in der hiesigen Öffentlichkeit bereits erbarmungslos niederkommentiert, und das zu Recht.

Die erklärt feministische Partei, voran ihre sauber durchquotierten VorsitzInnen, windet den Jungs vom Bund ein Tüchlein aus eitel Menschenrecht um die Lanze und dann ab dafür, Kameraden. „Männer machen Kriege“, haben wir uns nun 30 Jahre anpöbeln lassen; und daß Sterben, Töten oder Verkrüppeltwerden Männern irgendwie gelenkiger ins Leben passe. Und, natürlich, daß Frauen Leben geben und es deshalb auch politisch viel skrupulenter handhabten. Das der eigenen Menschen, das der anderen.

Die Grüninnen sollen zügig Frauen zum Bund einziehen und hinfort wissen, was sie verheizen, wen sie das nächste Mal politisch versagen. Das Argument „Die andern haben aber angefangen“ gewöhnt sich mein Sohn gerade ab, und der ist sieben. Dann spielt er mit seinen Kumpels Tarnkappenbomber im Garten.

2. Der drollige Kältestenrat aus Alfred Dregger, Helmut Schmidt, Rudolf Augstein, auch Martin Walser und sonstwem noch, die mit klaren Absagen an diesen Krieg überraschen: Eine Politik-Generation, die den Bündnisgrünen fehlt. Die Sozialdemokraten schalt man als „vaterlandslose Gesellen“, weil sie nicht gegen Frankreich ziehen wollten, weil Liebknecht noch 14/18 den Kriegskrediten nicht zustimmte. Der Vorwurf schmerzte, und prompt überkompensiert selbst Ururenkel Schröder noch nachts im Luftraum über Serbien rum. Die Grünen dagegen sind großvaterlandslose GesellInnen. Alte Säcke, Flakhelfergeneration, Kriegsteilnehmer mit Prothese unter edlem Tuch: Die fehlen der jüngsten deutschen Partei, und dies zur Zeit bitterlich.

Vielleicht sehnen sich manche zurück nach der Blüte ihrer Jahre selbst dann, wenn sie diese mit dem Anblick hervorquellenden Gedärms krepierender Kameraden verbracht haben. Es gibt Kriegsverklärer in der Ü 60-Generation, klar. Aber es gibt diese anderen eben auch, denen man nicht noch mal erzählen sollte, daß man jetzt aber mal den volle Kanne gerechten Krieg zu führen habe. Das haben die schon mal geglaubt. Die eindeutige Absage des CDU-Parteitags an jede deutsche Bodentruppe deutet an, daß die Union um die Seelenlage ihrer eher älteren WählerInnen weiß.

3. Krieg nachts in Köln mit Blick über die Skyline aus der 5. Etage mit Balkon ist irre. Man kann rausgehen, eine rauchen, dabei die beiden spitzhütigen Zauberer anglotzen, die tagsüber als „Dom“ von Japanern fotografiert werden. Dazu schwadroniert man von „1.000 Kilometer vor unserer Haustür kann man hinfliegen dolle Sache jedenfalls Krieg“, ab und an dullert von drinnen n-tv hoch, weil jemand an der Fernbedienung fummelt, alle machen Zigaretten aus und gehen wieder rein. Es ist wie Bunker mit Blick auf den Rhein, bizarr. Nach dem Kosovo-,,Brennpunkt“ erscheint im Ersten die fleischgewordene Antwort auf die Frage, wie ein Mastferkel mit Föhnfrisur aussieht; es geht um die 100. „Volkstümliche Schlagerparade“. Das nimmt uns auch alle ganz schön mit.

4. Viele wird es überraschen, aber Adolf Hitler ist tot. In der Autobiographie der RAF-Aktivistin Inge Viett las ich vom Faschismus der 50er Jahre, der ihren bewaffneten Kampf erzwungen habe. Joseph „Der Kampf geht weiter“ Fischer hat den Führer nun im Osten geortet; Miloevic dagegen bei der EU. Vielleicht täte der Nato eine Waffenpause auch schon deshalb gut, damit man mal in Ruhe klären kann, ob man Vertreibung, Mord, Totschlag, Vergewaltigung und Landraub auch dann noch Scheiße findet, wenn man ihn nicht mit dem Jahrhundert-GAU gleichsetzen kann. Na siehste, geht doch. Das krampfige Bemühen, es aber unter Antifa nicht zu machen, springt einen an wie die Not von Menschen, die ihre Selbstzweifel mit der größtmöglichen Keule bezähmen und verdrängen müssen. Nie war mir so walser wie heute.

5. Egon Bahr ist klasse.

6. Das ZDF-,,heute-journal“ feuerte die Bilder vom zernierten Flüchtlingstreck stolz als erste Hauptnachrichtensendung ab. Umflort von einem Kommentar, Tenor: Man wisse nicht, wer genau da wen angegriffen habe, es gebe widerstreitende Legenden zu den Bildern, man werde die Geschichte klären, aber sicher nicht mehr in dieser Ausgabe. Dann sendet auch die Bilder nicht.

Zum Sprachgebrauch vom „Serbenführer Miloevic“ gelingt dem Vorsitzenden der Journalisten-Gewerkschaft die treffliche Gegenfrage, ob nämliche Sendungen das Schröd denn nun auch als „Germanenführer“ titulieren werden. Hanns-Joachim Friedrichs forderte völlig zu Recht, der Journalist habe sich mit keiner Sache, auch nicht der gutgemeinten, gemein zu machen.

130 Journalisten haben einen Aufruf sowohl gegen diesen Krieg wie auch gegen die Kampfhandlungen in den Nachrichtensendungen unterschrieben. Das ist moralisch nicht wertvoller, als sich im täglichen Schaffen für diesen Krieg auszusprechen. Und garnichts sagen ist auch unmoralisch. Das Gegrübel um derlei Befindlichkeiten ist immer noch von minderer Bedeutung im Angesicht des Geschehens, um das es geht.

7. Der Verzicht auf eine alternative Außenpolitik mag für die Bündnisgrünen eine Niederlage sein. Das Bewerten und Beweinen wird Papiere, Parteitage, Programme füllen. Noch schöner wäre aber, jetzt doch eine zu versuchen. Der aktuelle Streit um die Öllieferungen des Westens an Serbien müßte Fischer an seine frühere Linie erinnern, die Politik unterhalb des Militärschlags bis zum letzten auszuloten. Das ist offenbar nicht geschehen, wenn ein empfindliches wirtschaftliches Druckmittel gegen Miloevic erst vier Wochen nach Kriegsbeginn erwogen wird. Lieber erst mal Menschenleben riskieren, bevor das Ölgeschäft wankt? Kein Öl für Blut?

Man hilft der deutschen Außenpolitik auch mit Blick auf die Zukunft überhaupt nicht, wenn man eine Pleite mit Blick auf tolle Umfragewerte gesundquatscht: „War Mist, hat den Leuten aber gut gefallen.“ Völkerrechtlich sinnvolle Instrumente – wie etwa wirksame Boykottregeln – wird man von dieser Bundesregierung erwarten dürfen. Eine friedvolle Beilegung anderer, auch europäischer Konflikte scheint sonst mitzerstört zu werden. Wenn Herr Schröder den russischen Vermittler vor versammelter Weltpresse noch mal eine Viertelstunde lang schweigend brüskiert, ist ihm in netter Form die Havanna quer einzuführen. So was nennt man geopolitische Verantwortung.

8. Den handelnden Personen der deutschen Politik und Medien ist ausdrücklich der beste Wille zuzusprechen; keiner ist ein Killer oder Waffennarr. Und alle haben natürlich das Recht auf den Gewissensirrtum; wer nach tiefster Gewissenserforschung falsch entscheidet, hat das Menschenmögliche getan. Das klingt nicht nur schleimig, sondern killt auch eine Menge Jobs im Bereich Moralverkehr. Und das ist es mir wert.

Viele wird es überraschen – Adolf Hitler ist tot

Die Bündnis- grünen sind großvaterlandslose GesellInnen