Jetzt melkt ein Mikrochip die Milchkühe

■ Der Brandenburger Landwirtschaft geht der Nachwuchs aus, junge Leute verlassen ihre Dörfer/ Arbeitsplatzabbau geht weiter/ Das Futter kommt nun vom Kollegen Computer

Potsdam/Kremmen. 09118 ist tot. Mit 6.900 Litern Milch Jahresleistung zählte die Kuh, der niemand einen Namen gegeben hatte, zu den leistungsstärksten Tieren Brandenburgs. Nur hat 09118 das Kraftfutter nicht überlebt. Zwar konnten die Melkmaschinen der Rhinland-Agrargesellschaft in Kremmen immer mehr Milch aus ihrem Euter abpumpen – aber nur bis sie kalbte. Dann ging wohl etwas mit der Dosierung daneben, „und die Kuh mußte von ihrer eigenen Substanz leben“, berichtet Geschäftsführer Rudi Bienek der taz. 09118 konnte sich nach der Geburt ihrer Färse im Mai aus eigener Kraft nicht mehr erheben. Zwei Wochen später war sie ein Fall für den Notschlachter.

Mit Hilfe des Kraftfutters konnte der Nachfolgebetrieb einer Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft (LPG) der ehemaligen DDR die Milchproduktion erhöhen – im vergangenen Jahr um 360 Liter je Kuh. Die durchschnittliche Jahresmenge von 6.700 Litern ist Ergebnis eines Kampfs mit westdeutschen Konkurrenten, der gnadenlos ausgetragen wird. Mehr als zwei Jahre ist es her, daß sich die beiden deutschen Staaten wiedervereinigten. 09118 zählt zu den späten Opfern. Über die täglich gezapften Milchmengen führte damals Sigrun Kallisch detailliert Buch. Die Dokumentaristin wußte, daß „über dem Betrieb das Schwert schwebt“, aber dennoch zeigte sie sich im Januar vergangenen Jahres voller Zuversicht: „Solange es Kühe gibt, werde ich gebraucht.“ Sie irrte. Seit November befindet sich die 55jährige im Vorruhestand und bezieht nur noch zwei Drittel ihres ursprünglichen Einkommens. 1989 waren in der Brandenburger Landwirtschaft 179.000 Menschen beschäftigt, heute sind es nach Zahlen des Potsdamer Landwirtschaftsministeriums nicht einmal mehr 40.000.

Vor der Wende hatten 12 DDR- Arbeiter mit 100 Hektar Grün- und Ackerfläche zu tun, berichtet Detlef Herbst, Sprecher von Landwirtschaftsminister Edwin Zimmermann (SPD). In den alten Bundesländern bewirtschafte die halbe Zahl an Arbeitskräften die gleiche Fläche, in Brandenburg sei das Quantum inzwischen auf drei Beschäftigte gefallen. „Wir wußten nicht, was Produktivität bedeutet“, sagt Agrar-Chef Bienek heute. Jetzt weiß er, was das Wort ausdrückt. Von den ursprünglich 650 Mitarbeitern waren im vergangenen Jahr noch 210 auf der Lohnliste seines Betriebs verzeichnet. Ihre Zahl soll in diesem Jahr weiter auf 150 reduziert werden.

161 Millionen Mark Dürrehilfe für ein Drittel aller Betriebe

Vielleicht hätte Kallisch bleiben können, wäre es im Sommer nicht so verdammt heiß gewesen. Im „Katastrophenjahr 1992“, sagt Ministersprecher Herbst, sei auf Ackerflächen zwei Fünftel und auf Weideland ein Viertel der Ernte ausgefallen. Jeder dritte Brandenburger Betrieb war in seiner Existenz bedroht.

2.000 Ernte- und Mastfabriken wurden von den 161 Millionen Mark aus dem Dürrehilfsprogramm unterstützt. Die Rhinland- Agrargesellschaft gehörte zu den übrigen 3.600 Unternehmen, die leer ausgingen. Denn die Hitze hatte so gut wie keinen Einfluß auf das Geschäft mit den knapp 2.700 Rindern und 1.600 Schweinen in Kremmen. Ging manchem Betrieb, der nur vom Getreideanbau lebte, bis zur Hälfte der Einnahmen verloren, belief sich der Verlust 50 Kilometer nordwestlich von Berlin immerhin nur auf ein Drittel des Umsatzes vom vergangenen Jahr.

Deshalb hätte auch Bienek gerne Geld von Land oder Bund bekommen. Daneben wurmt den diplomierten Agraringenieur aber auch die Geschichte mit den Schweine-Preisen. Im Sommer habe man für ein Kilo Schlachtgewicht drei Mark bekommen. Im Dezember sei der Preis auf 2,44 Mark gefallen. Das liege an den Großschlachtereien, die sich kartellartig untereinander absprechen würden, um so die Bauern zu Niedrigpreisen zu zwingen. Ein Indiz für diese Spekulation, mußmaßt der Geschäftsführer, sei, daß das Schweinefleisch für den Endverbraucher in den vergangenen Monaten nicht billiger geworden war. Bei einem Verkaufspreis von unter drei Mark bliebe seiner Gesellschaft nichts anderes übrig, als die Produktion zu industrialisieren. Und das tut die Rhinland-Agrargesellschaft dann auch.

Frau Kallisch wird gegen einen teuren Rechner eingetauscht

Eine viertel Millionen Mark läßt sich die Firma es kosten, den spitzen Bleistift von Kallisch gegen einen schnellen Mikroprozessor einzutauschen. Die Dokumentaristin hielt für jede einzelne Kuh auf Karteikarte fest, was diese an Milch gab.

Ab den nächsten Wochen erledigt das Kollege Computer. Ein Rechner unterscheidet die 1.100 Kühe an ihren Ohren, an denen Mikrochip-Sender kleben. Akkurat wird mit Hilfe der kabellosen Technik festgehalten, wieviel aus welchem Euter fließt. Die dazugehörige Kuh bekommt entsprechend ihrer Leistung unter das normale Fressen Kraftfutter gemengt – der Rechner sorgt für alles. Zur Zeit werde außerdem ein Stall gebaut, berichtet Bienek, in dem eine „halbe Kraft“ 900 Schweine versorgen könne.

Auch wenn der Chef nicht weiß, wie lange der Laden tatsächlich überleben wird, sei die Angst kaputtzugehen, vorläufig verflogen. Die Altschulden aus der DDR- Zeit, bei dem Kremmener Betrieb etwa 16 Millionen Mark, müssen frühestens ab 1995 zurückgezahlt werden – aber auch dann jährlich nur ein Fünftel des erwirtschafteten Gewinns. Und auch die Eigentumsfrage spielt kaum eine Rolle. Von den gepachteten 4.200 Hektar gehören zwar 2.500 Hektar der Treuhand, doch Alteigentümer gibt es nicht, so daß die Rhinland- Gesellschaft auch die kommenden Jahre über den Boden verfügen kann.

Probleme könnte es schon eher bei den Arbeitskräften geben. Das Landwirtschaftsministerium hat errechnet, daß in Brandenburg jährlich 150 Land- und 20 Tierwirte ausgebildet werden müßten, um den späteren Bedarf zu decken. Doch die jungen Leute gingen aus den Dörfern weg, berichtet Ministeriumssprecher Herbst. Im Sommer vergangenen Jahres hatten noch 37 den Beruf des Land- und sechs den des Tierwirts ergriffen.

09118 kann das nicht mehr stören. Aber auch 13648 wird kaum etwas von den Schwierigkeiten in der Landwirtschaft bemerken. Letztes Jahr liefen rekordverdächtige 8.200 Liter durch ihr Euter. Dieses Jahr bekommt sie einen Minisender ins Ohr – ihr Melker ist ein Mikrochip. Dirk Wildt