Das letzte Foto

AUSSTELLUNG Esther Shalev-Gerz zeigt in ihrem Projekt die Beziehungen zwischen Menschen und ihren Kameras und beschäftigt sich mit der Tradition der fotomechanischen Industrie in Braunschweig

Sie erzählen Geschichten von Geschenken, Erbstücken und abgestotterten Raten

Das Braunschweiger Museum für Photographie erhalte häufig Anfragen, ob nicht eine alte Kamera oder eine komplette Ausrüstung in die – fälschlich vermutete – technikgeschichtliche Sammlung aufgenommen werden könne. So schildert Florian Ebner, der Leiter des Hauses, eine der Motivationen für das aktuelle mehrteilige Ausstellungsprojekt mit Esther Shalev-Gerz. Vielen Menschen scheinen ihre Fotoapparate, selbst wenn sie nicht mehr funktionstüchtig sind, so an das Herz gewachsen, dass sie diese nicht einfach entsorgen könnten.

Esther Shalev-Gerz, in Vilnius geboren, in Israel aufgewachsen, nun in Paris lebend, griff für ihre Einladung nach Braunschweig diese emotionale Beziehung zwischen dem Menschen und seiner Kamera auf. Über Lokalzeitung und Rundfunk startete sie einen „call for cameras“, der zu 35 Rückmeldungen führte. Von denen stellten sich 25 für ihre Video- und Fotodokumentationen zur Verfügung. Alle hantieren sie nun vor laufender Kamera bedächtig mit den guten Stücken, erzählen Geschichten von Konfirmationsgeschenken, Erbstücken und mühsam abgestotterten Ratenzahlungen, von der Hochzeits- oder Pilgerreise, gar von einem toten Falter, der beim Hervorholen der Kamera aus der Tiefe des Schrankes symbolträchtig daneben lag.

Und alle Teilnehmer wurden um einen letzten Klick, das finale Bild ihrer Kamera, gebeten. So wird mit defekter Optik das Braunschweiger Shopping-Schloss abgelichtet und erscheint nun als verdoppelte Kulisse. Oder das nachgewiesene, vielleicht auch nur vermutete, letzte, mit der alten Kamera vor Jahrzehnten erstellte Foto wird herausgesucht: eine kriegsgebeutelte, verschneite Straße anno 1943, die frisch angetraute Ehefrau in den 1950ern, eine lang verstorbene Verwandte.

Für einen zweiten Teil ihrer Ausstellung beschäftigte sich Shalev-Gerz mit der großen Tradition der fotomechanischen Industrie in Braunschweig. Voigtländer, vor allem aber Rollei begründete bis zu der letzten seiner vielen Insolvenzen vor einem Jahr mit Modellen wie der zweiäugigen Rolleiflex den Mythos einer Fotostadt. Shalev-Gerz ging mit einer digitalen Mittelformat-Rollei zurück an die Geburtstätte eines anlaogen Vorläufers, den sie als autonomes Wesen auf einem Stativ in Beziehung zu Ort und Geschehen setzte.

Leere Hallen, gestapelte Kisten mit Resten der Produktion, verwaiste Foyers auf 20.000 Quadratmetern: dieser Anblick bietet sich der Kamera, die wie ein Don Quichotte gegen eine erbarmungslose Fortschrittsgläubigkeit anzukämpfen scheint. Das Rollei-Archiv sei schon komplett nach Japan verkauft, sie hätte frei über Devotionalien für ihre Ausstellung verfügen können, sagt Shalev-Gerz nicht ohne Befremden darüber, dass sich wohl niemand Offizielles für den Traditionsbetrieb eingesetzt hätte.

Mit diesem mehrschichtigen Projekt will das Museum für Photographie einen kleinen Zyklus zum Wandel der Apparatetechnik, aber auch der sozialen Gebrauchsweisen des Mediums abschließen. Anarchische Archive, die in neuen künstlerischen Kontexten zu ganz andersartigem Leben erwachen, vitale Bildausbeuten vom Jahrmarkt als erhellende Soziogramme, unser kollektives Gedächtnis, geprägt durch die allgegenwärtige Macht des Bildjournalismus waren einige der untersuchten Auftrittsformen. Und so ist die aktuelle Ausstellung auch nicht als sentimentaler Abgesang auf ein untergegangenes Zeitalter zu sehen. Es scheint, als wäre das präzise Erinnern die unverzichtbarste Grundlage für den unverstellten Blick nach vorne. Die magischen Klicks der analogen Kameras, die nun als Audioinstallation rund um das Museum erklingen, werden ohnehin noch lange in unserem Bewusstsein nachhallen.

BETTINA MARIA BROSOWSKI

bis 23. Januar 2011