Es ist vollbracht. Fast

PROTESTE 1.000 Menschen seien bei den Auseinandersetzungen am Wochenende mit der Polizei verletzt worden, sagen Protestierer

„Wir geben das fadenscheinige Argument, wir seien Gesetzesbrecher, gerne zurück“

WOLFGANG EHMKE, BI DANNENBERG

AUS DEM WENDLAND KONRAD LITSCHKO

Mit einer massenhaften Sitzblockade in Gorleben haben sich am Montagnachmittag Atomkraftgegner auf eine weitere lange Nacht des Widerstands gegen den Castortransport vorbereitet. Bereits seit Sonntag versperrten hunderte Menschen die Zufahrt zu dem Zwischenlager – und kündigten an, ihren Protest auch eine weitere Nacht aufrechtzuerhalten.

Mit bereits eintägiger Verspätung ist am Montag um 9.20 Uhr der Castortransport auf dem Weg ins niedersächsische Zwischenlager Gorleben im Umladebahnhof Dannenberg eingetroffen. Zuvor hatten Protestaktionen an der Gleisstrecke im Wendland die Weiterfahrt immer wieder unterbrochen. Bis zu 5.000 Demonstranten hatten sich auf einem Schienenstück nahe der Ortschaft Harlingen am Sonntag auf die Schienen gesetzt und 20 Stunden ausgeharrt – die größte Gleisblockade in der Protestgeschichte des Wendlands. Erst am frühen Montagmorgen gelang es der Polizei, nach fünfstündiger Räumung alle Protestler von den Gleisen zu tragen und den Castor passieren zu lassen (siehe Seite 3).

In Dannenberg wurden ab dem Vormittag die Castoren mit dem hochradioaktiven Atommüll aus der französischen Wiederaufbereitungsanlage La Hague auf Lkws verladen, um von dort ins 20 Kilometer entfernte Zwischenlager Gorleben gefahren zu werden. Laut Polizeiangaben sollte die Verladung bis zu 15 Stunden dauern, da auch mehrere Strahlenmessungen erfolgen sollten. Bis zum frühen Montagabend waren sechs der elf Castoren umgesetzt. Die Abfahrt der Lkws wurde für den späten Montagabend erwartet. Ankunft in Gorleben: ungewiss.

Denn bereits seit Sonntagmittag hatten sich etwa 2.000 Demonstranten bei frostigen Temperaturen zu einer Sitzblockade auf Strohsäcken und Isomatten vor der Einfahrt zum Zwischenlager niedergelassen. Die Polizei duldete bis Redaktionsschluss die Blockade, untersagte aber Zelte und große Strohballen auf der Straße. Die Kälte vertrieben sich die Protestler mit Tee, Waffeln und Pizza. „Wenn die Blockade so friedlich bleibt wie bisher, werden wir keine Zwangsmittel einsetzen“, sagte ein Beamter.

Bei einer Kundgebung der Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg in Splietau am Montagmittag ging die Polizei nicht ganz so zurückhaltend vor: Sie erschwerte den Zugang zu der angemeldeten Veranstaltung, die auf einer der beiden Transportrouten von Dannenberg nach Gorleben liegt. Beamte kontrollierten anreisende Teilnehmer, Fahrzeuge wurden gar nicht durchgelassen. Die Kundgebung, zu der etwa 1.000 Menschen kamen, begann mit einer Stunde Verspätung.

Die Kontrollen resultierten wohl aus schlechter Erfahrung: Bereits Sonntagnacht hatten Bauern mit ineinander verkeilten Treckern unter anderem in Göhrde, Metzingen und Pommoissel die zentralen Landstraßen im Wendland blockiert und so die Polizeiarbeiten behindert. Nach Passieren des Castors am Montag lösten sich diese Blockaden auf.

Gewaltvorwürfe von Polizei und Bundesregierung wies die Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg von sich. „Wir geben das fadenscheinige Argument, wir seien Gesetzesbrecher, gerne zurück“, sagte ihr Sprecher Wolfgang Ehmke am Montagmittag bei einer Pressekonferenz. Die Regierung selbst provoziere durch ihre Atompolitik die Massenproteste. „Die wahren Blockierer sitzen nicht hier auf Straßen und Schienen, die sitzen in Berlin“, sagte Ehmke. Der Rechtsanwalt Dieter Magsam warf der Polizei mit Blick auf die Ingewahrsamnahme von 1.000 Menschen in Harlingen „organisierten Rechtsbruch“ vor. Die bei Freiheitsentzug gesetzlich vorgeschriebene richterliche Vorführung der Festgehaltenen sei ausgeblieben. Die Polizei habe dieses auch von Richtern in Lüchow bemängelte Versäumnis damit begründet, dass zu wenige Beamte zur Verfügung gestanden hätten. „Das sind die Leute, die uns Rechtsbruch vorwerfen“, sagte Magsam.

Laut Christoph Kleine von der Kampagne „Castor schottern“ sind am Sonntag im Wendland rund 1.000 Demonstranten durch die Polizei verletzt worden. 950 Aktivisten hätten Augenverletzungen durch Pfefferspray, Tränen- und CS-Gas erlitten. Zudem seien 16 Knochenbrüche, 29 Kopfplatzwunden und drei Gehirnerschütterungen registriert worden. Zwei Atomkraftgegner hätten im Krankenhaus behandelt werden müssen.

Die Polizei hatte am Sonntag den Versuch von mehr als 4.000 Menschen unterbunden, Schottersteine aus dem Gleisbett der Castorstrecke zu wühlen. Dabei war es vor allem im Bereich des Bahnhofs Leitstade zu heftigen Auseinandersetzungen gekommen. Polizei und Castorgegner warfen sich gegenseitig vor, die Gewalttaten begonnen zu haben. Die Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg sprach dagegen von überwiegend friedlichen Protesten, auch von Seiten der Schotterer. Es bestehe kein Grund, sich von ihnen zu distanzieren.

Mitarbeit: Felix Dachsel, Julia Seeliger, Christian Jakob, Reimar Paul