Foltergeräte in Wertarbeit

Ob Seitpferd, Schwebebalken, Stufenbarren oder Sprungkasten – seit neunzig Jahren fertigt die Firma Benz nichts als Turngeräte

Beim Geräteturnen ist es mir kalt über den Rücken gelaufen. Nicht weil ich mir beim Handstand-Abrollen fast das Genick und beim Umschwung am Reck die Hüften zerschmettert hätte. Sondern wegen des Sprungkastens. Und der Pomade in Meyers Haaren. Meyer war mein Sport- und Mathelehrer. Eigentlich turnten wir nie. Meyer liebte Handball. Drei Viertel des siebten Schuljahrs spielten wir nichts anderes. Trotzdem: Die Überquerung eines Sprungkastens ist schlimmer. Ich habe inzwischen auch einen Fachmann gefragt. Gunther Butz ist ganz meiner Meinung. Er verdient seit fünfzehn Jahren sein Geld, indem er Sprungkästen baut. Doch in der Schule hat auch er nur schlechte Erfahrungen mit ihnen gemacht. „In meiner Länge kommt man da einfach nicht rüber.“ Butz ist zwei Meter lang und arbeitet bei der Turngerätefabrik Benz in Winnenden, nicht weit von Stuttgart. Er hat – die Turnqualen noch gut in Erinnerung – mit seinen elf Kollegen in der Schreinerei neue Eckhölzer für den Sprungkasten entwickelt. „Jetzt ist er kippsicher.“ Viel zu spät, wie ich finde, denn mein Arm brach schon vor zwanzig Jahren.

Kurz vor den Ferien hatte Meyer statt der Handbälle einen Mattenwagen in die Halle gerollt und ließ uns eine Reckstange, ein Brett und einen Sprungkasten holen. Alle stöhnten, aber ich überschlug mich fast vor Freude über die Gelegenheit, verfehlte Handballpässe wettzumachen. Bis ich am Reck Meyers Pranke an meinem Hintern fühlte. Selbst irritiert von seinem Treffer, murmelte er etwas von Hilfestellung, während ich mich versuchte zu erinnern, ob seine Hand gerade noch in der Pomade gewühlt hatte. Zur Sicherheit beschloss ich, mich bei der nun folgenden Sprungkastenübung nur mit einer Hand auf dem Lederdeckel abzustützen und mit der anderen den Fettfleck auf meiner Hose zu verdecken. Und so landete ich nach gelungenem Absprung genau auf der oberen Kante des Kastens, wo ich mich mit dem linken Arm gerade so abstützen konnte, dass er ordentlich ins Kippeln geriet, und der Arm fein säuberlich brach, während die rechte Hand hinter meinem Rücken panisch auf- und abflatterte.

Die Männer bei Benz bauen in drei Wochen etwa zweihundert solcher Kästen und stellen sie dann in allen möglichen Schulen Deutschlands ab. Aber auch Seitpferde, Turnmatten, Schwebebalken. Originale Foltergeräte. Und original, so die Eigenwerbung, „heißt bei Benz mehr als made in Germany. Original – das heißt bei Benz schwäbische Wertarbeit“. Wenn wieder Holz gebraucht wird, schnürt sich Schreinermeister Butz die Stiefel und sucht in den Wäldern um Winnenden das beste Material für die Turngeräte aus. Im Moment lagern auf dem Hof etwa fünfhundert Kubikmeter Kiefer und Esche. In den Werkhallen kreischen elektrische Hobelbänke und Stichsägen. Es riecht nach Leder und frischen Spänen. Neben der Schreinerei gibt es eine Sattlerei und eine Schlosserei: 38.000 Quadratmeter, 150 Mitarbeiter. Trotzdem fallen die Werkhallen an der Bundesstraße zwischen Opel-Irmscher, der Bingo-Spielothek und dem Minimal-Markt überhaupt nicht auf. Die Mauerpfosten am Eingangstor krönen schmiedeeiserne Leuchten, die an das Außendesign eines gutbürgerlichen Spätzle-Stübles erinnern. Die Türen des Hauses könnten in eine alte Turnhalle führen, entsprechend einfach lassen sie sich aufdrücken: Ohne Pförtner, nicht einmal eine Klingel muss man drücken. Ich warte in einem holzgetäfelten Besprechungszimmer auf den Innendienstleiter Helmut Hübner. Das grüne Tastentelefon, mit dem ich mir gern das Warten vertreiben würde, ist sicher vor zwanzig Jahren von Benz persönlich bei der Deutschen Bundespost bestellt worden. Wohl zeitgleich mit dem braunen Goldstar-Fernseher.

Aber: „Das Geschäft läuft gut. Es wächst sogar“, behauptet Helmut Hübner, der sich in einen der graumelierten Polsterstühle fallen lässt. Vor dem dunklen Holz der Täfelung wirkt seine randlose Brille ungewöhnlich modern. Hübner ist 33 und war selbst ganz erstaunt, als er vor zwei Jahren in seinem Nürnberger Postkasten einen Brief fand, der ihn zum Vorstellungsgespräch nach Winnenden einlud. Er hatte sich bei Benz beworben, aber nicht geglaubt, dass es klappen würde. Schließlich sind fast alle Mitarbeiter alteingesessene Schwaben. „Das hat Vorteile“, weiß der dynamische Verkäufer. „Die familiäre Bindung an die Region hält die Leute im Betrieb.“

Hübner kümmert sich um das Marketing und sorgt dafür, dass die von Butz und seinen Kollegen gebauten Sprungkästen übers Land verteilt werden. Meist als Beilage einer kompletten Turnhalleneinrichtung. Er schlägt den Katalog auf, der bisher neben dem grünen Tastentelefon lag. 276 Seiten stark. Die Turngerätefabrik wartet auf: mit hochmodernen Stufenbarren, Handballtoren, Hürden, Hochsprunganlagen, Kletterwänden und Fitnessgeräten. Selbst Sprungkästen lassen sich heutzutage in freundliche Spiellandschaften mit Turnbank und Sprossenwand verzaubern. Mittendrin: die gute, alte Turnmatte, die damals mit ihren schönen Lederecken auch neben Herrn Meyer auf dem Mattenwagen lag.

Warum die Matten immer blau sind, will ich wissen. Aber Hübner zuckt nur mit den Schultern. Auch das erste Turngerät, das Firma Benz gebaut hat, kennt er nicht genau. „Es gibt keine Chronik oder so etwas. Soweit ich weiß, hat Gotthilf Benz mit Turnbänken angefangen und dann kamen, soweit ich weiß, die Kästen.“ Die in der Schreinerei gestapelten, frisch lackierten Turnbänke sehen noch genauso aus wie zu meiner Schulzeit. Vielleicht hier und da etwas abgerundet. Schuld an der Turnbank ist Pehr Henrik Ling. Als Mitte des 19. Jahrhunderts die ersten preußischen Sportlehrer ausgebildet wurden, reisten einige nach Schweden, um die Ling’schen Gleichgewichtsübungen zu studieren. Auf den Kopf gestellt, verwandelte sich die „Schwedische Bank“ schon bald in den allseits gefürchteten Schwebebalken.

Der Sportwissenschaftler Herbert Leikov von der Uni Stuttgart arbeitet mit Benz zusammen. Aber auch er kommt ins Schwimmen, als ich ihn nach der Firmengeschichte frage: „Wahrscheinlich kam Gotthilf Benz wie viele andere Gerätebauer aus dem Möbelbau und hat privat geturnt. Es ging immer um die Optimierung der Geräte. Einzelne Personen haben Verbesserungen ausgetüftelt, und die Firmen haben sich drangehängt.“ So wie an den Chemnitzer „Patent-Blitzschnell-Barren Blizzard“, der 1909 auf den Markt kam und 1910 im Jahrbuch der Turnkunst gelobt wird: „Von 5 cm zu 5 cm schnappt er selbständig ein.“

Solche verstellbaren Barren hat auch Gotthilf Benz gebaut, nachdem er 1906 seine Firma gegründet hatte, wie mir nach intensiver Telefonrecherche endlich die Industrie- und Handelskammer verriet. Benz bestimmt mit ihnen noch heute den Markt mit: „Es gibt nur noch ganz wenige Hersteller in Deutschland.“ Welche die anderen wenigen seien, möchte ich von Hübner wissen. Doch der Innendienstleiter druckst vor sich hin, als bastle die Turnfabrik Geheimwaffen. „In welchen Bereichen ist Benz denn absolute Spitze?“, hake ich nach und würde gern mal den Chef sehen. Der hat sich zwei Türen weiter in seinem Büro verbarrikadiert und ist nicht zu sprechen. Die Firma habe schlechte Erfahrungen mit der Presse gemacht, erklärt Hübner. „Definitiv gibt es in Deutschland keine Erhebung, wer Marktführer bei der Komplettausstattung von Turnhallen ist. Das sind Schätzungen. Aber es entscheidet sich zwischen zwei Anbietern. Wir sind sicher Marktführer in Baden-Württemberg und angrenzend in Hessen und den Randgebieten von Bayern. Da haben wir sicher drei Viertel der Hallen ausgestattet, wenn nicht mehr.“

In der „Geschichte der Turngeräte“ von Dr. Josef Göhler lässt sich nachlesen, woher die Firma Benz die Ideen für viele ihrer Produkte hat. Das Buch sieht aus, als wäre es mit der Schreibmaschine getippt und noch nie zuvor aus der Landesbibliothek herausgetragen worden. Es erschien 1989 zum hundertjährigen Jubiläum des Internationalen Turnerbunds und nennt zum Beispiel Friedrich Ludwig Jahn den Erfinder des Barrens. Er hatte schon im Sommer 1812 Gerüste mit Holmen erfunden. Zur Optimierung von Turngeräten erklärte 1956 der Konstrukteur Richard Reuther: „Für den Konstrukteur des neuzeitlichen Turngerätes ergibt sich die Forderung, nicht nur allgemein, die für ein bestimmtes Gerät in Frage kommenden ruhenden und beweglichen toten Lasten und einwirkenden Kräfte zu ermitteln, sondern er muss vielmehr und in erster Linie mit dem menschlichen Körper und dem ihm innewohnenden, durch Spannung und Entspannung bestimmten Bewegungsrhythmus rechnen und mit der Materie des neuzeitlichen Turnstils vertraut sein.“ Reuther hatte ein Jahr zuvor den „Mehrzweck-Barren“ erfunden, bei dem die Holme vorab gespannt werden und „eine Querschnittverringerung die Holme griffiger“ macht: Damit „eine Unterholmenfelge mit Durchgrätschen zum Schwebestütz oder gar eine Felge zum Handstehen“ für jedermann turnbar wird. Oder fast jedermann.

Auch Dr. Herbert Leikovs Institut bekam kürzlich einen Forschungsauftrag für Barrenholme. Die Leistungssportler beklagten, dass die Holme nicht gleichmäßig schwingen. „Der oval geformte Holm lässt sich zwar gut umfassen und schwingt nach unten, aber seitlich schert er aus. Wir haben eine neue Achse für die Holme berechnet.“ Den Prototyp der nun rund schwingenden Holme hat Benz gebaut, Sportler aus dem Landesturnverband haben ihn bereits getestet. Ob man sich auch bei den Sprungkästen so viel Mühe gegeben hat? Leikov lacht. Schreinermeister Butz sei auf die Idee mit den neuen Eckhölzern, die den Sprungkasten kippsicher machen, selbst gekommen, ohne aufwändige Testphasen. Auch das blaue Bändchen, das seit neuestem unterm Kasten hervorlugt, ist eine Idee aus der Schreinerei. Sieht aus wie das Bändchen einer Spieluhr. Aber wer dran zieht, klappt die Rollen unter dem Sprungkasten auf und setzt ihn in Bewegung. Bloß weg damit. Wer ihn erfunden hat, will eh keiner wissen.