Mitfühlen unerwünscht

Lejla Kolašinac dolmetscht für Ärzte oder Ämter die Lebensgeschichten von Kriegsflüchtlingen. Das stellt sie immer von neuem auf die Probe: Sie muss neutral bleiben gegenüber Opfern – und Tätern

Bei ihrer ersten großen Übersetzung vor einem Jahr beging Lejla Kolašinac den wohl schlimmsten Fehler. Sie brach den obersten Grundsatz der Berliner Gemeindedolmetscher: neutral zu bleiben. Ihr Leben veränderte sich unmittelbar. Zu nichts hatte sie Lust: nicht auf den Haushalt, nicht auf ihre Kinder, nicht auf ihre Freunde. Die Frau, die viel lacht und manchmal mehr mit ihrer Mimik redet als mit dem Mund, weinte nur noch. „Ich wurde fast depressiv“, sagt sie.

Lejla Kolašinac dolmetscht bei Ärzten, die Gutachten für die Ausländerbehörde erstellen, oder bei Jugendämtern. Die Menschen, deren Geschichten sie übersetzt, stammen aus dem ehemaligen Jugoslawien. Vor einem Jahr war es eine Bosnierin. Sie erzählte, wie Serben ihren Mann verschleppten, wie sie von den Soldaten vor ihren Kindern geschlagen und vergewaltigt wurde, wie sehr ihr Mann sie nun im Kampf gegen die Depression unterstützt und von dem Ereignis, das sie so tief verletzt hat, doch nichts weiß. In der Therapie sollte die Frau Bilder von sich und ihrer Zukunft zeichnen. Lejla Kolašinac übertrug ihre Erklärungen für die Ärztin ins Deutsche: die Frau im Sarg, die Frau erhängt am Baum – die totale Selbstaufgabe.

Sechs Wochen brauchte Lejla Kolašinac, um die Geschichte zu verarbeiten, sich zu distanzieren. Denn auch sie ist Bosnierin, mit ganzer Seele. „‚Du bist stark. Das ist nicht deine Familie. Die Frau gehört nicht zu dir‘, habe ich mir immer wieder gesagt“, erzählt sie. Und sie hat es geschafft. Sie hat sich klar gemacht, dass es nicht ihre Aufgabe ist, die Menschen aus ihrer Misere zu befreien. Sie kann sich zwar an einige Fälle erinnern. Darüber nachzudenken hat sie sich abgewöhnt. Sagt sie.

Den Krieg hat Lejla Kolašinac selbst nicht so erleben müssen wie ihre Patienten: Sie flüchtete mit Mutter und Schwester 1992 aus Sarajevo, kurz bevor die Granaten- und Bombenangriffe heftiger wurden. Ihr Vater, ein Arzt, blieb, um Verwundete zu operieren. Ein wenig Deutsch sprach sie da schon: Ihre Mutter ist Professorin für Germanistik. „Wenn mein Vater etwas nicht erfahren sollte, haben wir immer auf Deutsch geredet“, sagt sie und lächelt verschmitzt.

Lejla Kolašinac ist in Deutschland geblieben, hat geheiratet, zwei Kinder bekommen. Ihr Maschinenbaustudium wurde in Deutschland nur zum Teil anerkannt, als Ingenieursassistentin fand sie keine Stelle. Aber dafür etwas, was ihr viel mehr liegt: Die Landesarbeitsgemeinschaft für Gesundheitsförderung suchte im Herbst 2003 Migranten, die Sozialhilfe bezogen – mit sehr guten Deutschkenntnissen konnten sie „Gemeindedolmetscher“ werden.

Sieben Monate paukte Lejla Kolašinac: Was ist der Unterschied zwischen Psychose und Neurose? Welcher Schutz steht misshandelten Frauen zu? Welche Rechte leiten sich aus dem Grundgesetz ab? Die Unterschiede zwischen Duldung, Aufenthaltsgenehmigung oder -erlaubnis kannte sie aus eigener Erfahrung. Als sie ihr Abschlusszeugnis in der Hand hielt, war sie stolz. „Damit bin ich anerkannt in der Gesellschaft“, sagt Lejla Kolašinac.

Ihr Einsatz soll vor allem verhindern, dass ein Arzt seine Putzfrau oder den Enkel des Patienten als Übersetzer zu Rate ziehen muss. Sie soll als sprachliche Vermittlerin zwischen den Kulturen wirken. Doch 25 Euro pro 45 Minuten für den Gemeindedolmetscher – das können sich Krankenhäuser nicht für jeden leisten, der nur gebrochen Deutsch spricht. Entsprechend spärlich sind die Aufträge für die insgesamt 74 Übersetzer. Aber ein geringeres Honorar kann der Dienst zurzeit nicht verlangen. Nur mit Geldern von EU, Bund und Bezirksamt kann er sich überhaupt langsam aufbauen. „Auf einer Station, wo ich dolmetsche, gibt es zwei weitere serbokroatische Frauen, die kaum Deutsch sprechen“, erzählt Lejla Kolašinac. Für die beiden übersetzt sie nicht.

Sie ist stärker geworden, auch selbstbewusster seit ihren Erfahrungen mit der Bosnierin. Trotzdem stellt jede Übersetzung Lejla Kolašinac von neuem auf die Probe. Der nächste Gewissenskonflikt ließ nicht lange auf sich warten: Als sie das Behandlungszimmer betrat, erkannte sie schon am Akzent des Patienten, dass er Serbe war. Er war als Soldat in Bosnien, hatte vertrieben, vergewaltigt, gemordet. Jetzt war er traumatisiert. Lejla Kolašinac musste sich zusammenreißen. „Ich habe ihn kurz als Feind gesehen“, sagt sie, „aber nur ganz kurz. Es war schrecklich.“