Lexikon Degrowth, Commons, Collaborative Economy – selbst für Fans dieser Bewegungen wirken diese Begriffe hölzern. Finden wir dafür neue?

Mehr als nur Wörter

Von Ute Scheub

Ein bisschen Englisch können wir alle, ssis is not sse problem. Das Problem mit diesen englischen oder denglischen Begriffen ist, dass sie so wenig emotional besetzt sind und deshalb keine positiven inneren Bilder erzeugen, keinerlei Resonanz, kein Wärmegefühl.

Sprache erzeugt Wirklichkeit. Begriffe prägen das Bewusstsein. Stimmige Wörter lassen neue Welten in uns entstehen. Neue soziale Bewegungen können nur dann wirkmächtig werden, wenn Menschen sich über Schlüsselwörter und gemeinsame Losungen miteinander verbinden, in einem gemeinsamen Wärmestrom, wie Ernst Bloch sagen würde. Also ist es strategisch entscheidend, Wörter zu erfinden oder neu zu besetzen. Politiker und Medienleute erwähnen alte Begriffe so lange in den gewünschten negativen oder positiven Kontexten, bis sie eine andere Färbung angenommen haben. Neger oder Asylant waren ursprünglich neutral, heute extrem abwertend. Bei Schwulen verlief der Prozess umgekehrt: Ursprünglich diskriminierend, ist der Begriff durch ständigen Bezug auf Menschen- und Selbstbestimmungsrechte heute wieder neutral konnotiert.

Wir können als Menschen nur deshalb sprechen, weil unsere Organe einen Resonanzkörper für die Stimme bilden. Sprache wird sprichwörtlich von uns verkörpert. Deshalb sollten gute Begriffe einen geringen Abstraktionsgrad und einen hohen Verkörperungsgrad haben. Sprache muss atmen, muss sprichwörtlich stimmig sein, sollte Starres und Flüssiges zusammenbringen.

Im Englischen ist Degrowth stimmig, lässt sich aber nicht gut übersetzen. Postwachstum klingt nach Brief- und Paketbergen im Postamt. Wachstumsrücknahme oder Schrumpfen klingt negativ, gar bedrohlich. Mir persönlich gefällt Entwachsen, denn darin steckt die po­sitive Erfahrung, dass man als menschlich-biologischer Organismus irgendwann erwachsen und pubertärer Anwandlung entwachsen ist. Oder auch Ausgewachsen, wie es Josef Senft in einem Aufsatz vorgeschlagen hat. Degrowth könnten wir in ausgewachsene Wirtschaft übersetzen.

Commons ist ein weiteres sperriges Wort. Oft wird es mit Allmende oder Gemeingüter übersetzt, aber die Commons-Vordenkerin Silke Helfrich ist damit unzufrieden: Allmende erinnert zu sehr an die mittelalterliche Gemeindewiese, und das Wort Gut suggeriert ein greifbares Ding. Das sind die meisten Commons nicht, angefangen von der Sprache über Wissen, Kultur, Landschaft und Luft bis zur freien Software. Zudem ist Commoning das Allerwichtigste an den Commons, also die Verständigung der Beteiligten, wie eine gemeinsame Ressource zu nutzen und zu schützen sei. Dann vielleicht Gemeintum? Und als Verb vergemeinschaffen oder vergemeinschaften. Oder pflegnutzen.

Nachhaltigkeit hingegen ist ein echtes Problemwort. Konzerne und Lobbyisten haben es derart nachhaltig grüngewaschen und totgetrocknet, dass es nach nichts mehr klingt. Zumal es ursprünglich nur „andauernd“ bedeutet. Nicht zufällig definiert Monsanto auf seiner deutschen Website Nachhaltigkeit kühndreist um in „mehr produzieren“ und satte Profite machen. Also die Umwelt nachhaltig schädigen.

Manche sagen dafür Enkeltauglichkeit, aber gerade mal zwei kommende Generationen einzubeziehen ist mickrig. Indigene Völker wie die Kogi rechnen in Zeitspannen von mindestens zehn Generationen. Andere ersetzen den Begriff augenzwinkernd durch Nochhältigkeit – noch hält unser Planet. Mir gefällt Nachhalligkeit – hier ist Resonanz drin, Nachhall. Oder Nachwüchsigkeit, ein Wort aus dem Wald, bildhaft dafür, dass alles, was man verbraucht, wieder nachwachsen muss.

Manche finden regenerativ ausdruckskräftiger. Aber die Natur bewirkt ja viel mehr als Regeneration, lautet ein Einwand, sie entfaltet sich in immer neuen Arten und immer größerer Komplexität, das ist keine einfache Regeneration, sondern eine Entwicklungsspirale nach oben. Könnte man nicht Spiralität sagen? Erinnert zu sehr an Spiritualität, befanden andere. Oder an Spirelli-Nudeln.

Fortschritt und Entwicklung sind ebenfalls Problemkandidaten. Erstens, weil Millionen von Menschen und nichtmenschlichen Lebewesen im Namen des Fortschritts geopfert werden. Zweitens, weil es ein eurozentristischer Begriff ist, der eine lineare Entwicklung der Menschheitsgeschichte hin zum Besseren behauptet und angeblichen Entwicklungsländern die westliche monetarisierte Wirtschaft als einzig mögliche aufimperialisiert. Was könnte „Fortschritt“ und „Entwicklung“ ersetzen? In der indigenen Denktradition Lateinamerikas ist es das Gute Leben (im Original „Buen Vivir“) in Vielfalt und Füllfalt. Die Entfalterung unser aller Potenziale. Die Umdefinition von Wertigkeit in Werdigkeit. Die Anerkennung des menschlichen Gib-Triebs, der nicht ausgegeitzt werden darf. Und wie können wir die neue ökosoziale Ökonomie nennen, die nichtmonetäre Pflegearbeit einbezieht und auf Glücks- statt Wachstumsvermehrung setzt? Hier einige Vorschläge: notwendende Wirtschaft (weil sie Not wendet), Ecommony (so Friederike Habermann in Anlehnung an die Commons), Glücksökonomie, Bedarfsökonomie, Ökosozialwirtschaft, Genugwirtschaft, Erdwirtschaft, Lebenswirtschaft, Wir-Schaft, Oikonomie. Letztere in Anlehnung an das griechische Wort „oikos“ für Haus; Oikonomia meinte ursprünglich Hauswirtschaft oder Haushaltslenkung ohne jeden monetären Hintergrund.

Die Transition Towns könnten wir Wandelkommunen nennen. Die Bewegungen, die Soft- und Hardware Open Source ins Internet stellen, schaffen Offene Quellen – man hört es gleich erfrischend plätschern und sprudeln. Die Share & Collaborative Economy hingegen ist schwer zu übersetzen, weil das deutsche Wort „teilen“ auch „zerteilen“ und „trennen“ und „Kollaboration“ den Beigeschmack der Zusammenarbeit mit den Nazis beinhaltet. Ich plädiere für einen abkürzenden Begriff, etwa Ko-Ökonomie, in Anlehnung an die Ko-Evolution in neuen Evolutionstheorien oder die Ko-Kreation in Partizipationsmodellen.

Die Ko-Ökonomie von Peer to Peer (abgekürzt: P2P) ist eine unter Gleichen. Und die Commons-basierte Peer-to-Peer-Produktion, die der Commons-Vordenker Michel Bauwens am Ende des Kapitalismus leuchten sieht? Johannes Heimrath nennt sie Commonie. Und das Zusammenwachsen aller sozialer Bewegungen könnte dann die Allwende sein.

Wie kann man solche neuen Wörter durchsetzen? Ganz einfach: indem alle, denen sie gefallen, sie fortan benutzen – mündlich wie schriftlich.