Hausbesuch Auflagen und Ausschlusskriterien machen selbstständigen Hebammen wie Angelika Behrens die Berufsausübung schwer. Sie verdiente zu wenig, um die Familie zu ernähren. Jetzt arbeitet sie in der Schweiz

Eine Freundin auf Zeit

Angelika Behrens in ihrer Küche: Sie zeigt an einer Puppe, wie das so geht mit der Geburt

von Christine Luz
(Text) und Boris Schmalenberger (Fotos)

Zu Besuch bei Angelika Behrens in Nürtingen bei Stuttgart. Zehn Jahre lang war sie freiberufliche Hebamme, bis ihre Existenz auf dem Spiel stand.

Draußen: Ein Haus, zwei Familien („Freunde wohnen unten“). Hinten ein Garten mit Platz für Kinder und Tiere. Jagdhund Takis döst im Gras, neben ihm die Hasen Sissy und Leyla. Von einem Baum hängt ein Feuerwehrschlauch, daran turnt Tochter Johanna (10). Sohn Hendrik (8) mampft Muffins. Auf seinem T-Shirt steht: „Geboren mit der Hilfe meiner Hebamme“.

Drinnen: Ehemann Boris kocht Kaffee. An der Wand im Flur hängt ein Storchenbild. Johanna: „Manche glauben, der bringt die Babys.“ In der Garderobe liegen zwei Motorradhelme. Boris: „Das Hobby habe ich von meiner Frau, heute fahre nur noch ich.“ Im Wohnzimmer stapeln sich DVDs, Beamer und Leinwand ersetzen den Fernseher, ansonsten unterhält das Aquarium (Welse, Neonfische, Killerschnecken).

Was sie machte: Hausgeburten. Vor allem Akademikerinnen entschieden sich dafür. Mal half sie den Kindern bei Kerzenschein und Klassik zur Welt, mal dröhnten Heavy-Metal-Bässe („Ich hatte nur meinen Koffer dabei, den Rest bestimmten die Eltern“). Die Nachfrage war groß.

Ihre Arbeit in Zahlen: Sie ist Hauptverdienerin, ihr Mann arbeitet Teilzeit als Schuldnerberater und kümmert sich um die Kinder. 270 Hausgeburten hat sie in zehn Jahren begleitet. Ihr Rekord: drei Geburten in zwölf Stunden. Zweimal bekam sie Strafzettel für zu schnelles Fahren („Ich habe den Behörden die Geburtsurkunden geschickt, bezahlen musste ich nichts“). Zweimal düste sie mit Blaulicht in die Klinik. Kein Kind kam in all den Jahren zu Schaden. Im Schnitt kam sie auf 70 Stunden in der Woche. Weihnachten musste ihre Familie schon mal ohne sie feiern; (Johanna: „Silvester auch“).

Durch diesen engen Beckengang müssen die Kinder durch

Sich finden: Angelika Behrens, geboren 1979 in Chemnitz, wollte was mit Tieren machen, lernte Rinder- und Schweinezucht, erschrak über Massentierhaltung und Fließbandfütterung („Zootierpflegerin wäre besser gewesen“). Sie wurde arbeitslos, zog in den Westen, zu einem Onkel in Ludwigsburg. Zwei Jahre saß sie an der Supermarktkasse. Ihre Berufung fand sie im BiZ (Berufsinformationszentrum): Hebamme. Sie bewarb sich an 13 Schulen, in Tübingen klappte es. Am Ende der Ausbildung im Jahr 2005 war sie schwanger, trotzdem wagte sie den Schritt in die Freiberuflichkeit. Tochter Johanna war eine Hausgeburt, drei Wochen später arbeitete Behrens wieder.

Beziehungssachen: „Ich habe mich nie als Freundin gesehen“, sagt sie über ihr Verhältnis zu den Schwangeren, korrigiert sich dann aber: „Na ja, vielleicht doch, als Freundin auf Zeit.“ Aber eine gesunde Distanz sei wichtig.

September 2015: „Ich mache diesen Beruf, bis zur Rente“, war Angelika Behrens überzeugt. Bald sollte ein „taffes junges Mädel“ fest bei ihr anfangen. Arbeit gab es für zwei. Dann kam alles anders. Sie war bei einem Hebammentreffen in Stuttgart, als eine ihrer Kolleginnen eine SMS erhielt. Die Nachricht: Eine Schiedsstelle hatte verbindliche Ausschlusskriterien für Hausgeburten festgelegt. „Wir wussten zwar, dass darüber diskutiert wird, aber wir dachten, dafür entscheidet sich kein normal denkender Mensch.“ Besonders ein Kriterium traf sie empfindlich: Liegt die Schwangere drei Tage über dem errechneten Geburtstermin, muss ein Arzt bestätigen, dass kein Risiko für eine Hausgeburt besteht.

Die Konsequenzen: Als der Schiedsspruch fiel, betreute sie eine Schwangere, auf die drei der Ausschlusskriterien zutrafen. „Darf ich mich weiter um sie kümmern? Mache ich etwas Illegales? Komme ich dafür ins Gefängnis?“, diese Fragen trieben sie um. Die Verunsicherung war groß. Sie schickte Hochschwangere nun zum Arzt, obwohl sie keine Notwendigkeit dafür sah. Der ratterte mögliche Risiken herunter. Drei Frauen sagten die Hausgeburt ab. Angelika Behrens begann, in alten Unterlagen zu blättern. Die Hälfte ihrer Geburten wäre unter Ausschlusskriterien gefallen. Keine Geburt bedeutet viel weniger Geld. Ihr wurde klar: Sie kann niemanden einstellen, die Arbeit für zwei ernährt in Zukunft nicht mal mehr eine.

Der Koffer der Hebamme

Neuanfang: Sie bewarb sich auf Festanstellungen in Kliniken („Ich hatte keine Alternative“) und bekam Absagen. Sie habe zu lange frei gearbeitet. „Zu selbstständig? Wahrscheinlich war ich eher zu unbequem.“ Schließlich schickte sie im Dezember eine Mail an ein Geburtshaus im Zürcher Oberland („Nur zehn Zeilen, keine richtige Bewerbung“). Vier Stunden später wurde sie zum Probearbeiten eingeladen. Sie bekam die Stelle: 70 Prozent, 5.000 Franken, geregelte Arbeitszeiten, „viel Menschlichkeit und Entgegenkommen“. Seit April pendelt sie zweimal im Monat zwischen Deutschland und der Schweiz. „Ich habe jetzt mehr Lebensqualität“, sagt sie.

Und die Familie?: Jeden Abend skypt sie mit ihren Kindern. Johanna findet: „Wenn Mama nach Hause kommt, fühlt sich das an, als hätte sie Urlaub.“ Hendrik sagt: „Das Geld dort sieht lustig aus.“ Gestern waren sie zusammen im Freibad, das gab es früher selten. Behrens überlegt laut, dass sie jetzt dringend Hobbies braucht („Vielleicht fahre ich wieder Motorrad“).

Wann ist sie glücklich? „Wenn die Eltern ganz versunken auf ihr Neugeborenes blicken und ich weiß, dass ich zu diesem Glück beigetragen habe.“