Das Recht auf Menschenwürde, Meinungsfreiheit

Literatur und Gewissen

Foto: Gürcan Öztürk

Stimmen für Asli

von Imre Török

Der Schriftstellerin und Journalistin AslıErdoğan droht in der Türkei lebenslange Haft wegen ihrer Arbeit für die prokurdische Zeitung Özgür Gündem. An dieser Stelle führen wöchentlich Freunde und Kolleginnen ihre Kolumne fort

Seit dem 16. August engagieren wir, der PEN in Deutschland und der deutsche Schriftstellerverband, uns fast täglich für die endgültige Freilassung von Aslı Erdoğan. Ein bequemer Ort für Schriftsteller, Journalisten, Intellektuelle war die Türkei wahrlich auch in den letzten Jahrzehnten nicht. Wir Schriftsteller in Deutschland verfolgen seit dem Sommer jeden Tag mit wachsender Bestürzung, wie dramatisch sich die Lage in der Türkei verändert. Wir erleben, wie eine türkische Justiz, nach dem Umsturzversuch auf Geheiß des Präsidenten radikal umgekrempelt, überhaupt nicht zimperlich ist in der Erfindung fingierter Anklagen. Und wir sind äußerst besorgt über das Schicksal unserer Kolleginnen, Kollegen und Freunde.

In den letzten zehn Jahren war ich häufig in der Türkei, um Schriftstellerfreunde zu treffen. Eine Dichterfreundin sagte mir vor einigen Jahren in trauriger Voraussicht: „Wir haben in der Türkei eine Tradition, dass man eine Weile das grüne Gras der Hoffnung sprießen lässt. Sobald der kritische Geist deutlich sichtbar wird, wird die hoffnungsfrohe Wiese bis auf den letzten Halm abgemäht und die Wiese zubetoniert.“

Tatsächlich geht es nicht nur um Intellektuelle. Jeder Arbeiter in der Fabrik, auf dem Feld, im Restaurant, jeder Mensch braucht freie Luft zum Atmen. Jeder Mensch hat ein Recht auf Menschenwürde, Meinungsfreiheit, demokratische Prinzipien. Ohne sie geht jedes Land über kurz oder lang zugrunde. Die Türkei wird gerade von der politischen Spitze her zertrümmert und womöglich in den Bürgerkrieg getrieben.

Unsere Aufgabe als Schriftsteller ist es, die traditionellen humanistischen Werte, die älter sind als Nationalstaaten, mit unserer Literatur, mit unseren Worten, mit unserem Gewissen immer wieder in Erinnerung zu rufen und zu verteidigen.

Aslı Erdoğan ist eine der herausragenden Symbolgestalten, Verteidigerin der Menschenrechte in dem gegenwärtigen Abbau der Demokratie und der stetigen Umwandlung der Türkischen Republik in ein menschenunwürdiges System.

„Bitte, ihr Schriftsteller in Europa, lasst uns nicht allein in faschistischer Dunkelheit“, schrieb mir in diesen Tagen eine Freundin aus dem Osten der Türkei. Ja, wir werden und müssen alles Menschenmögliche tun, um wahren Demokraten, um freiheitsliebenden Menschen, ob Türken oder Kurden, beizustehen.

Die Entwicklung in der Türkei verläuft haargenau in jene äußerst gefährliche Richtung wie in der Weimarer Republik in Deutschland. Wir wissen, wohin jene „faschistische Dunkelheit“ geführt hat und welches Unheil sie über die Welt gebracht hat.

Unsere Solidarität als deutschsprachige Schriftsteller mit allen freiheitsliebenden Menschen in der Türkei, unabhängig von Ethnie, Geschlecht, Religion, unsere tief empfundene Empathie mit unseren Freunden ist zugleich ein Kampf gegen das furchtbare Erstarken der Populisten, der Rechtsextremen, der Faschisten in Europa und in anderen Regionen der Welt.

Wir haben nur das Wort als Waffe. Aber unsere Worte müssen treffender und überzeugender sein als die Waffen der Unterdrücker und Kriegstreiber. Um es frei mit Worten Aslı Erdoğans zu sagen: Wenn und weil das Gewissen inhaftiert ist, existiert Literatur, um bei Menschen Gewissen auszubilden.

Imre Török ist Schriftsteller und ehemaliger Präsident des deutschen Schriftstellerverbands (2000–2015)