Was bisher geschah

taz on tour Auf unserer Reise haben wir schon viel gesehen und gehört: Wir haben Probleme erwartet, wo keine waren, und viele Leute, die bisher nicht miteinander sprachen, an runden Tischen zusammen-gebracht. Bis zur Bundestagswahl machen wir weiter. Machen Sie mit!

Sassnitz | 31. August 2016

An unseren Berliner Schreibtischen skizzierten wir dieses Szenario: Auf der Insel Rügen, der beliebtesten Ferieninsel Deutschlands, dem Ort blühender Landschaften, hapert es an zivilgesellschaftlichem Engagement, an der Integration von Flüchtlingen. Und jetzt wollten die da oben auch noch das Ferienmonstrum an ­Naziarchitektur – die 4,5 Kilometer ­langen Blöcke des KdF in Prora, gelegen am schönsten Ostseestrand, luxussanieren.

Die Stoßrichtung schien so was von klar. taz.meinland wollte den Finger in die Wunde legen, genau hingucken, gerade jetzt eine Woche vor der Landtagswahl, die abenteuerliche Umfragewerte für die AfD prognostizierte. Doch es kam anders – aber doch so wie von Rügens taz-Beauftragten Julia Boek erwartet. Etwa 100 RüganerInnen diskutierten im Sassnitzer Grundtvighaus über den rein kommerziellen Umgang mit dem ehemaligen Nazi-Erholungsheim, den Erhalt ihres historischen Erbes und über öffentliche Strandzugänge.

Kritisch, kontrovers, aber vor allem konstruktiv. Konsens gab es darüber, den Ausverkauf der Insel zu verhindern und Rügens Natur zu schützen. Unsere Bilanz nach dem ersten Halt von taz on Tour? Es lohnt sich immer, den Schreibtisch zu verlassen. Und: Sie wollen reden und wir hören Ihnen gerne zu.

Güstrow | 1. September 2016

Mein Nachbar ist Nazi. Was klingt wie ein Albtraum, ist Realität für so manchen im dünn besiedelten Mecklenburg-Vorpommern. Völkische Siedler_innen geben sich als hilfsbereite und ökologisch bewusste Nachbarn – und vertreten eine zutiefst menschenverachtende Ideologie. Gruppen solcher Siedler_innen leben auch rund um das Städtchen Güstrow. Die Menschen dort wissen das – verwahren sich aber dagegen, ihre Gegend darauf reduzieren zu lassen.

Mit dem Team von taz.meinland diskutierten darüber am 1. September in Güstrow Reinhard Knaack, Bürgermeister von Lalendorf, Karen Larisch, Politikerin der Linkspartei, Ralf Boldt, Leiter der Freien Schule in Güstrow, und Timo Reinfrank von der Amadeu Antonio Stiftung.

Etwa 50 Menschen kamen ins Haus der Kirche „Sibrand Siegert“ – und wollten nicht nur zuhören, sondern auch mitdiskutieren. Dabei wurde deutlich: Sie sind es leid, immer nur das „Nazi-Bundesland“ zu sein. Dass dem nicht so ist, dafür waren die Anwesenden der lebende Beweis. Da sind etwa die Engagierten vom Qualitzer Allerhand-Verein, die mit Kunst den öffentlichen Raum zurückerobern. Da sind all die anderen, die irgendwie mit den rechten Nachbarn umgehen müssen. Der taz.meinland-Besuch zeigte deutlich: Diesen Leuten gilt es den Rücken zu stärken.

BerlinSeptember und November 2016

Im September 2016 gab es gleich drei taz.meinland-Veranstaltungen im taz Café: Am 12. September debattierten wir über „die fremdenfeindliche Nervosität und deutsche Unruhe vor den Wahlen: Das rot-rot-grün versiffte Deutschland fragt nach“. Eine Diskussion mit Annetta Kahane, Harald Welzer und Zafer Senocak. Am 14. September kamen Kirsten Achtelik, Anja Kofbinger und Stefan Nachtwey ins taz Café. Eine Diskussion zum Thema: Warum sexuelle Selbstbestimmung nicht mehr selbstverständlich ist und was wir tun können.

Die Frage „Was eint völkische Identitäre und Dschihadisten?“ stellte sich taz on tour am 22. September mit Claus Leggewie und diskutierte mit ihm über Dugin, al-Suri, Breivik & Co.

Am 11. November trafen wir Marina und Herfried Münkler im taz Café und diskutierte mit ihnen über die Zukunft Deutschlands im Angesicht der Gegenwart.

Schleife | 29. November 2016

„Ein neues Haus kann keine Heimat ersetzen!“ Die Frau am Mikrofon blickte entschlossen in die Zuschauermenge im Kirchenschiff. In der Lausitz gab es Redebedarf. Als taz.meinland nach Schleife in die Oberlausitz fuhr, einer 2.700-Einwohner-Gemeinde, war zunächst nicht ganz klar, dass an diesem Abend in der Kirche die Kohlegegner*innen und Kohlebefürworter*innen der Region zum ersten Mal aufeinandertreffen und tatsächlich miteinander reden würden.

Etwa 130 Menschen kamen; darunter Bürger­meister*innen, Klimaaktivist*innen und Anwohner*innen. Denn an der Braunkohle hängt mehr, als man auf den ersten Blick zu glauben meint: Drohende Arbeitslosigkeit und hohe Ersatzzahlungen der Energiekonzerne stehen Umweltverschmutzung und Heimatverlust gegenüber. Die taz.meinland-Veranstaltung zeigte auf, dass es für dieses Problem nicht die eine richtige Lösung gibt. Aber in Schleife wurde darüber gestritten und diskutiert. Ein runder Tisch, der alle Seiten ­miteinander sprechen ließ: das erste Mal überhaupt.

Rühn | 6. Dezember 2016

Heidemarie Beyer besuchte bereits die taz.meinland-Veranstaltung Anfang September 2016 in Güstrow. Damals ging sie mit dem Wunsch nach Hause, dass das Gespräch weitergehen möge: über die Kunst zu bleiben. Denn schließlich kann man Mecklenburg auch als einen Ort sehen, in dem heute schon Strategien entwickelt werden für vieles, was auch anderen ländlichen Regionen bevorsteht: Bevölkerungsrückgang, Überalte­rung. Sie lud taz.meinland ein, zurückzukommen.

Am runden Tisch im Klostersaal in Rühn saßen schließlich Dorfladen-Neugründer und KulturaktivistInnen zusammen, EuphorikerInnen und Erschöpfte. Sie diskutierten, ob es schlimm ist, wenn Jugendliche wegziehen – oder nur, wenn niemand wiederkommt. Ob Zugezogene manchmal quasi kolonialistisches Verhalten an den Tag legen, wenn sie ankommen – und wie es anders geht. Wie ehrenamtliche Arbeit funktionieren kann, ohne den Staat aus der Verantwortung zu nehmen – und ohne die engagiertesten Köpfe auszubrennen.

Die taz lässt sich gern einladen. Und sie kommt gern wieder.

Berlin | 19. Januar 2017

Der Jahresauftakt 2017 von taz.meinland startete an einem kalten Donnerstagabend in einer ehemaligen Eckkneipe in Berlin-Moabit. Dorthin, in die Tagesstätte „Warmer Otto“, hatte die taz unter dem Titel „Vom Rand in die Mitte“ Wohnungslose, Engagierte und Interessierte eingeladen, um darüber zu diskutieren, wie offen eine Gesellschaft gegenüber Obdachlosen sein sollte.

Es ging aber auch darum, diese „Randgruppe“ überhaupt erst wieder ins Sichtfeld zu rücken. Nach Schätzungen von Hilfsorganisationen gibt es in Berlin zwischen 3.000 und 6.000 Menschen ohne festen Wohnsitz. Die Frage nach der Verantwortung taucht im Laufe des Abends immer wieder auf – einige meinten, der Sozialstaat müsse es doch richten können oder wir sollten schlichtweg besser aufeinander aufpassen. Doch alle wissen, keine Stadt, keine Metropole kann Obdachlosigkeit verhindern oder beseitigen. Darum geht es auch nicht. Vielmehr, das wurde deutlich, muss die Gesellschaft einen Weg finden, Berührungsängste abzubauen und Empathie zu zeigen. Um die Menschen vom Rand in unsere Mitte zu holen, wird es sowohl eigene Initiativen als auch staatliche Hilfen benötigen.