Verwirren und Gegenhalten

Vielfalt Mobbing wegen Hartz IV und immer wieder die Frage: Woher kommst du wirklich? Auch Diskriminierung kann divers sein. Aus dem Leben von Menschen, die das nicht hinnehmen

Amina Yousaf, 26, schreibt Kolumnen auf dem feministischen Blog „kleinerdrei.org“

Schweigen können andere

Foto: privat

Ich bin Hannoverarerin. Jedenfalls sage ich das immer. Im besten Fall werde ich nach diesen Worten fragend angeschaut oder gefragt: „Wo kommst du wirklich her?” Aber das war schon immer so, damit kann ich inzwischen umgehen.

Manchmal macht es wirklich Spaß, Menschen mit meiner Herkunft zu verwirren. Inzwischen lebe ich seit sechs Jahren in Göttingen, studiere und bin dort politisch aktiv.

Ich neige dazu, zu sagen, was ich denke. Das ist vielleicht nicht immer klug, aber häufig notwendig. Ich unterstütze das Bündnis gegen rechts in Göttingen und gehe gegen Nazis auf die Straße. Für mich ist das eine Pflicht: Die Nazis, die da auf der anderen Seite stehen, hassen mich – meine Existenz, meine Worte, meine Hautfarbe, mich.

Im Sommer passierte es das erste Mal. Ich wurde auf einer Gegenkundgebung von einer Frau angesprochen. Sie sagte, sie hätte ein Bild von mir auf einer Facebook-Seite der Nazis gesehen. Dann passierte es wieder, diesmal wurde meine Adresse veröffentlicht. Das erzählte mir ein Bekannter. Danach wurde ich immer wieder in Posts genannt, diese auf immer mehr Seiten geteilt.

Ich werde nicht aufhören, gegen Nazis auf die Straße zu gehen. Ich werde jeden einzelnen Post melden und wenn nötig anzeigen. Ich lasse mich nicht einschüchtern. Trotzdem mache ich mir natürlich Gedanken.

Es sind eben nicht nur ein paar wenige, es sind viele. Sie sitzen unter dem Deckmantel der AfD in Parlamenten und entscheiden mit darüber, wie wir hier gemeinsam Leben wollen. Sie gehen Woche für Woche auf die Straße. Es sind diese Menschen, die motiviert von ihrem Rassismus Menschen angreifen.

Schweigen können andere. Ich sage meine Meinung. Ich schreibe sie auch ins Internet. Und das wird auch so bleiben. Mein Schweigen bekommt ihr nicht.

Jasna Strick, 33, ist OnlineRedakteurin, Autorin und Aktivistin

Wir dürfen Hartz IV nicht Martin Schulz überlassen

Foto: privat

Für mich war es schon hart, auf dem Gymnasium zu bestehen. Nicht wegen der Noten, sondern wegen des Mobbings. Das begann, als meine Mitschüler*innen mitbekommen hatten, dass ich „Hartz-IV-Eltern“ habe. Deshalb habe ich dann auch die Schule gewechselt.

Bisher habe ich mir nicht wirklich Gedanken darüber gemacht, wie meine Herkunft meinen Feminismus beeinflusst. Ich merke aber an vielen Stellen, dass sie eine Rolle spielt. An vielen Diskussionen habe ich anders teil. Wenn andere über gläserne Decken und Aufstiegschancen diskutieren, frage ich mich erst mal: Wie kommt man da überhaupt hin?

Dieses Gefühl des Andersseins gab es auch im Studium. Dieses fehlende Wissen meinerseits über bestimmte Normen und Codes an der Uni. Ich habe nicht dieses Elternhaus, wo immer ein Kinderzimmer auf mich wartet – weil meine Eltern ihren Wohnraum ihrer staatlichen Unterstützung anpassen müssen.

Mir fehlt ein gewisser Habitus. Das hat Einfluss auf mein Verhalten und mein Selbstbewusstsein und führt oft zu einer gewissen social awkwardness: Wie verhalte ich mich auf öffentlichen Veranstaltungen? Diese Perspektive wird auch im Feminismus vernachlässigt. Da wird eher diskutiert: Ist es feministisch, eine Haushaltshilfe zu haben? Meine Mutter ist Haushaltshilfe, kommt aber in solchen Diskursen gar nicht vor.

Die ganze Arbeiterkindbewegung läuft parallel zur feministischen. Da findet zu wenig Zusammenschluss statt. Wo sind die Hartz- IV-Empfänger*innen in unseren feministischen Bündnissen? Wir kreieren Ausschlüsse. Auch die linke Szene hat Codes, wie man angezogen sein sollte, was wir als Wissen von anderen erwarten. Ich nehme mich da nicht aus.

Ein erster Schritt wäre, sich anzuschauen, wie wir über den Rechtsruck und Antifeminismus diskutieren. Viele stellen Rechte als „dumme Assis“ dar. Das schließt viele Leute, die Jeans von Aldi tragen oder keine hohe Bildung haben, aus politischen Bewegungen aus. Wir müssen offener für bestimmte Themen werden und dürfen Hartz IV nicht Martin Schulz überlassen.

Protokoll: Katrin Gottschalk

Tarik Tesfu, 31, auf Youtube mit "Genderkrise"

Danke, AfD!

Foto: Wegener

Manchmal habe ich das Gefühl, viele Biodeutsche glauben, dass in Deutschland alles ziemlich tutti war, bevor sich die AfD, Pegida und andere Rechte aufs politische Parkett wagten. Als wäre Deutschland vorher eine hippe Berliner Party gewesen, wo Rassismus, Sexismus, Homo- und Transphobie an der Eingangstür eines Technoklubs mit den Worten „Heute leider nicht!“ abgewiesen wurden.

Aber so war es nicht. All die rechten Spinner*innen hatten noch nie Bock darauf, dass ich mich, der ich hier geboren bin, als Deutscher definiere. Wenn ich erzählt habe, dass ich aus dem Ruhrgebiet komme, wurde ich augenzwinkernd gefragt, wo ich denn nun wirklich herkomme. ­People of Color und gleichzeitig deutsch zu sein, ist nicht nur für die AfD eine Irritation, sondern ist es ebenso für viele der Mehrheitsgesellschaft. Nur hat mit das keiner geglaubt, wenn ich das erzählt habe. Kann nicht sein, Deutschland ist doch ein aufgeklärtes Land, musste ich mir dann anhören.

Es ist krass und beängstigend, dass rechte Populist*innen immer lauter werden. Für mich aber hat die ganze AfD-Nummer auch etwas Gutes: Endlich kann niemand mehr negieren, dass ich in Deutschland Rassismus und Homophobie erlebe. Ich bin jetzt scheinbar nicht mehr paranoid und rede mir das alles nicht nur ein. AfD sei Dank!