Im Schatten Manchesters

LibyenNach Anschlägen in Großbritannien und Ägypten geraten die Islamisten unter Druck. Kairo nutzt die Gunst der Stunde und greift militärisch im Nachbarland ein

Beten für die Toten: Premier Fajes al-Sarradsch (3. v. r.) am Samstag in Tripolis Foto: Hani Amara/reuters

von Mirco Keilberth

TUNIS taz | Ägyptische Kampfflugzeuge haben am Sonntag die Bombardierung von Stellungen und Kommandozentralen radikaler Gruppen in Libyen ausgeweitet. Während am Freitag Ziele in der Hafenstadt Derna bombardiert worden waren, stießen die Piloten nun in die zentrallibyschen Orte Jufra, Houn und Waddan vor. Wie viele Militärfahrzeuge der dort stationierten „Benghasi-Verteidigungsbrigaden“ und anderer Milizen aus Misrata getroffen wurden, blieb unklar.

Die ägyptische Armee begründet ihr erstmaliges offizielles Eingreifen in den Libyenkonflikt mit dem Anschlag auf Kopten am Freitag in der ägyptischen Provinz Minya, bei dem 29 Menschen getötet wurden. Die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) reklamierte den Anschlag am Wochenende für sich. Ägyptens Präsident Abdel Fattah al-Sisi schloss weitergehende Einsätze gegen die „Terroristen“ nicht aus.

Dschihadisten aus der gesamten Region trainieren seit 2011 in libyschen Camps bei Derna und wurden bereits für verschiedene Anschläge verantwortlich gemacht. Doch erst die Angriffe von Minya und Manchester in der vergangenen Woche haben Libyens breitgefächerte Islamistenszene in den Fokus gerückt. Ägyptens Generalstab nutzt nun die Gunst der Stunde, um zusammen mit ihrem Verbündeten, dem libyschen Feldmarschall Chalifa Haftar, aktiv in den Konflikt einzugreifen.

In den vergangenen Tagen waren in Tripolis sowie im ­südlibyschen Sebha Kämpfe zwischen der libyschen Armee und der mit Islamisten alliierten Milizen um Misrata eskaliert. Mit Beginn des Fastenmonats Ramadan am Samstag startete nun der für seine Kompromisslosigkeit berüchtigte Salah Badi eine Offensive gegen die von den Vereinten Nationen unterstützte Einheitsregierung in Tripolis. Die schweren Kämpfe, bei denen Panzer und Artillerie zum Einsatz kommen, halten an. Über sechzig Tote zählten die Krankenhäuser der Hauptstadt.

Magnet für Radikale

„Das Massaker an den Jugendlichen ist der Wendepunkt“

Muhammad Chatali, Kioskbesitzer

Während das mit der Armee verbündete Parlament die Anschläge von Manchester und Minya verurteilte und Ägyptens Eingreifen begrüßte, kritisierte der Präsidentialrat in Tripolis die Einsätze scharf. „Diese wurden ohne Koordinierung der zuständigen Autoritäten durchgeführt“, hieß es auch in einer Erklärung der Einheitsregierung. „Es fehlt jede Rechtfertigung dafür“, so Premierminister Fajes al-Sarradsch.

Die in Derna aktiven religiös-radikalen Gruppen hatten im vergangenen Jahr Kämpfer des IS vertrieben. Von der Armee Haftars werden aber auch sie bekämpft. Da die Islamistenszene nun verstärkt unter Druck gerät, rechnen Beobachter damit, dass die Türkei und Katar ihre Unterstützung für Dschihadisten verstärken werden.

Die Gruppe ­Ansar al-Scharia hatte am Samstag zwar ihre Auflösung verkündet, will aber wohl ihren Kampf in kleinen Gruppen fortsetzen. Salah Badi will mit seiner „Fachr Libya“-Bewegung nun retten, was von der Revolution von 2011 noch übrig ist. Denn die zwei Millionen Bewohner von Tripolis haben mehrheitlich genug von der Willkür der aus Ben­ghasi geflohenen Radikalen, die im Namen der Revolution Tripolis zum Magneten für Radikale aus Europa gemacht haben.

„Für uns in Tripolis ist das Massaker an den Jugendlichen in Manchester der Wendepunkt“, sagt Mohammed Chatali, ein Kiosk­besitzer am Algerien-Platz in Tripolis, am Telefon. „Die Trainingscamps an der Flughafen-Straße, dort wo auch der mutmaßliche Manchester-Attentäter Salman Abedi trainiert wurde, müssen weg, so wie die Extremisten jeglicher Couleur.“