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Sie beißen nicht, sie stechen

BLUTSAUGER Zecken sind nicht nur lästig, sondern können gefährliche, sogar tödliche Krankheiten übertragen. Während einige hartnäckige Mythen widerlegt sind, hilft gegen die Spinnentiere so manches Hausmittel

Zieht neuerdings auch gern in die Stadt: die Zecke (hier eine männliche) Foto: Dagmar Voigt/TU Dresden/Universität Kiel/dpa

von André Zuschlag

Sommerzeit ist Zeckenzeit: Wer den Urlaub gern draußen in der Natur verbringt, muss sich darauf einstellen – und das zunehmend auch im Norden. Denn sogar bis an Nord- und Ostsee können die fiesen kleinen Tierchen gefährliche Infektionen in sich tragen. Die alte Faustregel, nach der Infektionskrankheiten durch Zecken eher ein Problem südlicher Bundesländer ist, gilt mittlerweile nur noch eingeschränkt.

Nehmen wir feuchtwarmes Wetter, wie es für die Zecke (Ixodes ricinus) eine optimale Vermehrungsbedingung bietet – könnte man da nicht auch vom bisherigen Sommer in Norddeutschland sprechen? Insbesondere in den nächsten Wochen also werden die zur Familie der Milben gehörenden Tiere aktiv sein. Das seien sie allerdings „bereits ab einer Außentemperatur von acht Grad“, sagt Dagmar Ziehm vom niedersächsischen Landesgesundheitsamt. So dauert die „Hauptsaison“ der Zecke etwa von März bis Oktober.

Die Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) ist eine Virus-Erkrankung, die in verschieden schweren Stadien verlaufend zu Hirnhautentzündung führen und tödlich enden kann. 2007 wurde im Kreis Cuxhaven der erste Fall in Niedersachsen festgestellt.

Borreliose ist die häufigste durch Zecken übertragbare Erkrankung in Deutschland, Schätzungen zufolge erkranken hier jedes Jahr Zehntausende Menschen daran. Nach anfangs diffusen Symptomen gilt eine ringförmige Hautrötung (Erythema migrans) als typisch – tritt aber auch nicht in jedem Fall auf. Im weiteren Verlauf kann es zu Herzproblemen, Lähmungserscheinungen und, wiederum, zu Hirnhautentzündungen kommen.

Bekannt ist die Borreliose schon seit über 100 Jahren, aber erst 1982 entdeckte der Bakteriologe Willy Burgdorfer den Zusammenhang mit spiralförmigen Bakterien (Borrelia burgdorferi), die im Darm der Zecke leben.

Das niedersächsische Amt hat nun vor einer erhöhten Infektionsgefahr gewarnt. Zwar ist ein Zeckenstich an sich für den Menschen nicht weiter gefährlich, aber er kann zu einer Übertragung von Krankheiten führen. In Deutschland sind dies die Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) und die Borreliose (siehe Kasten). Wenngleich Niedersachsen – sowie bislang auch die anderen Nordländer – noch nicht zu Risikogebieten im engen Sinn gehört, steigt ihr Vorkommen in dem Bundesland: Nach einem Fall im Jahr 2015 waren es nun schon vier Fälle. Kein Grund zur Panik vielleicht, aber doch zur Vorsicht.

Die Erkrankung mit FSME kann nicht ursächlich behandelt, aber verhindert werden: Insbesondere wer in den Süden fährt und Urlaub in der Natur machen will, sollte sich vorher impfen lassen. Meist übernehmen die Krankenkassen die Kosten.

Anders liegt der Fall bei der Borreliose. Gegen diese Krankheit, eine bakterielle Infektion, „gibt es keine Impfung“, erklärt Ziehm. Bis zu 40 Prozent der Zecken, so die Schätzungen, tragen den Erreger in sich. Allerdings besteht bei einem Zeckenstich erst nach rund zehn Stunden die Gefahr, dass das Virus übertragen worden ist. Wird die Zecke vorher vollständig entfernt, kann eine Übertragung vermieden werden. FSME dagegen wird über den Speichel des Parasiten übertragen, die Gefahr besteht also gleich beim Gebissenwerden. Auch hier gehen Experten allerdings davon aus, dass die Gefahr einer Ansteckung steigt, je länger sich die Zecke vollsaugt.

Ist in Deutschland von Zecken die Rede, handelt es sich üblicherweise um den Holzbock. Über ihn und seine Artgenossen halten sich zwei Mythen besonders hartnäckig: erstens, dass sie auf Bäumen sitzen und lassen sich auf ihre sogenannten Wirte herunterfallen lassen, zweitens, dass sie beißen. „Beides falsch“, sagt Ziem: „Die im Gras und auf Blättern sitzenden Zecken erkennen mögliche Opfer an Erschütterungen, Körperwärme und Duftstoffen.“ Sie lassen sich von Gräsern abstreifen und wandern dann an Kleidung und Körper weiter. Auf Bäume klettern die Zecken nicht. Außerdem beißen sie auch nicht, sondern stechen mit ihrem Stechrüssel zu und saugen dann das Blut ihres Wirtes. „Richtig ist also, von Zeckenstich statt Zeckenbiss zu reden.“

Zecken sitzen auf Bäumen, heißt es gerne, lassen sich auf ihre Opfer fallen und beißen sie – „alles falsch“, sagt die Expertin

Was aber tun, wenn man sich einen eingefangen hat? Zur Entfernung benutzt man eine Pinzette, eine Zeckenkarte oder eine spezielle Zeckenzange. „Die Zecke darf dabei nicht gequetscht werden“, sagt Ziehm, sonst könnten „infektiöse Sekrete in den menschlichen Körper gelangen“. Beim Herausziehen ist Vorsicht geboten: Das Spinnentier herausdrehen zu wollen, ist eher nicht ratsam, denn dabei können die Widerhaken am Stechrüssel in der Haut des Wirtes stecken bleiben. Besser: die Zecke mit dem Werkzeug vorsichtig lockern und dann gerade herausziehen.

Der sicherste Schutz vor Zecken ist durchgängig geschlossene Kleidung. Wer im Wald oder auf Wiesen unterwegs ist, sollte grundsätzlich lange Hosen tragen und die Hosenbeine in die Socken stecken. „Die wichtigste Maßnahme nach einem Aufenthalt im Freien ist jedoch, den ganzen Körper und die Kleidung gründlich nach Zecken abzusuchen“, so Ziehm.

Geraten wird das traditionell all jenen, die sich auf dem Land aufhalten, in Wald oder auf Wiesen. Aber auch in der Großstadt stößt man heute auf die stechenden Parasiten: Vermehrt tauchen sie auch in Parkanlagen auf. In Niedersachsens Hauptstadt Hannover hat man darauf bereits reagiert – dort stehen in den städtischen Naherholungsgebieten mittlerweile Warnhinweise.