Frömmigkeit ist verdächtig

Integration Das Zusammenleben von Muslimen und Nichtmuslimen funktioniert in Deutschland besser, als oft behauptet wird. Aber Vorbehalte erschweren es

Nachbarschaftlicher Alltag: Ramadan-Fest auf der Karl-Marx-Straße in Neukölln Foto: Jörg Carstensen/dpa

von Daniel Bax

BERLIN taz | Deutschland schnei­det im Zusammenleben mit muslimischen Einwanderern im Vergleich zu anderen westeuropäischen Staaten recht gut ab. Das ist das Ergebnis einer Studie, welche die Bertelsmann-Stiftung am Donnerstag in Gütersloh vorgestellt hat.

Dies gilt vor allem für den Arbeitsmarkt. Der Grad der Beschäftigung von muslimischen Bürgern unterscheide sich hierzulande kaum vom Durchschnitt der deutschen Erwerbsbevölkerung, heißt es in der Studie. Auch die Arbeitslosenquote gleicht sich an. Allerdings verdienen Muslime noch deutlich weniger.

In Deutschland lebten Ende 2015 bis zu 4,7 Millionen Muslime (5,7 Prozent der Bevölkerung). Für die Sonderaus­wertung des sogenannten Bertelsmann-“Religionsmonitors“ verglichen Wissenschaftler die Situation von Muslimen in Deutschland, der Schweiz, Österreich, Frankreich und Großbritannien. Muslime, die erst nach 2010 nach Europa kamen, wurden nicht berücksichtigt.

Fast alle Muslime betonten demnach ihre Verbundenheit mit Deutschland. Über 80 Prozent verbringen ihre Freizeit regelmäßig mit Nichtmuslimen, jeder zweite hat einen deutschen Pass. Knapp drei Viertel (73 Prozent) der in Deutschland geborenen Kinder von muslimischen Einwanderern wachsen mit Deutsch als erster Sprache auf. Aber gut ein Drittel (36 Prozent) verlässt bereits vor dem 17. Lebensjahr die Schule, in Frankreich liegt dieser Anteil nur bei 11 Prozent. Das „früh sortierende Bildungssystem“ führe tendenziell dazu, „dass Bildungsnachteile fortbestehen“, heißt es in der Studie.

Jeder fünfte Bundesbürger gab an, keine Muslime als Nachbarn zu wollen

Besonders fromme Muslime werden in Deutschland jedoch auf dem Arbeitsmarkt benachteiligt. Es sei schwerer für sie, einen qualifizierten Job zu finden, und sie verdienten erheblich weniger als Muslime, die ihre Religion nicht praktizierten. Ihre Frömmigkeit ist manchen verdächtig. In Großbritannien hingegen seien sie bei gleicher Qualifikation in den gleichen Berufsfeldern vertreten.

Deutschland habe beim Diskriminierungsschutz und der Gleichstellung von Muslimen noch Nachholbedarf, sagt die Islamexpertin der Bertelsmann Stiftung, Yasemin El-Menour. Britische Polizistinnen dürften etwa im Dienst ein Kopftuch tragen. Das Bekenntnis zum Glauben und die Ausübung der Religion seien dort „im Arbeitsleben kein Tabu“.

Die Studie mit dem Titel „Muslime in Europa – integriert, aber nicht akzeptiert?“ zeigt auch, wie groß die Vorbehalte gegenüber Muslimen sind. So gab jeder fünfte Bundesbürger (19 Prozent) an, keine Muslime als Nachbarn haben zu wollen. In Österreich sagten das sogar 28 Prozent und in Großbritannien 21 Prozent, in Frankreich dagegen nur 14 Prozent.

Die Studie beruht auf Befragungen in den jeweiligen Ländern Ende 2016. In Deutschland nahmen unter anderem mehr als 1.100 Muslime teil. Sie wurde vom Zentrum für Türkeistudien und Integrationsforschung an der Universität Duisburg-Essen durchgeführt.