Frauenrolle rückwärts

THEATER Das „Spieltriebe“-Festival in Osnabrück setzt sich mit Macht und Geschlecht auseinander. Aber viele Produktionen bleiben kraftlos, berühren das Thema nur indirekt – oder machen sich über Gender-Mainstreaming nur blöde lustig

Potenzial fürs Theater verspielt: Claudia Bossards „Perfect Wives“ (oben) und Marlene Anna Schäfers „Valerie Solanas, Präsidentin von Amerika!“ Fotos: Marek Kruszewski

Das Leben in dieser Gesellschaft sei ein „einziger Stumpfsinn“: „Kein Aspekt der Gesellschaft mag die Frau zu interessieren“, daher bleibe ihr nichts anderes übrig, als die Regierung zu stürzen, das Geldsystem abzuschaffen, die umfassende Automation einzuführen und das männliche Geschlecht zu vernichten.“ So beginnt das „Scum“-Manifest aus den 1960er-Jahren. So steigt auch Sara Stridsberg ein ins Biografie-Drama über die Autorin des literarischen Pamphlets, die auch die einzige Mitarbeit: „Valerie Solanas, Präsidentin von Amerika!“

Mit der deutschsprachigen Erstaufführung beginnen die 7. „Spieltriebe“ in Osnabrück, als Fest der Nachwuchsförderung und PR-Coup der neuen Theatersaison: Vier der 12 Festival-Produktionen werden in den aktuellen Spielplan übernommen. Dass in allen ein Motto schlummert, wird mit Gender-Sternchen-Strahlen verkündet: Es geht um „Macht*Spiel*Geschlecht“.

Zuschauerinnen schmunzeln und lachen schon mal nach den ersten „Scum“-Sätzen, Zuschauer zucken zusammen. Ist ihr Selbstverständnis, gar ihre physische Existenz bedroht? Oder sollen Geschlechtszuschreibungen als gesellschaftliches Konstrukt neu durchdacht werden? Anstelle des Publikums fragt ein Schauspieler die Protagonistin, ob sie das mit der Vernichtung der Männer ironisch meine. Nein, das sei „blutiger Ernst“, antwortet Valerie Solanas. Ihr Gegenüber dreht mit einem gelangweilten „Ach so“ ab.

Weder Witz noch Wut

Genau so führt Marlene Anna Schäfer Regie. Eine Auseinandersetzung mit dem Radikalfeminismus findet genauso wenig statt wie der behauptete „beißende Witz“ des Manifestes kabarettistisch herausgearbeitet wird. Vielmehr folgt die Inszenierung dem Schauspieltext darin, die weibliche Wut auf die „wandelnde Missgeburt“ Mann biografisch zu erklären.

Schäfer zoomt per Live-Video entscheidende Begegnungen auf transparente Leinwände. Wir erfahren vom Vater, der Solanas sexuell missbraucht hat, von der Mutter, zu der es nie eine emotionale Bindung gab. Sodass die Psychologin des Dramas eine „schizophrene Reaktion paranoiden Typs mit einer tiefen Depression und einem großen Potenzial für destruktives Handeln“ attestiert. Und damit Solanas’Feminismus psychopathologisiert.

Die wie ein Fiebertraum kurz vorm Ableben vorbeirasende Lebenstragödie wertet sie auf. Hauptdarstellerin Marie Goldmann gibt ein verschrecktes Kind voller Selbstverachtung und Hass. Auch auf „ihre Fotze“, wie sie sagt, „ein schwarzes Loch im Universum“. Solanas schlägt sich als Prostituierte durch, stirbt 1988 in einer Junkie-Absteige. Das Stück erinnert an sie – mehr nicht.

Ein schwacher Einstieg für die fünf Festival-Routen, auf denen es dann hinausgeht in Kirchen, Kasernen, leer stehende Geschäftsräume, eine Skate- sowie Schützenvereinshalle, wo „Scum“-Vorläufer- und -Nachfolgedebatten theatralisiert werden. Beispielsweise die ideale Gattin aus Männerperspektive. Da es solche Prachtexemplare nicht mehr gibt, basteln sich die Männer welche – entsorgen also die an Frauenpolitik und Emanzipation interessierten Weiber an ihrer Seite und ersetzen sie durch Roboterinnen im Gattin-Design. Mit der Enthüllungsdramaturgie eines Krimis wird dieses Horror-Paradies enttarnt.

Was aber Ira Levins schon mehrmals verfilmter Roman „Die Frauen von Stepford“ jetzt auf dem Theater soll, bleibt unter der Regie Claudia Bossards unbeantwortet. Anstatt das Potenzial zu grotesker Überformung zu nutzen, werden Rollenklischees putzig ausgebreitet und Popsongs dazu assoziiert.

Ins Offene gerannt ist die erste und zweite frauenrechtsbewegte Nachkriegsgeneration. In den Dialog mit den Erben ihrer Errungenschaften verwickelt sie Sibylle Bergs Text „Und dann kam Mirna“. Regisseurin Felicitas Braun zeigt eine Frau Ende 30, die mit ihrer Selbstverwirklichungsobsession alle „hetero-normativen Zusammenhänge“ flippig hinter sich gelassen hat, nun aber schwanger wird. Plötzlich Mutti: „Die perfekte Frauenentsorgungsmaßname“, jammert sie, fühlt sich alt, müde, hässlich – erschütternd durchschnittlich mit der „Ausstrahlung eines Beistelltischs“.

Sie will nur noch weg, eine Landkommune gründen, während die Tochter genervt ist von der Egozentrik ihrer Mutter, keinen Bock auf Genderfragen, Anti-Kapitalismus-Diskurse und Klimawandel-Empörung mehr hat. Frauenrolle rückwärts. Bergs pointenreiche Reflexions-Comedy ist in der Osnabrücker Fassung eine gedankenfrische Feminismus-Satire.

Raus aus Entweder-Oder

Künstlerisch aufregender wird es, wenn Befreiung aus dem Entweder-Oder des bipolaren Geschlechterspektrums ansteht. Beispielsweise mit Bühnenfacharbeiterin Heike Schmidt und ihrer/m Partner*in. Mit beider Transgender-Existenz hat sich Regisseurin Jana Vetten in Interviews beschäftigt. O-Ton-Schnipsel sind im Foyer des neuen Hörsaalgebäudes der Hochschule zu hören. Das Publikum bummelt an Spielstationen vorbei, für die Tänzer und Schauspieler Szenen zur Disharmonie von biologischem, sozialem und gefühltem Geschlecht entwickelt haben: stöckelnd, schreitend, stampfend.

Auf einer schlichten Commedia-dell’Arte-Bühne kommen schließlich alle zusammen, erzählen vom ersten Unbehagen im eigenen falschen Männerkörper bis zur operativen Realisierung und bürokratischen Anerkennung des Frauseins. Selten gelingt es schwebend leicht wie hier, Dokumentartheater mit Schauspieltrieben und Mitteln der performativen Künste als zutiefst empathisches, informatives, politisch engagiertes, ästhetisch packendes Erlebnis zu gestalten: „I am a bird now“ ist ein Höhepunkt des Festivals.

Ausverkauft wie in früheren Jahren sind die Veranstaltungen nicht, Podiumsdiskussionen finden in privater Runde statt. Und diverse Produktionen beziehen sich nur indirekt auf Gender-Mainstreaming oder machen sich darüber lustig. „Bei Geschlechtern wird uns schlecht“ und „Kein Schwanz ist so hart wie das Leben“ sind so Kalauer des Kollektivs Eins, das seine Jux-Revue mit den Figuren des „Zauberers von Oz“ kennzeichnet. Geschlechtsidentitäten abgeschafft, Thema abgehakt, anarchistisch wird Individualität gefeiert.