Serienkolumne Die Couchreporter

Typisch bayerisch!

Mit „Hindafing“ hat der Bayrische Rundfunk einen Hit gelandet. In der Hauptrolle: ein von Crystal Meth abhängiger Bürgermeister.

Eine Party draußen. Im Vordergrund steht ein Mann im Anzug mit einem Bierglas. An seiner Hand ist ein Finger mit Verband vebrunden.

Bürgermeister Zischl (Maximilian Brückner) wie immer mit Bier in der Hand Foto: BR/Günther Reisp

Ausgerechnet Moritz, der leicht depperte Sohn vom Goldhammer-Sepp, war es, der beobachtet hat, wie die mobile Crystal-Meth-Küche in die Luft geflogen ist, von der Bürgermeister Zischl sich seinen Stoff hat zusammenrühren lassen. Und weil er den Finger sichergestellt hat, den der Drogenkoch dem Lokalpolitiker bei einer Rauferei abgebissen hat, kann er den nun erpressen. Viel zu holen ist da aber nicht, denn der Zischl ist pleite, nachdem er zu viel privates Geld in einen Windkraftpark investiert hat, der Wohlstand in die Gemeinde Hindafing bringen sollte.

Jetzt soll das Kaff, in dem die Autobahn nach München immer ein wenig lauter ist, als es die Singvögel je sein können, mit dem „Donau Village“ reich werden, einem Biosuperdupermarkt, den der Goldhammer- Sepp mit Gammelfleisch aus der Ukraine besonders lukrativ betreiben möchte. Wenn es einen Grund gibt, saufen alle im Ort wie die Löcher. Es wird wild gepieselt und gevögelt. Der Bruder schwängert seine Schwester, deren Vater glaubt, dass das Kind vom Bürgermeister ist, weil da mal was passiert ist nach einem Fest, das wieder mal im Vollsuff versunken ist. Der Pfarrer ist schwul und kann den 50 Flüchtlingen, die der Landrat gegen Zahlung eines Batzen Geldes der Gemeinde zuschustert, auch nicht recht helfen.

Hindafing ist ein Ort, der entstanden ist, nachdem der Bayerische Rundfunk ein Serienprojekt ausgeschrieben hat. Dass dabei ein derart wuchtiges Werk entstehen konnte, hätten wahrscheinlich die wenigsten gedacht. Und dass die Redaktion einen derart wilden Ritt durch die Gedanken und Handlungen von Wahnsinnigen, Halbdeppen und Arschlöchern passieren hat lassen, darf getrost als Wunder bezeichnet werden.

Alles ohne Lederhose

Jetzt gibt es die Serie bei Netflix und reiht sich ein in all den harten Serienstoff aus traurigen Käffern im Mittleren Westen der USA. Und was sich die Drehbuchautoren Niklas Hoffmann, Boris Kunz und Rafael Parente ausgedacht haben, macht sich gut in dieser Nachbarschaft. „Geht doch!“, möchte man dem BR zurufen, der seine Zuschauerinnen wochentäglich mit der unechten, unbayerischen und ganz und gar uninspirierten täglichen Dorfschmonzette „Dahoam is dahoam“ quält.

Wie echt ist dieser Ort Hindafing dagegen, in dem es niemanden, aber auch wirklich niemanden zu geben scheint, der halbwegs anständig durchs Leben kommt. Da ist keine Lederhose zu sehen, der Himmel ist immer grau, das Rathaus eine Sichtbetonhölle aus den 70er Jahren. Und wenn es die Männer mal schön haben wollen, dann setzen sie sich mit einer Angel an einen rechteckigen Baggersee und schauen gen Horizont, wo sie die Leitplanke der Autobahn sehen.

Die kleine Serie (sechs Folgen) zeichnet große Bilder, die dem doch sehr nahekommen, wie Bayern eben auch ist: mit Orten, deren Herz das Gewerbegebiet ist, mit viel zu großen Ortsumfahrungen und mit ebenjenen hässlichen Verwaltungsbauten, wo es sich Amigos bequem machen und sich schon mal eine Geburtstagsfeier von einem kommunalen Betrieb bezahlen lassen. Einen Ort, so wahnsinnig wie Hindafing, wird es wohl nicht geben in Bayern. Aber ein bisschen Hindafing wird man wohl überall finden. So schlimm, so hässlich, so bayerisch.

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1968 geboren und dann lange Münchner. Studiert hat er Slawistik und wäre um ein Haar Lehrer geworden. Zehn Jahre lang war er Kabarettist (mit Helmut Schleich und Christian Springer). Dann ist er Sportreporter geworden. Von April 2014 bis September 2015 war er Chefredakteur der taz. Jetzt baut er eine Zukunftswerkstatt für die taz auf und treibt wieder Sport.

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