Das Ding, das kommt

Die Kerze ist das wichtigste jemals erfundene Ding, sagt der Fotocomposer Thomas Herbrich. Warum, erklärt er jetzt in Bremen Foto: Thomas Herbrich

Ansteckender Dauerbrenner

Ein großes Schlaglicht wirft Thomas Herbrich auf die im Verlauf ihrer eigenen Geschichte selbst immer kleiner werdende Heldin seiner Kulturgeschichte. Wenn er von ihr erzählt, dann leuchten seine Augen vor Feuereifer, schließlich sollen – da brennt der „schöpferische Funke der Metapher“ (Lacan) sozusagen auf allen Nägeln, bevor er überspringt – auch seine Zuhörer*innen mit zumindest „glänzenden Augen“ aus seinen Shows kommen: Die Kerze ist für den Düsseldorfer Fotocomposer, Pionier der digitalen Bildmontage und seit ein paar Jahren eben auch Vortrags-Entertainer das „wichtigste“, mindestens aber „tollste“ Ding, das je erfunden wurde – die „Mutter aller Innovationen“, bestehend aus nur zwei Teilen, aber kulturhistorisch eben „unglaublich bedeutsam“.

Aufblasen statt ausblasen sozusagen, und tatsächlich: Was hängt nicht alles mit dem kontrollier- und berechenbaren, vor allem aber sauberen Abbrennen des Feuers zusammen. Nachts arbeiten, um nur ein paar Beispiele zu nennen: Das klappte mit im Mund vor sich hergetragenen Kienspanen noch nicht so gut – die nämlich rußten so stark, dass die Augen länger brannten als das Feuer und ringsum die Dunkelheit nur größer wurde. Kerzen aus Hammeltalg hingegen stanken zwar bestialisch, standen aber, was die Produktivitätssteigerung angeht, denen aus Bienenwachs in nichts nach.

Diese konnten sich lange Zeit nur Kirche und Adel leisten, sie waren deshalb von Beginn an auch Symbol für deren Herrlichkeit und machten soziale Unterschiede sichtbar: Rund 100 solcher Kerzen hat der durchschnittliche Engländer um 1700 verbraucht, Ludwig XIV. in Versailles 2.400-mal so viele. Sowieso: Kein Staat ohne Kerzenlicht. Im 17. Jahrhundert wurden auch öffentliche Beleuchtungssysteme ökonomisch und damit das beherrschte Licht auch in anderer Hinsicht zum Herrschaftsinstrument, einem zur Kontrolle und Disziplinierung. Jetzt endlich ließ sich sogar das nächtliche Treiben in den Straßen überwachen.

Ach, überhaupt: Kein Bereich des Alltagslebens, in den von da an das Kerzenlicht nicht diffus ausstrahlte und schließlich ja auch dem elektrischen Licht den Weg bahnte. Oder der Fotografie, und da schließt sich der Kreis. Apropos runde Sache: Wussten Sie, dass Kerzen in der Schwerelosigkeit eine kugelförmige blaue Flamme haben? MATT

Vortrag im Rahmen von „Fotokunstbremen“: So, 24. 9., 16 Uhr, Vegesacker Geschichtenhaus, Zum Alten Speicher 5a, Bremen-Vegesack