„Geschichte entzaubert Klischees“

In rechten Kreisen sind Wikinger in. Auf Treffen sind Runen-Tattoos oder Wikingersymbole auf T-Shirts zu sehen. Und in der völkischen Ideologie wird auf diese Epoche Bezug genommen. Darüber, wie man mit Klischees und Fans vom rechten Rand umgeht, spricht Ute Drews, Leiterin des Wikingermuseums Haithabu

Nationalromantische Wikinger­darstellung von Andreas Bloch aus dem Jahr 1905 Quelle: Nasjonalbiblioteket, Billedsamlingen

Interview Esther Geißlinger

taz: Frau Drews, im Wikingermuseum Haithabu bewahren Sie das Erbe der echten Wikinger. Stimmen die landläufigen Klischees von den Wikingern als trinkfeste Seefahrer überhaupt?

Ute Drews: Hier handelt es sich ja wirklich um ein Klischee – wie Sie richtig anmerken. Wir betrachten die Wikinger heute weit differenzierter. Ja, vermutlich waren es die stärksten Männer einer Gesellschaft, die auf die Wikingerfahrten gingen – nur sie hielten den Strapazen einer solchen Seereise stand. Aber es gab im frühen Mittelalter in Skandinavien eine große Gruppe von Männern, die als Handwerker oder Bauern ihren Lebensunterhalt verdienten. Nicht zu vergessen die große Masse an Unfreien und Sklaven. Gerade Haithabu als Platz der Handwerker und Händler gibt beredtes Zeugnis von diesen Männern, die dem Klischee überhaupt nicht entsprechen.

Und wie kommt es dann zu diesen Klischees?

Das Märchen von der Trinkfestigkeit beruht nach heutiger Einschätzung auf einer Fehlinterpretation von schriftlichen Überlieferungen in den Sagas.

Locken Orte wie Haithabu auch Fans vom rechten Rand an? Falls ja, wie geht ein Museum damit um?

Nach Haithabu kommen jedes Jahr um die 130.000 Besucher. Die größten Gruppen sind Schulkinder und Familien. Zu bestimmten Zeiten prägen sie ganz stark das Bild der Besucher. Vertreter aus der rechtsextremistischen Szene beobachten wir sehr selten. Da ist vielleicht einmal ein T-Shirt mit einem zweifelhaften Aufdruck zu sehen oder ein Tattoo. Als Gruppen treten sie bei uns nicht in Erscheinung.

Wie reagieren Sie darauf?

Wir werden in unsere Hausordnung einen Passus aufnehmen, der es Vertretern der rechtsextremistischen Szene untersagt, in unserem Museumsbereich entsprechende Symbole zu präsentieren oder zu tragen.

Bei den rekonstruierten Wikingerhäusern auf dem Museumsgelände gibt es die Gelegenheit, in Wikingerkleidung zu schlüpfen oder nachgebaute Waffen in die Hand zu nehmen. Sehen Sie die Gefahr, dass durch dieses Reenactment Klischees am Leben erhalten werden?

Wir haben eine Gruppe von Mitarbeitern und freien Mitarbeitern, die den Besuchern „Handwerk im Experiment“ vorführen. Das heißt, sie demonstrieren in rekonstruierter Alltagskleidung ein Handwerk, etwa Schmieden oder Holzbearbeitung, Weben oder Färben.

Wie werden die Mitarbeiter geschult?

Sie arbeiten in enger Anbindung an unser Haus und die hier tätigen Wissenschaftler, sodass sie immer auf dem neuesten Stand der Forschung sind. Entscheidend ist, dass es in diesem Zusammenhang eine starke verbale Vermittlung gibt, sodass Missverständnisse nicht entstehen können. Das ist unser pädagogisches Konzept. Um auf Ihre Frage zurückzukommen: Eine am archäologischen und historischen Vorbild orientierte Rekonstruktion klärt auf und entzaubert auch bisweilen, wenn allzu romantische und klischeehafte Vorstellungen im Spiel sind.

Wie sieht das aus, was passiert bei solchen Veranstaltungen?

Wir können anhand unserer Museumsstatistik sehr genau erkennen, wer wann unsere Besucher sind. Insofern entwickeln wir themen- und zielgruppenorientierte Angebote für alle Altersstufen – zum Beispiel den Herbstferienspaß 2017. Der Titel sagt schon, dass wir hierzu die Ferienkinder erwarten und ihnen ein Programm anbieten, das Spaß macht und gleichzeitig interessante Einblicke in das Leben vor rund tausend Jahren vermittelt.

Wie setzen Sie das um?

Es steht hier also das handlungs- und erlebnisorientierte Lernen im Vordergrund. Im Vorfeld haben wir Inhalte und damit verbundene Lernziele festgelegt. Es geht also nicht um eine Bespaßung, sondern um Wissensvermittlung, ohne dass die Freude am Lernen zu kurz kommt.

Vor einigen Jahren ist bei einer Veranstaltung in Schleswig ein Schild aufgetaucht, auf dem ein Hakenkreuz zu sehen war. Haben Sie einen Rat, wie Veranstalter mit Vereinnahmungsversuchen von rechts umgehen sollen?

Wir veranstalten dreimal im Jahr Märkte, die an die Rolle des Handelsortes Haithabu als zentraler Drehscheibe für den frühmittelalterlichen Warenhandel auf der jütischen Halbinsel erinnern sollen. Dazu ist auch immer eine große Gruppe von Händlern und Handwerkern aus aller Herren Länder eingeladen.

Wer darf auf diesen Märkten ausstellen?

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Ute Drews, 58, leitet seit 1992 das Wikinger­museum Haithabu, das zum Landesmuseum Schloss Gottorf gehört. Die Pädagogin befasst sich mit Wikinger-Attributen wie dem Hörnerhelm und ihrer Rezeption in Werbung, Alltag und Kunst.

Die Händler werden individuell ausgesucht. Dieses tun wir vor dem Hintergrund eines wissenschaftlichen Museums. Wir können also die Qualität der Darstellung beurteilen. Zweifelhafte Darsteller und Händler laden wir nicht ein.

Und wenn doch mal ein zweifelhaftes Symbol auftaucht?

Auf Symbole, die Bezug zu rechten Gruppen haben, achten wir sehr genau und würden sie umgehend aus dem Verkehr ziehen.

Das Nydam-Boot, ein bekanntes Exponat des Landesmuseums, war in der NS-Zeit ein hoch willkommenes Symbol für die Stärke der Wikinger – dummerweise stammt das Schiff gar nicht aus der Wikingerzeit. Wie kann es gelingen, echte Fundstücke vor dem ideologischen Zugriff zu bewahren?

Die Rezeption von historischen Fakten und archäologischen Objekten entzieht sich unserem Zugriff. Denken Sie nur an den Hörnerhelm – in diesem Zusammenhang hat die Andenkenindustrie das Heft in der Hand. Und dennoch glaube ich, dass Museen ein geeigneter Ort sind, falschen Rezeptionen entgegenzuwirken.

Wie sieht das dann konkret aus?

Dafür ist das Zusammenspiel von Ausstellung und klug organisierter Vermittlungsarbeit geeignet. Als Museum können wir in die Vermittlungsarbeit mit Multiplikatoren eintreten. So werden wir im Jahr 2018 Leh­rerfortbildungen zum Thema „Wikingerkult und Rechtsextremismus“ anbieten.

Es wird gern das Argument genannt, dieser oder jener Brauch sei eben so gewesen bei den alten Wikingern. Wie authentisch belastbar ist das, was man vom Alltagsleben der Wikinger zu wissen glaubt?

Ich will es an einem Beispiel deutlich machen: In unserer Gesellschaft verbietet es sich, das Hakenkreuzmotiv zu benutzen. Das sollte jedem klar sein. Wenn vereinzelt auf archäologischen Objekten aus der Wikingerzeit eine Swastika auftaucht, was übrigens höchst selten ist, dann ist das noch lange kein Argument, es im Reenactment zu nutzen. Es bedarf keiner Swastika, um die Wikingerzeit darzustellen! Da gibt es wesentlich eindeutigere Zeichen. Wer sich seriös auf der Grundlage von Forschungsergebnissen mit der Wikingerzeit befasst, hat ein so großes Spektrum an Möglichkeiten zur Verfügung, dass er auf belastete Symbolik verzichten kann. Richtig gute Reenacter haben die Fachliteratur im Regal stehen und würden sich hüten, durch leichtfertige Interpretationen ihren guten Ruf aufs Spiel zu setzen.