Curveballs Mission

Im Theaterdiscounter übte sich das Kunstkollektiv „Institut für Widerstand im Postfordismus“ in Mutmaßungen zur Rolle eines BND-Agenten im Irakkrieg

Von Annika Glunz

Waren es wirtschaftliche oder geostrategische Interessen, der Kampf gegen das Terrornetzwerk al-Qaida oder vielleicht doch eine vermutete „akute Bedrohung“ durch Massenvernichtungsmittel? Die Gründe für den Beginn des Irakkriegs durch die USA und Großbritannien im Jahr 2003 sind bis heute umstritten.

Das Kunstkollektiv „Institut für Widerstand im Postfordismus“, das seit 2014 unter dem Motto „Fakt oder Fiktion?“ arbeitet, befasst sich in diesem Zusammenhang mit einer besonders bemerkenswerten Geschichte:1999 hatte Rafed Ahmed Alwan, besser bekannt als BND-Agent „Curveball“, in Deutschland politisches Asyl beantragt. Im Gegenzug bot er seine Geschichte an: Er sei vom Saddam-Regime angeworben worden, um bei der geheimen Entwicklung von Massenvernichtungswaffen zu helfen. Vom BND wurde seine Geschichte für plausibel befunden. Der deutsche Geheimdienst informierte den amerikanischen Militärgeheimdienst – mit der Folge, dass Außenminister Colin Powell vor der UN-Vollversammlung im Februar 2003 ebendiese Information als maßgebliche Argumentationsgrundlage für den Start der „Operation Iraqi Freedom“ verwendete. Der CIA, der parallel die Aussagen des Irakers prüfte, enttarnte diese als Lügen.

Auf der Bühne des Theaterdiscounters läuft Schauspielerin Elisa Müller auf einer schwarzen Folie zwischen schwarzen Luftballons auf und ab, während sie die Geschichte von „Curve­ball“ aus eigener Perspektive erzählt: Sie selbst sei Ende der Neunziger für kurze Zeit mit einem Iraker zusammen gewesen, der wiederum Kontakt zu „Curve­ball“ hatte: „Aber, liebes Publikum, ich sage Ihnen, diese Multikulti-Scheiße, das ist doch nichts.“ Irritierte Blicke und nervöses Zucken im Publikum. Später wird Müller, die auch künstlerische Leiterin des Stückes ist, erklären, sie sei von ihrem Regisseur zu derartigen Äußerungen gezwungen worden.

Noch irritierender wird es, als die Schauspielerin weiter erzählt. Als sie nun von diesem Geheimdienstskandal wusste, habe sie einigen anderen Menschen davon berichtet – bis sie an einer Stelle ausgelacht worden sei: „Das ist doch alles komplett gelogen! Die Wahrheit ist: ‚Curveball‘ war ein Schauspieler, der im Irak vom BND gecastet wurde, um ebendiese Geschichte unter die Menschen zu bringen.“ Da sei sie dann ganz still geworden, erinnert sich Müller – und wird rot. Unter die Irritation mischt sich ein höchst mulmiges Gefühl. Immerhin zerrüttet der Irakkrieg bis heute das Land und forderte über 160.000 Todesopfer.

Müller macht weiter im Text. Sie habe diesen irakischen Schauspieler auftreiben können, er übernehme sogar eine Rolle im jetzigen Stück. Freilich sei er vor ein paar Tagen spurlos verschwunden: Es bestünde der Verdacht auf Verbindungen zu terroristischen Vereinigungen: „Daher auch die Taschenkon­trollen zu Beginn der Veranstaltung“, klärt sie das Publikum auf, „aber bleiben Sie ruhig, das sind schließlich alles nur Vermutungen.“

Müller verabschiedet sich, verlässt die Bühne, das Licht geht aus. Das Publikum verharrt in angespannter Stille, kein Mensch rührt sich – bis ein Mann die Bühne von der Seite betritt. Er steht still, zückt sein Smartphone, um Fotos von den Zuschauern zu machen, und mischt sich schließlich unter die Menge. Curveball?

Auf der Bühne folgt nun lautes Getöse, und unter der schwarz glänzenden Folie baut sich ein nicht genauer definierbares Ungetüm auf – ein Luftschloss, möchte man meinen. Viel Zeit für Fantasien bleibt nicht – am Ende des Stücks sackt das Ungetüm schneller wieder in sich zusammen, als es sich aufgeblasen hat.

Zurück bleibt ein ratlos lächelndes und um sämtliche vermeintliche Gewissheiten gebrachtes Publikum. „Die Welt will betrogen sein, darum sei sie betrogen“, lautet der berühmte Satz des französischen Historikers Jacques Auguste de Thou.