Fatma Aydemir
Minority Report

Von deutschen Omas und antisemitischen Muslimen: Hallo Heimatministerium!

Foto: Regentaucher

Pünktlich zur Gründung des Heimatministeriums hatte ich eine Lesung in Dresden mit der wunderbaren Autor*in Sasha Salzmann. Es gab keine Moderation, stattdessen interviewten wir einander zu Themen, die wir selbst wählten (Schreiben, Istanbul, Mütter). Ohne dass es mir vorher bewusst gewesen war, hatte das Format etwas maximal Empowerndes: Endlich konnten wir beide den Begriff „Heimat“ sowie alle lose daran hängenden nervtötenden Fragen ignorieren. Nun ja, bis die Runde für Publikumsfragen öffnete. „Frau Salzmann, warum ist ihr Deutsch so gut?“ „Frau Aydemir, wie findet es Ihre Familie, dass Sie mit einer Jüdin sprechen?“

Nachdem ich mich eineinhalb Stunden lang emotional wie intellektuell im besten Sinne herausgefordert fühlte wie bei kaum einem Podiumsgespräch zuvor, waren diese zuallererst gestellten Fragen ein schmerzhafter Dämpfer. Andererseits aber waren sie null überraschend, weder für Sasha Salzmann noch für mich. Es war nur ein weiteres Mal, dass von all den Bezeichnungen, die auf uns hätten zutreffen können (Schriftsteller*in, Theatermacher*in, Baldwin-Leser*in, Raucher*in), anscheinend nur eine einzige von Interesse war: Nichtdeutsche.

Pünktlich zur Gründung des Heimatministeriums gab es auch eine Meldung aus Essen, die davon berichtete, wie Menschen systematisch auf ihre Herkunft reduziert werden. Hier ging es aber leider nicht um die Konfrontation mit dummen Fragen, sondern um die Verteilung von Lebensmitteln an Bedürftige. Die Essener Tafel hat einen Aufnahmestopp verhängt über alle, die keine deutschen Staatsangehörigen sind. Essener-Tafel-Leiter Jörg Sartor verteidigt seine Entscheidung auch nach umfassender Berichterstattung in den Medien in etwa so: Die Ausländer verdrängten deutsche Omas, weil sie sich respektlos verhielten. Außerdem seien es inzwischen zu viele.

Die Fünftage­vorschau

Di., 27. 2.

Juri Sternburg

Lügenleser

Mi., 28. 2.

Ingo Arzt

Kapitalozän

Do., 1. 3.

Martin Reichert

Herbstzeitlos

Fr., 2. 3.

Peter Weissenburger

Eier

Mo., 5. 3.

Mithu Sanyal

Mithulogie

kolumne@taz.de

Nun hat die Warteschlange vor der Tafel eine andere Dimension, als ein Podium im gemütlich geheizten Museumshörsaal. Doch zeugen diese Beispiele gerade von der Allgegenwärtigkeit des pauschalisierenden Blicks auf Migrant*innen im Jahr 2018, egal ob in Hilfsorganisationen oder bei kulturellen Veranstaltungen. Interessanterweise setzt die Essener Tafel nämlich nicht jene vor die Tür, die sich nicht an die Regeln halten. Sie geht einfach davon aus, dass alle Nichtdeutschen gegen Regeln verstoßen. Genauso wie die Fragestellerin in Dresden davon ausgeht, dass alle Mus­li­m*innen dieser Welt, also auch meine Familie, per se Antisemiten sind.

Pünktlich zur Gründung des Heimatministeriums gibt es also nichts Neues in Deutschland, außer dem ­Heimatministerium. Der In­stitutionalisierung eines populistischen Kampfbegriffs, die angeführt werden soll von einem kämpferischen Populisten. Wen wundert da noch die Passkontrolle am ­Tafel-Eingang.