Editorial von Elisabeth Kimmerle

Die kurdische Geschichte wiederholt sich

Als türkische Soldaten am Sonntag mit den verbündeten Milizen der Freien Syrischen Armee die kurdische Stadt Afrin im Nordwesten Syriens einnahmen, stürzten sie die Statue des Schmieds Kaveh vom Sockel. Es war ein absichtsvoll inszenierter Denkmalsturz: In der iranischen Mythologie befreit der Schmied Kaveh das Volk vom Tyrannen Zahak. Mit dem Newroz-Tag feiern nicht nur die Iraner*innen, sondern auch die Kurd*innen am 21. März den Beginn eines neuen Jahres – und den Widerstand ­gegen ihre Unterdrückung.

In der Türkei war Newroz in den vergangenen Jahrzehnten ein Indikator dafür, wie es um das Verhältnis der Regierung zur größten Minderheit im Land bestellt war. Je nach politischer Konjunktur wurde das politische Fest der Kurd*innen blutig niedergeschlagen oder als Bühne für den Friedensprozess genutzt.

In diesem Jahr wird Newroz vom völkerrechtswidrigen Einmarsch der Türkei in Afrin überschattet – und von Wut und Verzweiflung über die Zurückhaltung des Westens. Im Krieg gegen die kurdische Enklave wiederholt sich das Unrecht, das den Kurden seit dem Ende des Ersten Weltkriegs widerfährt: Sie schließen Allianzen, kämpfen an der Seite einer Großmacht und werden am Ende von den Bündnispartnern im Stich gelassen.

Der Vertrag von Sèvres, der 1920 zwischen den Siegermächten des Ersten Weltkriegs und dem Osmanischen Reich geschlossen wurde, stellte noch ein unabhängiges Kurdistan in Aussicht. Im Vertrag von Lausanne von 1923, in dem die Alliierten die Republik Türkei in ihren heutigen Grenzen anerkannten, war von einem kurdischen Staat indes keine Rede mehr. Die Kurd*innen waren von Kemal Atatürk ebenso verraten worden wie von den westlichen Staaten. Ein Paradigma, das sich bis heute durch die kurdische Geschichte zieht.

Bis vor Kurzem waren die kurdischen Einheiten der YPG in Syrien noch der verlässlichste Partner der USA im Kampf gegen den IS. Nachdem Kobani mit Unterstützung der US-Luftwaffe im Februar 2015 befreit wurde, schien inmitten der Wirren des syrischen Bürgerkriegs die Utopie eines autonomen kurdischen Gebiets endlich in greifbare Nähe gerückt zu sein. Doch als die Türkei am 20. Januar die Militäroffensive auf Afrin startete, schauten die Bündnispartner weg. Die USA griffen nicht ein, Russland gab den Luftraum frei. Währenddessen setzte die türkische Armee in Afrin deutsche Leopard-Panzer ein – und Sigmar Gabriel stellte der Türkei weitere Rüstungsexporte in Aussicht.

Derweil kommt der Konflikt auch in Deutschland an: In den vergangenen Tagen häuften sich Angriffe auf Moscheen, Läden und Vereine, die der Türkei nahestehen. Stecken Kurd*innen dahinter, wie manche vermuten?

Warum werden die Kurd*innen von ihren Bündnispartnern immer wieder im Stich gelassen? Wie steht es um die Projektionsfläche Rojava unter deutschen Linken? Kann ein künftiges Kurdis­tan der bessere Nahe Osten sein? Welche Interessen verfolgt die Türkei in Syrien und wie wirkt sich ihre Politik auf die Kurd*innen und Türk*innen in der Diaspora aus? Lesen Sie die Antworten darauf und viele weitere Beiträge zum Thema in unserem sechsseitigen Dossier.