Krieg der Extremisten oder Kampf der Kulturen

In einer wechselseitigen Radikalisierung wachsen mitten unter uns kleine Armeen heran, warnt die Extremismusforscherin Julia Ebner

Von Barbara Junge

Passen Sie auf sich auf, denn wir nähern uns dem Endkampf“, stand in zittriger Handschrift auf dem kleinen Notizzettel, den Julia Ebner an einem Sonntag im Winter 2016 in ihrer Tasche fand.

Am Tag zuvor war sie morgens zu einer Demonstration der English Defense League (EDL) gegen die „Islamisierung im Vereinigten Königreich“ im britischen Telford gereist und hatte sich dort unters rechtsextreme Volk gemischt. Am Abend war sie dann in London noch zu Islamisten gepilgert. Während einer Versammlung der Hizb ut-Tahrir hatte sie im abgegrenzten Frauenblock mit einer Besucherin gesprochen, vorne wurden Kalifat und Dschihad gepriesen. In Telford wie in London sah man sich vor der Entscheidungsschlacht.

Es braucht nur diesen einen kleinen Zettel, um eine große Gefahr sichtbar zu machen. Für ihr Buch „Wut. Was Islamisten und Rechtsextreme mit uns machen“ hat die österreichische, in London lebende Extremismusforscherin Julia Ebner beide Milieus inspiziert. Physisch wie mental, online und offline ist sie in die beiden Welten eingedrungen. Rechtsextremisten und Islamisten, heißt ihr Fazit, drehen sich mitten in den westlichen Gesellschaften in einer Spirale des Hasses und ergänzen sich als perfekte Gegenspieler in einem globalen Krieg.

Mit Ebner taucht man ein in die historischen Wurzeln der Dschihad­ideologie und deren aktuelle Prediger. Sichtbar wird ein Netzwerk rechtsextremer Vordenker und Aktivisten, das sich zwischen den USA und Europa über den Atlantik spannt. Ideologische Motive einer gegenseitigen Radikalisierung werden begreifbar und geografisch animiert anhand etwa des englischen Birmingham, des französischen ­Sevran, anhand Orlandos oder sogar Nordbayerns.

Stellenweise wird das Buch zu einem komplexen Kompendium, es ist nicht einfach, Ebner in jeden Winkel des Extremismus zu folgen. Das allein könnte Grund sein, sich das Buch ins Regal oder in die digitale Library zu stellen. Aber in der Recherche steckt auch Stoff für eine politische Debatte. Julia Ebner nimmt nämlich eine umstrittene These auf.

Nach der Auflösung der Blockkonfrontation stellte der US-Politikwissenschaftler Samuel Huntington seine These vom „Kampf der Kulturen“ auf. Der Islam, das war Huntingtons Prognose, würde die Welt in zwei Lager teilen; nicht Wirtschaft oder Politik. Auch wenn nach den Anschlägen von 9/11 der „Clash of Civilizations“ glaubwürdiger erschien, ging die These doch angesichts intermuslimischer Kriege wieder weitgehend unter.

Ebner indes folgt in ihrer Essenz Huntingtons „Kampf der Kulturen“. Das Abdriften unserer Gesellschaft in Extreme bestätige im Grunde die Behauptung, schreibt sie, „dass wir vor einem globalen Kulturkrieg zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen stehen, den Extremisten auf beiden Seiten propagieren“.

Dass der alte Rechts-links-Antagonismus, der das 20. Jahrhundert geprägt hat, nicht mehr der Treibstoff globaler politischer Auseinandersetzung sein soll, ist ein bekanntes, wohl diskutiertes Theorem. Und es stimmt sicher, dass heute der Kampf zwischen liberal und illiberal im globalen Maßstab wie national ausgetragen wird.

Ebner stellt dem in seltener Konsequenz aber einen anderen globalen Konflikt an die Seite, den stärker in den Blick zu nehmen – bei aller Vorsicht, nicht auf die Vereinnahmung einer Religion und einer Kultur durch die Islamisten hereinzufallen – richtig ist.

Sie behauptet dabei übrigens keinerlei Zwangsläufigkeit. Die Zuspitzung durch die Extremisten sei, was die Dichotomie überhaupt erst aufbaue. Und das geschehe in einem geeigneten gesellschaftlichen Umfeld: Westliche Demokratien böten den „Nährboden“ für beide Extreme. Womit auch dieses Buch bei der Diskussion um die Ursachen von Radikalisierung in westlichen Gesellschaften angelangt ist und der derzeit so häufig wie unbefriedigend beantworteten Frage: Was tun?

Die Gesellschaft liefere mit dem Bedeutungszuwachs von Identitätspolitik eine wesentliche Triebkraft des Extremismus beider Arten, schreibt Ebner. Hier beginnt bei ihr aber nicht das seit Brexit, Trump und AfD beliebte Linkenbashing. Identitätspolitik sieht sie nicht als Folge einer Überbetonung von Minderheitenidentitäten, sondern vielmehr als Konsequenz einer „empfundenen sozioökonomischen Ungerechtigkeit“ im Zuge der Globalisierung, der Bankenkrise und dem Spruch vom „too big to fail“, mit dem die Banken gerettet wurden.

In einem großen Bogen legt Ebner die Verantwortung, diesen globalen Krieg aufzuhalten, dann doch wieder in die Hände der derzeit viel zitierten (liberalen) politisch-gesellschaftlichen Mitte. Man könnte auch sagen: Establishment. Der Teufelskreis aus islamistischem Extremismus und Rechtsextremismus sei nicht aus dem Nichts entstanden.

„Es waren die Taten und die Tatenlosigkeit des Establishment“, schreibt Ebner, „die ihre wichtigste Triebkraft hervorgebracht haben: die Wut.“