taz🐾thema

natürlich gesund

die verlagsseiten der taz

Ayurveda kann jeder

Die uralte Heilkunst aus Indien ist heute wieder brandaktuell. Die wichtigsten Regeln lassen sich leicht in den Alltag integrieren, dabei spielt vor allem die Ernährung eine wichtige Rolle. Die Therapie umfasst darüber hinaus den ganzen Lebensstil – im Einklang mit der Natur

Die Energien auszubalancieren ist Grundlage der Ayurveda-Medizin Foto: Helena Schätzle/laif

Von Katja-Barbara Heine

Öl-Massagen, Dampfbäder, Kosmetik: Ayurveda wird aus Südasien vor allem als Wellness-Trend exportiert. „Dass es sich eigentlich um eine Medizin handelt, ist weniger bekannt“, sagt Eva Maack, Heilpraktikerin für Ayurveda-Medizin. In ihre Praxis in Berlin Prenzlauer Berg kommen vor allem Menschen mit typischen westlichen Zivilisationskrankheiten: Stress, Schlafstörungen, Burn-out. Die mehr als 2.000 Jahre alte indische Heilkunst kann hier Wunder wirken.

Auf Sanskrit bedeutet Ayurveda „Wissen vom Leben“. Demnach wirken in jedem Menschen drei Energien, sogenannte Doshas: Sie heißen Vata, Pitta und Kapha, steuern vor allem körperliche Vorgänge und sollten möglichst im Gleichgewicht sein. Bei den meisten Menschen dominieren eines oder zwei der Doshas, treten sie zu stark in den Vordergrund, erkrankt der Organismus. Die Energien auszubalancieren ist Grundlage der Ayurveda-Medizin. Das geschieht in erster Linie durch Ernährung. Verschiedenen Nahrungsmitteln wird – aufgrund ihres Geschmacks und ihrer Eigenschaften – eine bestimmte Wirkung auf die verschiedenen Konstitutionstypen zugeschrieben: Kardamon oder Fenchel etwa „kühlen“ das Dosha des schnell gestressten und zu Entzündungen neigenden Pitta-Typs.

Schlaf, Sport, Sex

Ingwer und Zimt wärmen den verfrorenen und zu Nervosität neigenden Vata-Menschen. Die eher trägen Kapha-dominierten Typen sollten ihren Stoffwechsel zum Beispiel durch Chili, Senf und Pfeffer ankurbeln. „Wichtig ist es, das Verdauungsfeuer ,Agni' aktiv zu halten“, so Eva Maack. „Nur wenn der Stoffwechsel gut arbeitet, ist der Mensch gesund.“ Nach der Anamnese stellt sie einen Ernährungsplan auf, verschreibt Kräuter und Massagen. Die Ayur­veda-Therapie umfasst aber den ganzen Lebensstil – von der Schlafhygiene über den richtigen Sport bis hin zum Sexleben des Patienten.

„Ayurveda passt hervorragend in die heutige Zeit, in der sich alles um gesunde Ernährung dreht und Menschen sich nach einem Leben im Einklang mit der Natur sehnen“, sagt Kerstin Rosenberg, Gründungs- und Vorstandsmitglied des Verbandes Europäischer Ayurveda-Mediziner und Therapeuten (VEAT). An der von ihr und ihrem Mann gegründeten Europäischen Akademie für Ayurveda im hessischen Birstein sind 200 Schüler eingeschrieben.

Derzeit haben es Ayurveda-Ärzte und -Heilpraktiker in Deutschland allerdings noch schwer: Während in Südasien die Heilkunst der Schulmedizin gleichgestellt ist und die Weltgesundheitsorganisation WHO sie als medizinische Wissenschaft anerkannt hat, wird Ayur­veda hierzulande häufig als Hokuspokus abgetan und die Krankenkassen übernehmen die Behandlungskosten nicht. Doch die Branche kämpft: An der Charité Berlin wurde im Februar unter Leitung von Ayur­veda-Arzt Christian Kessler eine Studie veröffentlicht, die belegt, dass eine traditionelle Ayur­veda-Behandlung bei Kniegelenksarthrose hilft – und einer konventionellen Therapie überlegen sein könnte. Unterstützt wurde die Studie durch Indien: Die ­Heimat des Ayurveda erhofft sich dadurch nicht zuletzt, den Absatzmarkt für Ayur­veda-Kräuter und -Heilmittel zu erweitern.

Dabei wären diese eigentlich gar nicht nötig: „Ayurveda ist theoretisch auch mit dem möglich, was vor unserer Haustür wächst“, sagt Eva Maack. So werde etwa dem bitteren Löwenzahn eine Pitta-senkende sowie blutreinigende, dem scharfen Petersiliensamen dagegen eine Vata- und Kapha-ausgleichende entblähende Wirkung zugeschrieben. „Das Problem ist aber“, so Maack, „dass in unseren Breiten die Kräuter nach ihren Wirkstoffen untersucht und klassifiziert wurden. Und nicht, wie in Indien, nach ihrem Geschmack und ihrer Thermik und deren Wirkung auf den Organismus.“

Eine erste Einschätzung, welcher Konstitutionstyp nach Ayurveda man ist, liefern Tests im Internet, etwa auf der Seite www.rosenberg-ayurveda.de/ayurveda-das-wissen-vom-leben/was-ist-ayurveda/ayurveda-konstitution-mit-typen-test/

„Ayurveda – Mein Handbuch für ein gesundes Leben“. Hans Heinrich Rhyner, Königsfurt Urania (2016)

„Ayurveda heilt – Ernährung als Medizin“. Kerstin Rosenberg und Prof. Dr. Tanuja Nesari (2015)

„East by West – Einfach ayurvedisch kochen für die optimale Body-Mind-Balance“. Jasmine Hemsley, ZS Verlag (2018)

VegMed – medizinischer Fachkongress zur pflanzenbasierten Ernährung, Vorträge, Workshops, Networking. Vom 20. bis 22. April 2018 in Berlin. Teilnahme auch per Online-Streaming möglich

Auch wenn eine Ayurveda-Behandlung stets individuell auf den Konstitutionstyp abgestimmt wird, gibt es einige Heilmittel, die für jeden geeignet sind: „Ein Glas warmes Wasser am Morgen wirkt wie eine Dusche von innen und unterstützt den Ausscheidungsprozess“, sagt Kerstin Rosenberg. Je nach Konstitutionstyp kann es mit Ingwer, Kardamom oder anderen Gewürzen angereichert werden. Auch Ölziehen wirkt reinigend – mit welchem Öl, hängt wieder vom Typ ab. Anders als oft gepredigt, sollte erst gegessen werden, wenn der Hunger da und das Verdauungsfeuer aktiv ist. Die Nahrung sollte zu zwei Dritteln aus warmen Speisen bestehen und gegessen wird nur, bis der Magen zu zwei Dritteln voll ist.

Bestimmte Nahrungskombinationen sind verboten: Milchprodukte mit sauren Früchten zum Beispiel, Milchprodukte mit Knoblauch, Fleisch mit Fisch. Diese Kombinationen verklumpen im Körper und hemmen die Verdauung. „Ein Erdbeer-Milkshake ist also keine gute Idee“, so Kerstin Rosenberg. Ganz wichtig sei auch der Rahmen, in dem die Nahrung verspeist wird: „Ein Viertel der Wirkung der Nahrung hängt davon ab, wie sie zu sich genommen wird. Man sollte sich hinsetzen, aufs Essen konzentrieren und genießen.“ Ayurveda ist nicht dogmatisch, Ausnahmen sind erlaubt. „Das Gläschen Rotwein am Abend kann durchaus gut für die Gesundheit sein“, so Rosenberg.

„Das Schöne an Ayurveda ist die Erfahrung der Selbstwirksamkeit“, sagt Heilpraktikerin Eva Maack. „In der Homöopathie oder in der Schulmedizin bekommt man Globuli oder Tabletten verabreicht und wartet dann – passiv – die Wirkung ab. Aber im Ayurveda kann man aktiv etwas für seine Gesundheit tun, indem man das Richtige isst, sich einölt, massiert, meditiert. Zu merken, dass man sich selbst helfen kann, motiviert die Patienten.“