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Achtsam in Bewegung

Von Managermagazinen über Frauenzeitschriften bis hin zum Programm der Volkshochschule – an dem Begriff „Achtsamkeit“ kommt man kaum vorbei. Was genau bedeutet Achtsamkeit? Und wie bringt man sie in Bewegung?

Raus aus der gewohnten Hektik: Es geht nicht um die Bewegungsart, sondern um die Herangehensweise Foto: Karsten Thielker

Von Cordula Rode

Trotz seiner Präsenz in der öffentlichen Wahrnehmung, führt der Begriff „Achtsamkeit“ selbst leicht zu Missverständnissen. Hier geht es nicht um die Sorge um andere, sondern um die Selbstwahrnehmung, Mindfulness oder Awareness. Seine Ursprünge hat der Begriff im Buddhismus. Die Achtsamkeit ist die meditative Grundpraxis aller buddhistischen Schulen und umschreibt das Ziel, dass sich der Mensch aller Vorgänge in seinem Inneren im gegenwärtigen Moment gewahr werden, sie zulassen und sich auf diesem Wege vom Leid befreien soll. Seit den 1960er Jahren interessiert sich die westliche Gesellschaft zunehmend für diesen Ansatz. Waren es anfangs die Psychologen, die sich des Themas annahmen, wird die Achtsamkeit inzwischen interdisziplinär als Therapie und Prävention für unterschiedliche körperliche und psychische Probleme eingesetzt.

Der beste Einstieg in die Achtsamkeit erfolgt über den Körper. Warum das so ist, erklärt Kirsten Tofahrn, Leiterin des Zentrums für Achtsamkeit Köln: „Unser Körper ist im Hier und Jetzt und damit die wichtigste Ressource für unsere Aufmerksamkeit. Und er ist untrennbar mit der Psyche verbunden: Alle unsere Gefühle sind auch körperlich spürbar.“ Viele emotionale Probleme führen allzu schnell ins Kopfkarussell, triggern uns, wenn wir sie immer wieder und wieder im Geiste durcharbeiten. Der Weg über den Körper ist sehr viel einfacher und wirksamer. Nicht das Analysieren, sondern das bewusste Erfahren ist ein Kernpunkt der Achtsamkeit. Dabei stehen auf den ersten Blick verwirrend viele Angebote zur Verfügung – welches ist für wen geeignet?

An der Spitze steht natürlich Yoga. Es vereint drei wichtige Aspekte der Achtsamkeit in sich – Bewegung, Atem und Meditation. Fließende Bewegungsabläufe führen zu Beweglichkeit und Kraft, gezielte Atmung ermöglicht die innere Sammlung und stärkt die Energie, die Meditation lässt den Menschen zur Ruhe kommen. Es gibt viele verschiedene Arten des Yoga mit unterschiedlichen Schwerpunkten, das Grundprinzip aber ist ihnen allen gemeinsam. Ganz ähnliche Elemente bietet eine Bewegungsart, die viele im ersten Moment eher mit Mattentrainig für flache Bäuche in Verbindung bringen: Pilates. Was häufig als das perfekte Programm für eine straffe und attraktive Figur gepriesen wird, hat eigentlich sehr viel mehr zu bieten. Vor über einhundert Jahren entwickelte Joseph Pilates diese ganzheitliche Bewegungsart mit dem Ziel, das neuromuskuläre Gleichgewicht des Körpers wiederherzustellen. Die sechs Prinzipien dabei sind Atmung, Konzentration, Kontrolle, Zentrierung, Präzision und Bewegungsfluss. Durch die bewusste Optimierung der Körperhaltung soll in der gegenseitigen Bedingtheit auch die innere Haltung aufgerichtet werden. Yoga will Verspannungen lösen und eine bessere körperliche Beweglichkeit erreichen, Pilates trainiert dagegen kleinste Muskeln und richtet so den Körperapparat auf. „Wichtig ist bei achtsamer Bewegung vor allem eines“, erklärt Kirsten Tofahrn. „Grenzen sollen nicht überschritten, sondern bewusst erfahren und erweitert werden.“ Das ist oft gar nicht so einfach, denn: „Wir sind darauf trainiert, diese Grenzen ständig zu ignorieren, um immer größere Leistung zu erbringen.“

Das Deutsche Fachzentrum für Achtsamkeit präsentiert neben vielen Informationen rund ums Thema auch Anleitungen für konkrete Achtsamkeitsübungen: www.dfme-achtsamkeit.de

Das Zentrum für Achtsamkeit Köln bietet zahlreiche Vorträge, Kurse und Workshops an, unter anderem für Unternehmen mit dem Schwerpunkt Arbeitswelt: www.zentrum-fuer-achtsamkeit.koeln

Buchtipp als Einstieg in das Thema Achtsamkeit: „Achtsamkeit: 66 einfache Gewohnheiten, die Ihnen helfen, im ‚Hier‘ und ‚Jetzt‘ zu sein.“ Margarita Seethaler, Books on Demand, 2018. Die Autorin listet einfache Tipps auf, die es ermöglichen, den Alltag bewusst zu gestalten und die eigenen Bedürfnisse zu erkennen.

Qi Gong und Tai-Chi sind weitere Möglichkeiten, in die bewusste und schonende Bewegung zu kommen. Die Methoden sind eng miteinander verwoben. Bei beiden stehen langsame und fließende Bewegungen im Mittelpunkt. Während Tai-Chi eine Art imaginäre Kampfkunst ist („Schattenboxen“) und dementsprechend spielerisch Aktions- und Reaktionsbilder umsetzt, zielt Qi Gong auf das Sammeln und Steuern eigener Energien.

Auch die Feldenkrais-Methode wurde aus dem Kampfsport heraus entwickelt. Mit einfachen Bewegungssequenzen, die auf den Funktionsmustern des Nervensystem beruhen, kann der Körper fixierte Bewegungsmuster verändern und neue Fähigkeiten und Handlungen erlernen und verankern, die sich unmittelbar auf Wahrnehmung, Denken und Empfindung auswirken.Die Qual der Wahl. Was passt für wen? Und vor allem – was ist, wenn man mit all diesen Methoden gar nicht zurechtkommt? Kein Grund zur Panik, wie Therapeutin Kirsten Tofahrn erklärt: „Man kann auch Yoga oder Qi Gong zu einer Art Leistungssport machen, wenn man das Grundprinzip außer Acht lässt. Umgekehrt aber kann man auch jeden ‚normalen‘ Sport achtsam gestalten.“ Vielen Menschen fällt es schwer, aus der gewohnten Hektik heraus plötzlich auf sehr langsame Bewegung umzusteigen. Dann geht es nicht um die Bewegungsart, sondern allein um die Herangehensweise: „Ich kann auch achtsam joggen oder an Geräten trainieren. Es geht darum, zu lernen, auf den eigenen Körper zu hören, ihn zu spüren und zu akzeptieren.“