Farben der Verlorenheit

Svenja Leiber traut der Literatur viel zu. In ihrem dritten Roman „Staub“ irrt ein Ich-Erzähler durch eine fremde Gesellschaft und durch sein eigenes Leben

Die Größe des Lebens kann einen in der Fremdheit anwehen und die Trauer: Blick von der Zitadelle auf Amman Foto: José Giribás/SZ Photo/laif

Bevor der Vater, ein melancholischer Arzt mit ungenauen Ideen, der Menschheit helfen zu wollen, in den achtziger Jahren nach Saudi-Arabien aufbricht, rezitiert er Rilke am Familientisch. „Herr: Es ist Zeit …“ Dann heißt es: „Immer scheint er sich einer Sache vergewissern zu wollen, die ihm im Alltag leicht auseinanderweht: der wahrhaftigen Größe des ­Lebens.“

Auch der mittlere seiner drei Kinder, Jonas Blaum, der zusammen mit seiner Mutter und seinen Geschwistern dem Vater hinterherziehen wird, entwickelt eine Beziehung zur Literatur. Allerdings geht es bei ihm um Schutz, um Verkriechen. Dass man ihn, der später selbst Arzt wird, „hinter einem Bollwerk aus Büchern hervorzerren“ müsse, heißt es einmal. In einer der vielen beeindruckenden Szenen dieses in seinem Eigensinn und seiner Sprachkraft manchmal überwältigenden Romans wird er später als jemand porträtiert, der in Bücher verbarrikadiert lesend auf dem Sofa liegt und nur so die Wirren der Wirklichkeit ertragen kann.

In der Literatur weht einen die Größe des Lebens an (und verlässt einen wieder), und zugleich ist die Literatur eine (fragwürdige) Notwehr gegen die Welt – das ist eine der Spuren, die Svenja Leiber durch ihren dritten Roman, „Staub“, legt. Man wird beim Lesen auch diesen Roman selbst darauf beziehen. Sprache als Aufblitzenlassen der Größe des Lebens, Sprache als Notwehr – diese Autorin traut der Literatur sehr viel zu.

Svenja Leiber: „Staub“. Suhrkamp, Berlin 2018, 246 Seiten, 22 Euro

Das Menschheitshilfsprogramm des Vaters geht schrecklich schief. Er unterschätzt die Korruption, die in Saudi-Arabien herrscht. Das Krankenhaus, in dem er arbeiten wollte, wird nie gebaut. Seine Familie fühlt sich furchtbar fremd in diesem Land. Das kulminiert in einer Katastrophe. Das jüngste der drei Kinder, Semjon, das ein Mädchen ist, das sich als Junge fühlt, stirbt schließlich, an einem Herzfehler, aber auch daran, dass dieses in manchem aus dem Rahmen fallende Kind keinen Ort im Leben hat.

Erzählt wird die Geschichte vom mittleren Sohn, Jonas. Hin und her zwischen den Zeitebenen und den Orten, zwischen Landschaftsbeschreibung und Innenschau springen die Kapitel. In Semjons Tod kristallisiert sich ein Trauma, das, sosehr sich der Erzähler auch in sich verschanzt, hinter den Sätzen pocht und manchmal auch schreit. Dieses Trauma ist vielschichtig. Es geht in ihm nicht – wie etwa bei Christian Kracht, der soeben ein Trauma als Glutkern seines Schreibens behauptet hat – um einen Missbrauch (bei anderen Figuren des Romans gibt es den aber durchaus) oder um körperliche Misshandlung (die es bis hin zu unnennbarer Folter wiederum bei anderen Figuren gibt), sondern eher um eine große Verlassenheit, auch um fehlende Achtsamkeit der Elterngeneration ihren Kindern gegenüber. Wenn man diesen komplexen Roman auf einen Punkt bringen wollte, dann vielleicht auf den einer metaphysische Trauer, einer großen Verlorenheit.

Das hört sich pathetisch an und ist es auch. Als erwachsener Mann wird Jonas Blaum nach Amman fahren, eine Drogensucht und gescheiterte Beziehungen im Rücken, und sich wieder in der Fremdheit der anderen Gesellschaft, ihren Clanstrukturen, ihrem Glauben, ihren Gerüchen verlieren. Und wieder wird ein gefährdetes Kind eine Rolle spielen. Vor allem aber wird er wie wundgescheuert und damit hochempfindlich – manchmal auch überempfindlich – auf seine eigene Geschichte schauen und auf die der Menschen, auf die er trifft. Dabei weiß Svenja Leiber ihren Pathos stets sprachlich zu beglaubigen. „Und was ist schon die Wahrheit? […] Auf Nuancen kommt es an, auf Farben.“ Genau. Auch solche Sätze nimmt man diesem Roman ab.

Das Trauma, das hinter den Sätzen pocht und manchmal schreit, ist vielschichtig

Es gibt eine fragwürdige Ebene. Er sei kaputtgegangen an seiner eigenen Geschichte, überlegt Jonas Blaum einmal. Svenja Leiber schließt diese Kaputtheit, nein, sie schließt sie nicht direkt mit der Kaputtheit der Wirklichkeit kurz, aber sie lässt ihren Ich-Erzähler seine Lebenskrisen in den gesellschaftlichen Krisen spiegeln. Manchmal winken aus dem Buch die siebziger Jahre herüber, als das eigene Wundsein als allgemeines Krisensymptom ausgestellt wurde.

Die positive Seite dieser Fragwürdigkeit besteht in der Wucht der Spracherfahrung. Fremdheit kann Svenja Leiber aufscheinen lassen, real werden lassen. „Neva hat mich verlassen. […] Plötzlich hat diese Frau aus allem ein Nichts gezaubert.“ Manchmal wehen auch noch hinter großer Lakonik Kontinente der Einsamkeit auf. Das ist viel.