Stefan Alberti lauscht Liebeslyrik mit der Berliner CDU-Vorsitzenden Monika Grütters

Von der Bedeutung der Liebein der Politik

Unmögliche Liebe“ ist der Lyrikabend im Kanzleramt überschrieben. Das gebe es auch hier in diesem Hause, sagt die Gastgeberin, das heiße dann Koalition.

Monika Grütters hat zu einer Gedichte­lesung eingeladen, wie schon zwei Mal in ihren bisher fünf Amtsjahren als Kulturstaatsministerin. Es ist der Abend nach der Entscheidung über den CDU-Fraktionsvorsitz im Abgeordnetenhaus. Grütters, im ehrenamtlichen Nebenjob Landesvorsitzende der Berliner CDU, hat da ihren Favoriten Burkard Dregger durchsetzen und zugleich den ebenfalls ambitionierten ­Mario Czaja dazu bringen können, diese Entscheidung mit zu tragen. Eine unmögliche Liebe? Das wird sich zeigen, zunächst mal gleich am Dienstag, wenn die Abgeordnetenhausfraktion diese Liaison per Wahl offiziell absegnen soll

Nun also Gedichtzeilen über Liebende, Enttäuschte, Leidende. Und nebenher noch die Information, dass die Kanzlerin, die eigentliche Hausherrin und als regelmäßige Operngängerin bekannt, offenbar kein großer Fan von Lyrik ist, weil man die mit solchen Abenden eher zu vertreiben drohe.

Die Alltäglichkeiten des Ehelebens

Kathleen Morgeneyer und Alexander Khuon lesen, Ensemblemitglieder des Deutschen Theaters, kaum einen Kilometer Fußweg vom Kanzleramt entfernt. Ingeborg Bachmann ist zu hören, Rilke muss natürlich dabei sein mit seinem „Liebeslied“, von Grass gibt es Betrachtungen über Alltäglichkeiten des Ehelebens.

Aber neben diesen Klassikern geht es auch um Beharrungskräfte widerspenstiger Esel, die sich gleichfalls auf Politik und Parteien übertragen lassen. „Wir winkten, riefen, stichelten – sie standen“, liest Khuon aus dem Gedicht von Jan Wagner, „auf nichts als auf ihr Eselsein bedacht, wir lockten sie, wir schmeichelten – sie standen.“ Schwarz-Rot? Rot-Rot-Grün? Man kommt ins Grübeln.

Wenn danach Sätze von Virginia Woolf erklingen, in denen sie knallhart offenbart, den um sie werbenden Mann nicht attraktiv zu finden, so erinnert das an diesem Ort unweigerlich an die SPD, die nach dem Scheitern der Jamaika-Verhandlungen so gar nicht auf die Avancen der CDU eingehen wollte. Und wie bei Christ- und Sozialdemokraten endet es bei Woolf dann doch in einer nicht einfachen Ehe. Deren Länge dürfte bei der SPD allerdings nicht nur Kevin Kühnert gruseln: 29 Jahre war Woolf mit ihrem Leonard verheiratet – bei den Sozialdemokraten gelten bereits die bisherigen zwölf gemeinsamen schwarz-roten Bundesregierungsjahre als Zumutung.