In einem kalten, schwarzen Teich

Kurz vor Spielzeitende gelingt dem Theater Osnabrück mit Sarah Kanes Menschheitsparabel „4.48 Psychose“ eine grandiose Seelenschau

Von Harff-Peter Schönherr

Es schneit. Sanft, zauberisch, unschuldsvoll schneit es, wieder und wieder, auf eine enge, karge, leblose Welt, die nur Verzweiflung kennt, Zerrissenheit, die Suche nach dem Tod.

Es ist eine verstörende, beklemmende Welt. Eine Welt voller Aufbegehren und Angst, Verlorenheit und Verlust, Wildheit und Wut. Ein Mann: der Patient. Sein Warten gilt dem frühen Morgen: Nur wenige Viertelstunden lang am Tag, ab 4 Uhr 48, erlebt er Augenblicke der Klarheit. Eine Frau: die Therapeutin. Was ihr Patient für Klarheit hält, analysiert sie als einen neuen Schub von Wahn.

Fast alles auf der Bühne ist schwarz: Wäscheständer und Schreibmaschine, Kühlschrank und Hollywoodschaukel, Telefon und Müllsack, Tisch und Fernseher. Was nicht schwarz ist, ist weiß: Tüllkleid und Schnabeltasse, Joghurt und Feinrippunterhemd. Und natürlich der Schnee, der fällt und fällt.

Sarah Kane, die sich 1999 das Leben nahm, mit nur 28 Jahren, kurz nach Vollendung von „4.48 Psychose“, weil sie ihre Depressionen nicht mehr ertrug, hat eine gedanklich ultraharte, sprachlich extrem verdichtete Menschheitsparabel geschrieben, einen Monolog in weiten Teilen, der dich trifft wie ein Handkantenschlag.

Und Jan Friedrich, der junge Regisseur, wird ihr so kühn, so schonungslos, so symbolistisch gerecht, dass es dir den Atem nimmt. Stefan Haschke, sein Protagonist, geht bis an seine Grenzen: brüllt, stöhnt und taumelt, erbricht sich, blutet, zeigt das Weiße seiner Augen, häuft Tabletten zu einem schäumenden Berg. Am Ende ist er schweiß­über­strömt, essensverschmiert, nackt. Eine grandiose Schauspielleistung.

Eine wortmächtige, kluge, bittere Seelenschau, die genau die richtige Balance findet zwischen Action und psychologischer Tiefe. Irgendwann sitzt Haschke mitten im Publikum: Der Mann, der hier leidet, an sich selbst, an der Welt, steht für uns alle.

Einmal presst sich Haschke in den Kühlschrank als wäre er ein Mutterleib. Einmal windet er sich eine Kette Cocktailwürste um die Stirn, wie eine Dornenkrone. Ketchup rinnt wie Blut auf seine Brust. Einmal ist die Bühne auch lange verwaist, bis auf die Breitwandleinwände rechts und links. Dann ist Haschke irgendwo im Gebäude unterwegs, filmt sich selbst, quält in einem gefängnishaften Krankenzimmer ein Wesen, das halb Versuchstier ist und halb Mensch. Bizarre Bilder. Manchmal erscheinen auf den Leinwänden auch Texte: „ertrinken im kalten, schwarzen Teich, der ich bin“. Dann hackt Haschke Selbstentblößungen in die Schreibmaschine – und seine Blätter bleiben dabei leer.

Wer Kanes Text als reine Selbsttherapie liest, geht fehl, dazu ist er zu bewusst komponiert. Aber dass Kane auch über sich selbst spricht, ist unverkennbar – und macht den Abend zu einer Herausforderung. Realität und Imagination verweben sich. Chiffren allerorten, Sinnbilder, Allegorien: Das Leiden des Psychiatrie-Insassen ist zugleich das Leiden Jesu? Stark.

Das Letzte, das wir hören, ist ein Flehen: „Bitte mach den Vorhang wieder auf!“ Aber da ist es zu spät. Da ist es schon dunkel. Der Tod ist da. Als ewige Nacht.

Nächste Aufführungen: 12., 14., 24., 27., 29., 30. 6., Emma-Theater, Osnabrück