Sabine am Orde über das Dilemma der AfD

Merkel als Kitt

Als die Kanzlerin in den vergangenen Wochen ins Wanken geriet, sahen das in der AfD manche mit Sorge. Es ist ein Paradox: Die Partei, die in Merkel das personifizierte Böse sieht, die Partei, die „Merkel-muss-weg“ durch die Republik brüllt – sie braucht die Kanzlerin. Die Wut auf sie ist, neben dem Hass auf Flüchtlinge und Muslime, der Kitt, der die AfD zusammenhält – und ihre WählerInnen mobilisiert.

Die Klügeren in der Partei haben das längst begriffen. Parteichef Gauland, der kaum eine Grenze mehr zu kennen scheint, nutzte denn auch seine Eröffnungsrede zum Angriff auf Merkel mit maximaler Provokation: Innerhalb von wenigen Minuten verglich er sie erst direkt mit Honecker, dann indirekt mit Hitler, wobei er letzteren Namen nicht aussprach, aber einen klaren Assoziationsrahmen schuf – und damit die Möglichkeit zur üblichen Entschuldigung „Das habe ich so nicht gesagt“ gleich einbaute.

Die Partei hat in Augsburg erneut gezeigt, wie zerrissen sie ist: Dies zeigt der Streit um die Anerkennung einer parteinahen Stiftung, für die viele sich starkmachten, die ein Teil aber als Verrat an den Grundfesten der AfD strikt ablehnt. Größere Sprengkraft aber hat für die radikal rechte Partei die Diskussion um Sozialpolitik. Meuthens Ziel, die gesetzliche Rente abzuschaffen, hat mit den Ideen der Völkisch-Nationalen aus Thüringen, die mehr Staat und einen Zuschlag auf niedrige Renten nur für Deutsche fordern, wenig gemein. Höcke & Co. setzten sich mit ihrem Antrag durch, im kommenden Jahr einen Sonderparteitag zum Thema Sozialpolitik zu machen, am liebsten in Sachsen.

2019 wird in Sachsen, Thüringen und Brandenburg gewählt, die AfD will in Sachsen stärkste Kraft werden und eine Regierungsbildung ohne sie maximal erschweren. „Wenn wir soziale Gerechtigkeit mit dem Thema Identität verknüpfen, werden wir zur stärksten Volkspartei“, so Höckes Credo. Meuthens Ansatz passt da nicht. Insgeheim dürfte die AfD froh sein, wenn Merkel im kommenden Jahr noch Kanzlerin ist.

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