Frederik Schindler war bei der Mahnwache für Jamal Nasser M.

Ein Sarg und eine Torte für Seehofer

Rund 70 Menschen sind vor dem Bundesinnenministerium am Moabiter Werder zu einer Mahnwache für den abgeschobenen Asylbewerber ­Jamal Nasser M. zusammengekommen. Der 23-Jährige war am Dienstag in Kabul nach seinem Suizid aufgefunden worden. Eine Woche zuvor war er mit 68 weiteren Afghanen abgeschoben worden.

Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) hatte sich am Tag vor dem Bekanntwerden des Suizids erfreut über die ungewöhnlich hohe Zahl der Abgeschobenen gezeigt: „Ausgerechnet an meinem 69. Geburtstag sind 69 – das war von mir nicht so bestellt – Personen nach Afghanistan zurückgeführt worden.“

Am Donnerstagabend tragen AktivistInnen einen schwarzen Sarg vor das Bundesinnenministerium und stellen Grablichter auf. Zudem platzieren sie einen Kuchen mit der Aufschrift „Happy Birthday“ auf dem Sarg und präsentieren zwei symbolische Geschenkpakete mit den Aufschriften „R.I.P. Jamal Nasser M.“ und „Glückwunsch Horst“.

Der Organisator, Raphael Thelen, erzählt der taz, er habe in einer „Impulshandlung“ die Mahnwache angemeldet. „Keine Parolen, keine Reden“ steht in seiner Veranstaltungsankündigung.

Einer, der reden will, ist Ferdinand Dürr. Er ist Mitgründer der deutsch-syrischen Initiative „Adopt a Revolution“, die zivilgesellschaftliche Arbeit in Syrien unterstützt. „Afghanistan ist kein sicheres Herkunftsland“, ruft er. „Wir sind entsetzt, dass jemand Innenminister sein kann, der so für eine absolute Verschärfung eintritt.“ Seehofers Politik führe dazu, dass der Rechtspopulismus in den Parlamenten eher stärker als schwächer werde.

Auch das Bündnis Seebrücke und der Sozialistisch-demokratische Studierendenverband (Die Linke.SDS) beteiligen sich an der Protestaktion. „Wir kritisieren die Gleichgültigkeit der Gesellschaft, wenn Menschen sterben“, sagt die SDS-Aktivistin Rhonda Koch. „Abschiebung kann Mord bedeuten. Der Fall von Jamal Nasser M. zeigt, dass das nicht nur eine linksradikale Parole ist.“

Jamal Nasser M. kam aus der nordafghanischen Provinz Balkh. Er hatte acht Jahre lang in Deutschland gelebt, war als Jugendlicher hierhergekommen, lebte in Hamburg. Dort war er unter anderem wegen Diebstahl und Körperverletzung verurteilt worden. Mit den verschiedenen Straftaten rechtfertigte die Hansestadt die Abschiebung des jungen Mannes.

Seehofer wies entsprechend am Donnerstag während der EU-Innenministerkonferenz in Innsbruck seine Verantwortung für die Auswahl der Menschen zurück. „Die Bundesländer führen uns diese Personen zu, und wir unterstützen die Bundesländer bei diesen Abschiebungen.“ Der Suizid sei „zutiefst bedauerlich, und wir sollten damit auch sachlich und rücksichtsvoll umgehen“.

Das Bündnis Seebrücke will in der nächsten Woche seinen Protest gegen die europäische Flüchtlingspolitik fortsetzen. In ganz Deutschland soll es weitere Demonstrationen für legale Fluchtmöglichkeiten nach Europa geben. „Wir wollen offene Grenzen, ein solidarisches Europa und ein sofortiges Wiedereinsetzen der Seenotrettung“, sagt Bündnissprecherin Liza Pflaum zur taz. Die Demonstrationen würden dabei nicht zentral gesteuert, sondern von Einzelpersonen und Gruppen aus den jeweiligen Städten organisiert. „Wir sind total überwältigt, wie sich die neu gegründete Bewegung fortsetzt, an allen möglichen Orten sprießen Aktionen aus dem Boden.“