„Mehr Verständnis für andere Länder“

Die Union debattiert über eine allgemeine Dienstpflicht für junge Männer und Frauen. Pastor Ulrich Pohl, Vorsitzender der Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel, schlägt vor, alle Schulabgänger sollen ein europäisches soziales Jahr absolvieren

Der Bundesfreiwillige Mohammed Rahal unterstützt in der Leo-Lionni-Grundschule in Berlin eine Willkommensklasse beim Deutschunterricht Foto: Britta Pedersen/dpa

Interview Hannes Koch

taz: Ein allgemeines soziales Jahr für alle jungen Frauen und Männer schlugen Sie bereits 2017 vor. Nun diskutiert die Politik darüber. Was halten Sie von der Idee, die CDU-Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer in die Debatte geworfen hat?

Ulrich Pohl: Es wundert mich, dass die Diskussion erst jetzt richtig beginnt. Aber ich freue mich über die positive Resonanz.

Jetzt geht es um einen Dienst für Deutschland. Ihr Anliegen ist es aber, dass die jungen Leute auch im euro­päischen Ausland arbeiten sollen. Warum ist Ihnen das wichtig?

Ich wünsche mir, dass Schulabgänger ein besseres Gespür für unsere Gesellschaft insgesamt bekommen. Sie sollen über den Tellerrand schauen und sich mit Lebenslagen beschäftigen, die ihnen sonst verborgen blieben. Dabei wäre Wahlfreiheit gut. Manche interessieren sich für soziale Fragen, andere für ökologische oder internationale Anliegen. Weil die europäische Idee augenblicklich unter Druck steht, könnte die Arbeit in den Nachbarländern zu mehr grenzüberschreitendem Verständnis führen. In Frankreich wird gerade Ähnliches diskutiert. Dort geht es um einen sozialen Monat, was ich allerdings für zu kurz halte.

Sie wollen den sozialen Zusammenhalt stärken. Wie passt das zur CDU-Idee, den seit 2011 ausgesetzten Wehrdienst bei wieder zu aktivieren?

Besser wäre es, wenn die Armee keine Rolle spielte. Aber wir müssen den juristischen und politischen Zusammenhang zwischen Wehr- und Zivildienst zur Kenntnis nehmen. In jedem Fall sollte man den jungen Menschen die Wahl lassen, wo sie ihr Jahr für die Allgemeinheit leisten. Verhandlungen über das Recht, den Kriegsdienst zu verweigern, wie sie früher üblich waren, braucht niemand mehr.

FDP, Grüne und Linke sagen, ein Pflichtdienst passe nicht in die Zeit. Engagement funktioniere nur freiwillig. Ihre Entgegnung?

Freiwillig werden diejenigen aktiv, die bereits Motivation und Interesse für gesellschaftliche Fragen hegen. Ein verpflichtender Dienst würde dagegen alle jungen Leute einbeziehen. Die Lerneffekte und der Erfahrungszuwachs erreichten die gesamte Bevölkerung.

Ihr Unternehmen Bethel betreut bedürftige Menschen, beispielsweise Alte sowie Leute mit körperlichen und geistigen Einschränkungen. Brauchen Sie den Pflichtdienst, um künftig die Versorgung sicherzustellen?

Nein. Es geht nicht darum, Lücken zu füllen und Stellen zu besetzen. Auch die rund 500 jungen Menschen, die derzeit jährlich das Bethel-Jahr unter anderem im Rahmen des Bundesfreiwilligendienstes absolvieren, betrachten wir nicht als normale Arbeitskräfte.

Sie sagen, das soziale Jahr junger Menschen sollte vernünftig bezahlt werden. Bei 1.000 Euro monatlich pro Kopf und beispielsweise 1.000 Beschäftigten würde das Bethel rund 12 Millionen Euro pro Jahr kosten. Sind Sie in der Lage, dieses Geld aufzubringen?

Einen Teil können wir sicherlich selbst stemmen. Aber nicht alles.

Bei einer Million Schulabgängern betrügen die Gesamtkosten in der Bundesrepublik etwa 12 Milliarden Euro jährlich. Ihr Finanzierungsvorschlag?

Ungefähr die Hälfte sollte der Staat tragen. 6 Milliarden Euro ist eine Summe, die sich aus ­einem Bundeshaushalt mit 344 Milliarden Euro finanzieren lässt.