heute in bremen

„Schwer getroffene Verlierer“

taz: Herr Mann, fast glaubt man, schon alles über die Familie Mann zu wissen – Sie aber erzählen in Ihrem Buch deren „unbekannte Geschichte“.

Foto: Thomas Rimpel

Jindrich Mann ist 1948 in Prag geboren, Filmemacher und der Enkel von Heinrich Mann

Jindrich Mann: Wer weiß schon alles? Und übrigens, wer zählt zu der Familie? Ich nenne es für mich einen „dokumentarischen Roman“ und vielleicht wird Ihnen dies oder jenes erst bekannt, nachdem sie es dort gelesen haben.

Sie sind in Prag aufgewachsen, weit weg vom Rest der Familie Mann und all ihrer Exzentrik. War das Fluch oder Segen für Sie?

Es war für mich weder Fluch noch Segen, es war für mich eine interessante Tatsache, dass es einerseits gar keine eigene Verwandtschaft in meiner unmittelbaren Umgebung gibt, dafür welche in der sagenhaften unbekannten Welt hinter dem eisernen Vorhang, der zu meiner Kindeszeit noch sehr eisern war. Und dass ich zu einer Veranstaltung irgendwie doch gehöre, deren Konturen sich für mich erst peu a peu zeichneten. Aber es war insgesamt etwas, was mich wirklich kaum innerlich bewegte.

Ihre Familie ist nach dem Prager Aufstand nach Deutschland emigriert. Wie war das für Sie, hier auf die sogenannte „68er-Generation“ zu treffen?

Es gab nur Gegensätzlichkeiten. Sie schwenkten rote Fahnen, ich bin vor diesen geflohen. Sie vergötterten Diktatoren und wollten mir einreden, diese sind keine, oder wollen, falls sie doch welche sind, der Menschheit nur wohltuende Sachen diktieren. Sie wollten ihre Vorfahren nachträglich besiegen, ich mochte die meinen. Mir sagte weder die Politik noch die Poetik, die sie mir präsentierten, zu. Und die ihrer Gegner auch nicht unbedingt. Erst nach Jahrzehnten habe ich auch das Positive, das sie zur Entwicklung der alten Bundesrepublik beigesteuert haben, schätzen gelernt. Die 68er aus dem „Westen“ haben ihren Gang durch die Institutionen gehabt, und führten dabei – jeder trägt an seinem Schicksal, klar – insgesamt ein interessantes, amüsantes, erfolgreiches Leben. Die 68er im „Osten“ und in der damaligen Tschechoslowakei speziell, waren 20 Jahre lang schwer getroffene Verlierer.

Lesung zum 50. Jahrestag der Niederschlagung des „Prager Frühlings“, 19 Uhr, Villa Sponte, Osterdeich 59b

Seit 1989 leben Sie wieder in Prag. Welche Rolle spielt der Prager Frühling in der Wahrnehmung der Tschechen heute?

Das Ende davon – die Invasion der Armeen – eine große. Es hat für Jahrzehnte die Lebensläufe und Charaktere geformt, Entscheidungen aufgezwängt, die über Jahre in das Leben fast jeder Familie irgendwie, meist schwerwiegend, einwirkten.