Heilung durch Kanon

Notizbuch: Die „Zeit“ wünscht sich Ordnung und will, dass alle dieselben Romane lesen

Es könnte sogar ein ziemlich gutes literarisches Motiv sein. Jemand – der Leiter einer Volkshochschule etwa oder eine Universitätsdozentin – leidet an der Zerrissenheit der Gesellschaft und versucht sie mit Bücherwissen zu heilen. Eine hintergründige Komödie könnte das abgeben oder so etwas wie eine modernisierte Donquichotterie. Gegen so einen zynischer Zündler von Bild-Chef wie Julian Reichelt könnte die Hauptfigur argumentierend anrennen wie gegen Windmühlen. Oder er oder sie könnte auf einer AfD-Tagung auftauchen mit Goethes „Faust“ im Gepäck, um den Anwesenden die universalistischen Gehalte dieses angeblich deutschesten aller deutschen Dramen zu vermitteln.

Meg Wolitzer: „Das weibliche Prinzip“. Aus dem Englischen von Henning Ahrens. Dumont, Köln 2018. 544 Seiten, 18,99 Euro.

Als Tragödie wäre das auch vorstellbar. Denn selbstverständlich würde unser engagierter Held, unsere idealistische Heldin mit diesem Vorhaben scheitern. Möglicherweise würde er/sie darüber depressiv verzweifeln oder aber sich radikalisieren und ein aktueller Michael Kohlhaas werden, ein Rächer aus Rechtschaffenheit.

In der Realität hat nun die Zeit den Versuch unternommen, die Zerrissenheit durch einen Wissenskanon zu kitten. Ihr Ansatz sieht allerdings weder nach einer Komödie noch nach einer Tragödie aus, sondern nach einem Rührstück. Einen „modernen Kanon aus hundert Meisterwerken, über den eine zerrissene Gesellschaft wieder ins Gespräch kommen könnte“ kündigt die Seite eins an. „Die Welt ist in Unordnung. Wie verständigt sich eine Gesellschaft in Aufruhr? Durch einen gemeinsamen Fundus an Wissen“, lautet die Unterzeile im Blatt. Sie scheinen in Hamburg tatsächlich zu glauben, dass alles gut wird, wenn alle dieselben Bücher lesen.

In echt passiert allerdings etwas anderes. Die Kernleserschaft dämmert über so einen Titel entspannt nickend ein, eingelullt dadurch, dass sich die Konflikte der Gegenwart aus der Welt träumen lassen. Und die versierteren LeserInnen hinterfragen das Verfahren. Merken an, dass zu wenig Frauen im Kanon vorkommen, wundern sich doch sehr, dass in der Filmsparte neben dem „Paten“ auch „Das Leben der Anderen“ auftaucht, unter den Büchern keine „Anna Karenina“, kein Richard Ford; und dass es die Zeit dafür aber gut hinbekommen hat, unter den naturwissenschaftlichen Sachbüchern eigene Kollegen zu promoten. Aufgestellte Kanons verraten eben mehr über diejenigen, die sie aufstellten, als über die Komplexität der Gesellschaft.

Überhaupt. Als wäre eine Gesellschaft, in der sich ihre Mitglieder artig über die Werke beugen, die ihnen eine Redaktion vorgab, irgendwie realistisch oder auch nur wünschenswert. Wer angesichts von ausgetragenen Konflikten von Zerrissenheit redet, sollte erst einmal seine eigenen Fantasien von Einheit und Homogenisierung hinterfragen. Wenn man schon pädagogisch sein will: Besser als einen heilenden Wissensfundus zu behaupten, wäre es, Möglichkeit zu interessanteren Debatten aufzuzeigen. drk