In Latzhosen fürs Guinness-Buch

Das Jazzkollektiv Berlin und seine straff organisierten „Kollektiv Nights“ im Kreuzberger Tiyatrom

Allein von Eintrittsgeldern lässt sich 2018 kein Jazz-Happening finanzieren in Berlin, auch wenn noch so namhafte Musiker von Modern bis Free Jazz aufgeboten werden. So ergeht es auch dem Jazzkollektiv Berlin, das mal wieder zu einer seiner „Kollektiv Nights“ einlädt. So heißt seine regelmäßige viertägige Veranstaltung, bei der an jedem der Abende jeweils drei Acts spielen. Seit zehn Jahren gibt es „Kollektiv Nights“ inzwischen, gefördert vom Berliner Senat, anders wäre so eine Veranstaltung gar nicht denkbar, denn oftmals finden sich nur um die 50 ZuschauerInnen ein.

Interessant ist übrigens der Ort der Veranstaltung. Seit Längerem ist man mit dem Festival nun im türkischen Theater Tiyatrom in Kreuzberg zu Gast. Am Tresen wird Köfte serviert und neben dem Eingang zum Theater- und Konzertsaal liegen Kassetten türkischer Popsänger aus, die man für zwei Euro erstehen kann. Als ein Ort für den Jazz eignet sich das Haus jedoch trefflich. Man sitzt im Rund um die Musiker herum und die Akustik ist hervorragend.

Große Palette

Sieben Mitglieder hat das Jazzkollektiv Berlin. Diese präsentieren aktuelle Bandprojekte, haben aber auch befreundete Musikerkollegen geladen, die nicht direkt mit dem Kollektiv verbandelt sind. Die Palette an Jazzfarben, die angerührt werden, ist dabei groß, das zeigt sich gleich am ersten Abend. Da spielt zuerst das Trio D.R.A. unter Leitung des Vibrafonisten Christopher Dell seinen klar strukturierten Modern Jazz. Gleich danach tritt die Sängerin Almut Kühne solo auf und am Ende spielen sich G.U.L.F. of Berlin gemeinsam mit der französischen Kontrabassistin Hélène Labarrière in Quintett-Besetzung noch richtig frei. Der Abend folgt so einer ziemlich gelungenen Dramaturgie.

Spannend ist vor allem, wie sich Almut Kühne inszeniert. Sie steht als zierliche Frau solo vor dem Mikrofon und setzt ihren Körper unter Strom, sobald sie nur den Mund aufmacht. Alles, was da hier herausströmt an Gurgellauten, Zischeln und Kunstächzen, sei improvisiert, erklärt sie ihrem Publikum, das sie mitnehmen wolle auf eine „Reise ins Ungewisse.“ Zwischen Sprachpoesie und abstraktem Jazzgesang bewegt sich ihr gesanglicher Vortrag. Sie scattet, klingt mal wie Billie Holiday, mal wie Eddie Murphy, wenn sie versucht, so schnell Silben aneinanderzureihen, als wolle sie sich dabei für einen Eintrag im Guinness-Buch der Rekorde bewerben.

Die Stimmung ist gut und entspannt auf dem Festival. Weniger die Free-Jazz-Jünger werden hier angesprochen, sondern ein etwas jüngeres Publikum. Zwischen jedem Act gibt es eine kurze Pause, dann geht es zügig und straff organisiert weiter. Die Veranstaltung ist klein und unprätentiös und dennoch hochprofessionell.

Wunderbares Instrument

Bei GULF of Berlin lässt sich am Ende noch erleben, dass zwei Kontrabassisten in einer Combo tatsächlich besser sein können als bloß einer. Dass das Sousaphon ein wunderbares Instrument für den Jazz sein kann. Und dass man als Drummer auch in einer Latzhose würdevoll wirken kann. Mögen noch viele Kollektiv Nights für ähnlich wichtige Erkenntnisse folgen.