Faszinierende Einigkeit

Musik, die aus dem Boden wächst: Beim Eröffnungsabend des Musikfests begeistern Daniel Barenboim und die Staatskapelle mit Strawinsky und durchleuchten das komplexe Werk von Pierre Boulez

Bei der skandalumwitterten Uraufführung im Jahr 1913 soll es Gelächter bereits beim ersten Ton gegeben haben. Ein einsames Fagott beginnt Igor Strawinskys „Sacre du printemps“, doch in einer so hohen Lage, dass es irritierend körperlos klingt und wie nicht ganz von dieser Welt. Es ist eine Eingangspassage, die gleichsam aus dem Nichts kommt.

So hält es auch Daniel Barenboim. Ganz und gar unzeremoniell marschiert er am Eröffnungsabend des Musikfests nach der Pause zum Podium. Es ist eine faszinierende Demonstration von großer Einigkeit zwischen Dirigent und Orchester, die Barenboim und die Staatskapelle mit diesem „Sacre“ geben. Der Maestro, bekannt für eine hochpräzise Probenarbeit, kann seinem Orchester vertrauen, wenn es darauf ankommt, und lässt es über weite Passagen einfach machen.

Große Gesten setzt der 75-Jährige äußerst sparsam, aber mit umso größerem Effekt ein, gibt Charakter- und Taktwechsel und präzise Grundstrukturen an, hält sich aber insgesamt so betont zurück, dass sich dadurch noch der Eindruck verstärkt, die Musik käme aus dem Boden unter unser aller Füßen gewachsen. Die rhythmisierten Ostinati, die Strawinsky penetrant bis zur Erschöpfung einsetzt, werden tempomäßig so im Zaum gehalten, dass die Spannung gleichsam ununterbrochen, bis zum Schluss, kurz vor der Entladung zu stehen scheint. Es ist manchmal kaum auszuhalten. Noch mehr als alle anderen Instrumentengruppen werden die Schlagzeuger am Schluss enthusiastisch gefeiert.

Es ist ein toller, eindrucksvoller Abschluss eines Abends, der mit einem deutlich sperrigeren Werk begonnen hatte, mit ­Pierre Boulez’ selten gespieltem Stück „Rituel in memoriam Bruno Maderna“. Barenboim, langjähriger Freund und Interpret des vor zwei Jahren verstorbenen Komponisten, nutzt auch auf diesem Musikfest die Gelegenheit, Boulez’ hochkomplexes Werk für großes Publikum aufzubereiten. Dazu gehört die einführende, didaktisch wertvolle Maßnahme, Teile der Komposition anzuspielen und ihre Struktur zu erläutern. Das ist wichtig, denn wenn man nicht vorab im Programmheft gelesen hat, weiß und hört man nicht, auf welchen numerisch-strukturellen Prinzipien dieses Stück beruht, bei dem das Orchester in Gruppen aufgeteilt ist, deren jede einen eigenen Schlagzeuger hat und einen eigenen Ort im Saal besetzt.

Die Philharmonie mit ihren vielen verschiedenen Ebenen ist der perfekte Ort dafür, weil sich die Klangwelten hier über­einanderschieben und begegnen können und dabei doch unterscheidbar bleiben. Es ist lustig, zu beobachten, wie in jenen Passagen, in denen ganz die Schlagzeuger der einzelnen Gruppen das Geschehen bestimmen, dem Dirigenten bequem Zeit bleibt, die Seiten seiner absurd riesigen Partitur zu wenden und sich sogar zwischendurch mal am Kopf zu kratzen.

Auf jeden Fall herrlich, dass wieder Musikfest ist, denn der normale Repertoirebetrieb im Orchesterwesen gibt solche Abende, an denen nur Kompositionen vom 20. Jahrhundert an aufwärts gespielt werden, ja kaum noch her. In den nächsten zwei Wochen also, bis zum 18. September, wird es viele seltene musikalische Gelegenheiten geben. Auch Gelegenheiten, mehr Boulez zu hören, vor allem aber sehr viel Stockhausen. Insgesamt vier große Abende mit Werken von Karlheinz Stockhausen sind vorgesehen. Ein weiterer personeller Schwerpunkt liegt auf den Schultern des britischen Dirigenten und Komponisten George Benjamin, der drei Abende als Dirigent bestreitet – unter anderem mit den Berliner Philharmonikern – und darüber hinaus eigene Kompositionen im Programm hat.

Und ein sehr besonderes Highlight dieses Jahr ist die Aufführung des Antikriegsstummfilms „J’accuse“ von Abel Gance mit der dazu neu komponierten Musik von Philippe Schoeller. Zu hören und zu sehen am 14. September im Konzerthaus mit Frank Strobel und dem Rundfunk-Sinfonieorchester.