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Mit Silikon gegen Voyeure

Wer in Seoul eine öffent­liche Damentoilette oder Umkleidekabine aufsucht, sollte ­SILIKONDICHTSTOFF dabeihaben. Dieser skurril klingende Ratschlag kursiert seit Jahren unter Südkoreanerinnen und soll ihre Privatsphäre gewährleisten. Mit dem Stoff verstopfen sie winzige Löcher in Wand und Decke, hinter denen Kriminelle tausendfach Kameras in­stalliert haben, um die Aufnahmen der nackten oder halbnackten Frauen als „Spy-Cam Porn“ im Netz zu vertreiben.

Rund 70.000 Frauen gingen in den vergangenen Wochen immer wieder auf die Straße und forderten die Regierung auf, sie vor sexueller Ausbeutung zu schützen. Zum Teil mit Erfolg. Denn welchen Stellenwert die südkoreanische Regierung bisher der Sicherheit weiblicher Mitbürgerinnen gab, zeigen folgende Zahlen: Lediglich 50 Personen waren bis vor Kurzem dafür verantwortlich, Seouls über 20.000 öffentliche WCs auf versteckte Kameras zu checken. Nach wochenlangem öffentlichen Aufruhr sollen die insgesamt 8.000 Reinigungskräfte diese Aufgabe mitübernehmen. War ein Mitarbeiter vorher also für 400 Toiletten verantwortlich, sind es jetzt weitaus realistischere zweieinhalb.

Erst im Mai gewann die Anti-Spy-Cam-Bewegung an Zuwachs. Kurz zuvor war eine Studentin der Seouler Hongik Universität zu zwölf Monaten Haft verurteilt worden, weil sie das Nacktbild eines männlichen Models im Netz geteilt hatte. Die Protestierenden warfen der südkoreanischen Justiz daraufhin Sexismus vor. Denn: Wer die Spy-Cam-Filme online verbreitet, muss oft nur mit einer niedrigen Geldstrafe rechnen.

Präsident Moon Jae In dementierte, dass es eine von Polizei und Justiz gestützte Ungleichbehandlung zwischen Männern und Frauen gebe. Zu Beginn seiner Amtszeit hatte sich Moon als „feministischer Präsident“ bezeichnet, der Südkorea zu einem sichereren Ort für Frauen machen wolle.

Heimliches Filmen ist kein neues Phänomen in Südkorea. Mit dem technischen Fortschritt wird es immer perfider: Kriminelle manipulierten bereits Kugelschreiber, Schuhe oder Brillengläser mit Kameras. Besonders verbreitet ist das sogenannte upskirting, bei dem Frauen beispielsweise auf Rolltreppen oder in öffentlichen Verkehrsmitteln unter den Rock fotografiert wird.

Als Konsequenz lässt sich an in Südkorea verkauften Smartphones das Auslösegeräusch der Kamera nicht auf stumm schalten – damit die Frauen hören, wenn sie fotografiert werden, und gar nicht erst zum Silikon greifen müssen. (lgu)