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Weniger postkolonial, mehr Gegenzukunft: „Ethnofuturismen“

Unser Leben ist ein Wechsel von Gegenwart zu Gegenwart. Dabei verbeugen wir uns vor oder kritisieren die Vergangenheit, vor der Zukunft haben wir Angst. Zukunft ist kein Möglichkeitsraum mehr, sondern Bedrohung. Zum Anfassen gibt es sie höchstens in technischer Form, als Software-Update oder präemptive Empfehlungsalgorithmen auf Amazon, die immer schon wissen, was wir wollen sollen. Wo das Politische in einer von Konsumprodukten beherrschten Zukunft bleibt, fragen sich seit einigen Jahren ein paar PhilosophInnen und haben das Ganze Akzelerationismus getauft. Während sich der linke Flügel (Alex Williams, Nick Srnicek) die volle Automatisierung und ein bedingungsloses Grundeinkommen wünscht, sinniert ihr rechter Flügel (Nick Land) von einer apokalyptischen Welt, die von autoritären wie hoch technologisierten Stadtstaaten regiert wird. Beide denken die Gegenwart von der Zukunft aus. Doch ihre Perspektive ist stets eine westliche.

Armen Avanessian et al.: „Ethnofuturismen“. Merve Verlag, Berlin 2018, 150 S., 15 Euro

Der kleine Band „Ethnofuturismen“, herausgegeben von Armen Avanessian und Mahan Moalemi, möchte dem etwas entgegensetzen. Der Begriff, bewusst im Plural stehend, umfasst alternative Zukunftsideen, die mal bedrohlich, mal wünschenswert, mal ziemlich abgefahren daherkommen. So verpasst der britische Kulturtheoretiker Kodwo Eshun in einem gewohnt kongenialen Essay dem Afrofuturismus eine überfällige Aktualisierung und wünscht sich weniger postkoloniale Gegenerinnerungen (Toni Morrison) und mehr „Gegenzukünfte“.

Der jüngst gefeierte Superhelden-Film „Black Panther“ könnte hierfür schon das erste Beispiel sein. Hieran knüpft die Autorin Aria Dean an und bringt den Akzelerationismus mit einer afrofuturistischen Blickrichtung zusammen. Ersterem wirft sie vor, wie etwa bei der Beschreibung der Entstehung des Kapitalismus allgemein, die Position des Kolonialismus ignoriert zu haben. Der Kapitalismus sei vor allem mithilfe der Ausbeutung der Sklaven als kostenlose „Arbeitswaren“ hervorgebracht worden. Abstrakter wird es im rauschhaften Essai von Autor und Musiker Steve Goodman aka Kode9, in dem er den Begriff „Sinofuturismus“ zu fassen versucht. Darin verschaltet er Ideen über die geheimen Machenschaften der chinesischen Triaden mit Sun Tses Täuschungsmanöver-Bibel „Kunst des Krieges“ sowie den Strategien der Hongkonger Untergrund-Banknetzwerke zu einem wilden Cut-up-Text über den Zusammenhang von Kybernetik und moderner Chronopolitik. Die basiert, wie wir als Empfänger personalisierter Werbung wissen, vor allem auf Feedbackschleifen. Auf die so ermöglichten Verschlüsselungssysteme hätten laut Goodman Verbrechersyndikate immer gehofft.

Was all die oft schlauen wie wirren Ideen nun mit einer anderen, womöglich besseren Zukunft zu tun haben, bleibt zu denken der LeserIn überlassen. Genauso wie aus der losen Textsammlung ein konsistentes Etwas zu stricken. Dass wir statt einer „xenophoben Vergangenheitsgenossenschaft“, wie es der von der neuen Rechten gefeierte Ethnopluralismus propagiert, eine „xenofuturistische Zukunftsgenossenschaft“, wie es im Vorwort heißt, benötigen, ist nicht nur wünschenswert, sondern notwendig. Nur eine Zukunft, in der Menschen sich nicht festen „Kulturen“ zugehörig fühlen, sondern als Teil einer emanzipierten Weltgemeinschaft, ist eine, in der wir besser leben können.