Die unterschätzte Verletzlichkeit des Bertolt Brecht

Vielleicht liegt ja eben jetzt ein junger Mensch auf einer Liege im traurigsten Ort der Welt und liest seine Verse: Stephen Parkers neue große Biografie gibt Einblickin ein so fragiles wie reiches Schriftstellerleben

Problematisches Verhältnis zu seinem Körper: Bertolt Brecht als 20-Jähriger Foto: dpa

Wenn eine neue große Brecht-Biografie herauskommt, dann wirft das mindestens zwei große Fragen auf: Die erste ist, ob wir nun – endlich – den ganzen Brecht bekommen, nicht den ideologisch zugerichteten, ob nun in der realsozialistisch-gipsernen, in der bösen Frauenverbraucher- oder, fast schon vergessen, in der antikommunistischen Eigentlich-war-er-ein-Dichter-Variante. Die zweite Frage ist: Wen interessiert das eigentlich noch?

Ich jedenfalls erinnere mich an einen bohemistischen Abend, an dem mein Freund eine proletarisch-bayerische Schönheit mit Brecht-Versen rumkriegen wollte, dabei ausgerechnet das kanonische Gedicht „Erinnerung an die Marie A.“ zitierend. Als die Rede auf die „stille bleiche Liebe“ kam, fuhr ihm die Begehrte übers Maul: „I bin weder still noch bleich.“ Ins Bett gingen sie dann trotzdem, sie wollte ja auch ficken, aber sich eben nicht, wie wir heute vielleicht sagen würden, „othern“ lassen (falls Sie sich an der Wortwahl stören: „Er aß wenig, trank wenig und fickte sehr viel“, war das durchaus wohlwollende Fazit zu Brecht von Joseph Losey, Regisseur der Uraufführung von „Leben des Galilei“ in Hollywood).

Die Marie-A.-Geschichte ist mehr als dreißig Jahre her, der sexuelle Gebrauchswert von Brechts Lyrik dürfte seitdem weiter abgenommen haben. Ja, ich vermute, dass der Lyriker Brecht vielen heute mehr als unangenehm schlicht unverständlich ist.

Schon er selbst sah ja die Geschichtlichkeit seines Werkes, als er sich etwa 1948 in der Schweiz von einem Architekten namens Max Frisch durch das von dem gebaute Freibad führen ließ und anschließend anachronistisch notierte: „Diese Riesenbassins für Tausende machen übrigens das Hauspostillen-Gedicht ‚Vom Schwimmen in Seen und Flüssen‘ schon zur historischen Reminiszenz.“

Aber – wer weiß: Vielleicht liegt ja eben jetzt ein junger Mensch auf einer Liege im traurigsten Ort der Welt, einem Spaßbad, und liest hochgespannt sich vorflüsternd so etwas wie „Ich bin zu den Leuten freundlich. Ich setze / Einen steifen Hut auf nach ihrem Brauch. / Ich sage: Es sind ganz besonders riechende Tiere. / Und ich sage: Es macht nichts, ich bin es auch.“

Mich haben solche Verse jedenfalls einst völlig weggeblasen. Womit wir zur ersten Frage zurückkommen: Gibt der britische Germanist Stephen Parker uns mit seiner im Original 2014 als „Bertolt Brecht: A Literary Life“ und heuer im Suhrkamp Verlag auf Deutsch erschienenen Biografie den ganzen Brecht? Ich würde sagen: fast. Es ist unbedingt der beste Brecht, den wir je hatten – und wenn der Verlag neben der gelungenen Übersetzung noch ein oder zwei Lesebändchen spendiert hätte, dann wäre die Freude an diesem Tausendseiter vollkommen.

Ich muss nun einschränkend sagen, dass ich eine wissenschaftliche Re- und Gegenlektüre der anderen großen Brecht-Biografien hier nicht bieten kann. Zu nennen wären jedenfalls Werner Mittenzwei: „Das Leben des Bertolt Brecht oder Der Umgang mit den Welträtseln“ (Suhrkamp, 2002) und John Fuegi mit „Brecht & Co.“ (EVA, 1997). Zu nennen sind aber auch Studien, die die große Zusammenschau erst ermöglichen: Zur einstigen Großfrage, wer bei den Werken, wo Brecht draufsteht, eigentlich noch so alles als Autorin (!) genannt werden müsste, ist zum Beispiel gerade der sehr interessante Band „Laxheit in Fragen Geistigen Eigentums – Brecht und das Urheberrecht“ erschienen.

Der Punkt bei einer Biografie ist der, dass mehrere Leben aufeinanderstoßen: das des Porträtierten, das des Autors und das des Lesenden. „Neu“ in Stephen Parkers Biografie nenne ich auch das, was zum ersten Mal in der ganzen Problematik und Fülle wahrgenommen und verstanden wird: das innig-problematische Verhältnis zur Mutter und zum Vater; die unglaubliche Zähigkeit, sich nicht einfach als Schriftsteller, sondern als Genie im Berlin der 1920er Jahre zu etablieren; die Rolle Margarete Steffins als Jungkommunistin, die den bürgerlichen KPD-Sympathisanten auf Linie bringen soll, aber stattdessen auf Brecht’sche Linie gebracht wird; die radikale Auseinandersetzung mit den Schauprozessen in der Sowjetunion im ersten, „dänischen“ „Galilei“1938/39; die akute Bedrohung Brechts durch die stalinistischen Häscher; das Ausmaß der Bespitzelung durch das FBI in den USA; die Klarsicht, dass im Intrigenstadel Ostberlin nur eine starke Gruppe gegen den stinkenden Nationalismus der Moskauer Kulturfunktionärsclique würde bestehen können. Das alles ist nicht unbedingt neu, aber es ist plastisch, klar und spannend erzählt und immer zu eigenen aktuellen Fragen anregend. Es ist ein in der Tat reiches Leben, das wir hier miterleben dürfen.

Dass Brecht – die meiste Zeit, die auf Erden ihm gegeben war, ohne Antibiotika auskommen müssend – ein seit seiner Kindheit chronisch kranker Mensch und überzeugter Anhänger der Homöopathie war, seine Nahrungs- und Atmungsprobleme sowie die entsprechenden ausgefeilten Diät- und Behandlungsstrategien: Dies ist mit allen Details dargestellt.

Stephen Parker argumentiert an zentraler Stelle seines Buches – und von Brechts Leben – so: „Gerade mal 27, aber über alle Maßen fragil, hatte Brecht einen Punkt erreicht, wo er sich eingestehen musste, dass er in Zukunft wie ein älterer Mann innerhalb selbst gewählter Grenzen zu leben hatte, […], anstatt seinen wilden und gefährlichen Instinkten nachzugehen. Kritiker und Biografen haben diesen entscheidenden Moment in Brechts Leben nicht angemessen erfassen können, weil ihnen die grundsätzliche Problematik von Brechts körperlichem Dilemma entgangen ist. Und das hatte Auswirkungen für eine wesentliche Frage der Brecht-Forschung. Welche gemeinsamen Aspekte finden sich – bei allen, scheinbar radikalen Unterschieden – bei dem jungen wie dem älteren Brecht? Probleme, wie Brechts Aneignung des Marxismus, wichtig, wie sie sind, hatten Vorrang vor der Frage, welche Konsequenzen sein problematisches Verhältnis zu seinem Körper auf seine geistige und künstlerische Entwicklung und auch auf seine Beziehung zu anderen Menschen hatte.“

Parkers zweiter Beleg für die unterschätzte Verletzlichkeit Brechts ist dessen Erfahrung des Ersten Weltkriegs. Hier zitiert er einen Brief Brechts an seinen Sohn Stephan. Die Erfahrung des Kriegs habe es erforderlich gemacht, sich eine „UNEMPFINDLICHKEIT (unzerstörbarkeit, unverwüstlichkeit)“ zuzulegen. Brecht weiter: „die schwierigkeit, nicht sogleich sichtbar, bestand darin, dass die gesellschaft, den wunsch in uns erweckend, unempfindlich zu werden, zugleich die produktivität (nicht nur auf künstlerischem gebiet) abhängig machte von der empfindlichkeit, d. h. der produktive hatte den preis der verletzlichkeit zu entrichten.“

Welcher Produktive würde hier nicht immer noch ein Saite mitschwingen spüren? Was Parker so gut zeigt, bei Brechts Verhältnis zu Kafka, zu Schönberg, zu Picasso, zu Karl Valentin, zu Chaplin, ist, dass er – Augenhöhe, also Genie vorausgesetzt – keine ideologischen Beschränkungen der künstlerischen Produktion hinzunehmen bereit war, während die tatsächliche, auch heutige ideologische Einflussnahme und Zensur der Kunst immer Angst hat vor Produktivität.

Fragen bleiben. So kann Parker nicht verstehen, wie Brecht Silvester 1932/33 eine Party schmeißen konnte, zu der auch der ins rechtsextreme Lager übergewechselte einstige Buddy Arnolt Bronnen, glühend-überzeugte junge Nationalsozialisten und sogar Ernst von Salomon, einer der Mörder Walter Rathenaus, eingeladen waren.

Glaubte Brecht wirklich, die KPD würde den anstehenden Bürgerkrieg gewinnen? Ich würde ja meinen, dass hier eher etwas Vormodern-Süddeutsches durchkommt: ein Nichtakzeptieren, dass das, was Leute so reden und sagen und auch tun, sie ganz ausmacht; eine Verbundenheit insbesondere mit den Jugendfreunden, die einen unverletzlichen Kern bei ihnen behauptet, der dann auch durch zwölf Jahre angepasstes Leben in Nazideutschland nicht desavouiert worden ist; aber das sage ich natürlich unter Mobilisierung meiner eigenen süddeutsch-vormodernen Anteile.

Solche Sachen meinte ich, wenn ich oben „fast“ sagte; ich könnte noch anderes aufzählen, ein Detail wie den arg kurz behandelten Marie-Luise-Fleißer-Komplex oder die so sehr viel gewichtigere Frage, ob es in einer Brecht-Biografie unserer Zeit nicht ein eigenes Kapitel „Brecht und der Holocaust“ geben müsste.

Brechts Schlussworte auf dem Sterbebett waren bekanntlich und angeblich: „Lasst mich in Ruh’!“ Den Gefallen können wir ihm nach diesem Buch nun nicht tun.